Gegenwart und Verheißung
„Alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen.“ (Jesaja 52,10)
Das erste Bild, das in mir beim Denken an das Heil Gottes aufsteigt, ist: Da ist alles wunderbar geordnet, ein bezauberndes Mosaik, an dem jedes Steinchen seinen Platz hat, zarte und kräftige Farbtöne in Harmonie aufeinander abgestimmt, grandiose Weite und Pracht, vollkommenes Miteinander, Leichtigkeit… auf jeden Fall ohne Missklänge. Somit ist auch naheliegend: Das Heil Gottes liegt außerhalb von mir, ist ein Sehnsuchtsbild, theologisch gesprochen eine Verheißung. Das Verb „werden“ bekräftigt dieses Gefühl. Es wird kommen, aber ist noch lange nicht da, und, ehrlich gesagt, wohl auch unerreichbar.
In diesem Sinn entmutigt mich das „Wort des Lebens“ für Dezember auch ein wenig. Denn schließlich lebe ich im Hier und Jetzt mit Gebrochenheit in mir und um mich herum.
Ein guter Grund, um den Psalm im Ganzen anzusehen. Welch Überraschung: Der Blick richtet sich nicht von mir auf Gott, sondern Gott blickt auf sein Volk und Aufforderungen wie „Wach auf, bekleide dich mit Macht!“ (Vers 1) – „Schüttle den Staub von dir ab. Löse die Fesseln von deinem Hals.“ (Vers 2) sprechen auch zu mir, sehen meine Lasten und Gebundenheiten, aber auch meine Größe und Stärke.
Gott kommt auf mich zu, zeigt sich und handelt: „Der HERR hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblößt“ (Vers 10). Dieser Satz geht dem „Wort des Lebens“ voraus. Das Handeln Gottes an seinem Volk, an seinem Geschöpf, das heißt auch an mir, macht Gottes Heil sichtbar. Bis an die Grenzen der Erde, also auch da, wo ich bin.
Somit doch keine Zukunftsmusik, sondern nur im Hier und Jetzt möglich.
An mir ist es also: nicht festkleben und mich binden lassen, mich aufmachen, gerne auch stolz sein, mich zeigen, wissend dass sich hier das Heil Gottes sowohl in seiner barmherzigen als auch schöpferischen Liebe und Vielfalt zeigt. Und so ist dieses Wort dann auch wieder Verheißung.
Vor einigen Wochen begleitete ich eine Freundin beim Sterben ihres Sohnes. Vor dem Bett des Verstorbenen stehend, der die Schwelle ins andere Leben überschritten hat, drängte sich mir – wie so oft in solchen Situationen – die Frage auf: Wo ist er jetzt? In welcher Wirklichkeit lebt er? Erfüllen sich jetzt die Sehnsuchtsbilder?
Ich will und kann vertrauen: So wie Gottes Heil jetzt schon darin besteht, mich frei und heil zu machen, so will er es umso mehr für jedes seiner Geschöpfe in der Ewigkeit. Ja – je mehr ich schon jetzt dem Heil Gottes in mir Raum gebe und es erfahre, umso stärker ist die Gewissheit der noch größeren Fülle bei der Vollendung des Lebens. So wird das Verb „werden“ zur Sicherheit einer Entfaltung.
Ester Klein
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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