Feiern gegen Rechts

Offener Brief an Michael Schlitt

Sehr geehrter Herr Schlitt!
Ausgerechnet Ostritz, Ort mit 2 400 Einwohnern in der Oberlausitz, haben sich Neonazis als Treffpunkt auserkoren! Zu ihren Zusammenkünften gehören Reden prominenter NPD-Funktionäre, Fackelzüge, Kampfsportschauen, „nationale Tätowier-Kunst“ und Großkonzerte szenebekannter Bands. Manche ihrer Lieder sind verboten, weil sie unverblümt zu Gewalt gegen Ausländer und Juden aufhetzen. Da sind T-Shirts zu sehen, die Namen und Institutionen aus dem Dritten Reich verherrlichen. Aus allen Teilen Deutschlands und angrenzenden Ländern kommen bis zu 1 000 Rechtsextremisten zum „Schild-und-Schwert-Festival“ im Hotel Neißeblick, abgekürzt SS-Festival: Das macht mit Recht vielen Bürgern Angst. Ostritz will keine Nazi-Stadt sein!
Aber was tun? Ignorieren, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf solche Events zu ziehen? Protestieren, um klar zu machen, dass viele Leute die menschenverachtende Ideologie für schädlich halten und ihre Ausbreitung aufhalten wollen? Sie und die Ostritzer Bürger sind einen anderen Weg gegangen. Einen originellen und lebensfrohen noch dazu!
Zusammen mit der Kommune haben Sie eine Parallelveranstaltung organisiert, das „Ostritzer Friedensfest“. Inzwischen schon das fünfte Mal. Bis zu 3 000 Besucher hat es angezogen. Hut ab! Geboten wird eine erstaunliche Vielfalt: Dokumentarfilme zur Nazi-Szene, politische Foren, Infostände, Mitbringpicknick, Kinderzaubershow, Theater, Lesungen, Bands, Menschenkette, Soccerturnier, Radeln, Singen, Tanzen, Basteln, Gottesdienste, Andachten –  wunderbar, welch enorme Kreativität die Initiative freigesetzt hat! Die Teilnehmer können sich über Rechtsextremismus informieren, selbst aktiv werden, sich einfach nur unterhalten lassen oder ausgelassen feiern.
Was Sie beabsichtigen, wird auf den Programmflyern klar kommuniziert: Hinsehen, um Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Extremismus zu erkennen. Handeln, um Ostritz eine Stimme zu verleihen, den Ort zu beleben und zu schützen. Zeichen setzen für das Engagement der bürgerlichen Mitte, Weltoffenheit, Toleranz und Frieden.
Friedensfest heißt, dass Sie keinen Konfrontationskurs wollen. Sie bringen unterschiedlichste Gruppen zusammen und schaffen es so, mäßigend auf eine emotional hoch aufgeladene Situation einzuwirken.
Dass die Ostritzer nicht leicht klein beigeben, beweist die Aktion „Kein Bier für Nazis“. Für ein Rechtsrock-Festival hatte die Stadt ein Alkoholverbot durchgesetzt, die Polizei 4 200 Liter Bier vom Festival-Gelände abtransportiert. Bevor Hunderte Rechtsgesinnte in die Supermärkte einfallen konnten, kauften die Ostritzer die Biervorräte selbst auf.
Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat veranschaulicht: Es ist nicht ungefährlich, offen Gesicht gegen Rechtsextremismus zu zeigen. Daher können wir Ihre Zivilcourage gar nicht hoch genug schätzen! Mit unseren Lesern wünschen wir Ihnen und den Ostritzern Durchhaltevermögen und den nötigen Zusammenhalt, um auch weiterhin zu verhindern, dass Rechtsradikale den öffentlichen Raum für sich vereinnahmen! Denn die planen auch für 2020 wieder ein Rechtsrock-Festival.
Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Michael Schlitt
ist Vorsitzender des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal (IBZ), einer Bildungsstätte auf dem Gelände eines Zisterzienserinnenklosters. Es liegt in Ostsachsen zwischen Görlitz und Zittau bei Ostritz direkt an der Grenze zu Polen. Schlitt hat das „ Ostritzer Friedensfest“ initiiert. Mit dieser Initiative setzen sich das IBZ, die Kommune mit Oberbürgermeisterin Marion Prange und viele Ostritzer seit Anfang 2018 gegen rechtsextremistische Massenveranstaltungen ein.

www.ostritzer-friedensfest.de

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar Ausgabe 2020)
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