Natürlich gab es eine Mutter!
Erfahrungsberichte.
Natürlich gab es eine Mutter!
Seit einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, das Evangelium zu vertiefen und jeden Tag ein wenig darin zu lesen. Vor kurzem hatte ich frei. Als ich am späten Nachmittag einkaufen fuhr, parkte ich vor dem Lebensmittelmarkt, und da kam mir in den Sinn, dass ich an diesem Tag meinen Vorsatz noch nicht verwirklicht hatte. So blieb ich sitzen, nahm mein kleines Neues-Testament-Buch aus der Tasche und las einen Absatz der Apostelgeschichte. Erst dann machte ich mich ans Aussteigen, um einzukaufen. In diesem Moment kam ein Mann auf mich zu, den ich aus unserer Pfarre kannte. Er kommt hin und wieder zum Pfarrcafe oder zur Messe.
Karl ist etwa 35 bis 40 Jahre alt, groß und eigentlich ein hübscher Mann. Man merkt nicht immer sofort, dass er geistig behindert ist und auch starke Konzentrations- und Sprachstörungen hat. Ein Gespräch mit ihm ist deshalb immer eine Herausforderung an Geduld und Konzentration. Diese Behinderung dürfte er nicht immer gehabt haben, denn manchmal, wenn ich mich mit ihm unterhalte und gut zuhöre, merke ich, dass er mehr Wissen hat, als man ihm zutrauen würde; möglicherweise hat er sogar studiert.
Oft ist Karl ziemlich verschmutzt, und manchmal ist auch seine Hose nass. Dieses Mal hatte er eine total rotzige Nase und ein picklig-schmutziges Gesicht. Sofort dachte ich, dass ich ihm sicher nicht die Hand geben würde. Aber da streckte er mir schon die Hand entgegen, und so überwand ich meine Abneigung, um ihn dann möglichst herzlich zu begrüßen. Karl erzählte mir, dass er mich im Auto gesehen hatte und eigentlich in den Lebensmittelmarkt gehen wollte, weil heute eine bestimmte Kekssorte im Angebot war. Aber er überlegte wohl schon eine ganze Weile: „Die wollen das da manchmal nicht, wenn ich so stinke oder so…“ Ich bot ihm an, die Kekse mitzunehmen, wenn er so lange auf mich warten würde. Darüber war er sehr erleichtert.
Nach meinem Einkauf wartete er am Parkplatz bei meinem Auto, und ich gab ihm seine Kekse. Er bedankte sich und erzählte, dass er heute schon mit seiner Mutter telefoniert hatte. Und in diesem Augenblick schoss mir fast beschämt durch den Kopf: „Natürlich gibt es auch eine Mutter zu diesem Sohn!“ Und: „Wenn meinem Kind so was widerfahren würde, wäre ich auch froh, wenn er Menschen träfe, die ihn als Mensch würdig behandeln.“
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, fuhr ich fröhlich nach Hause. Es freute mich, dass ich „diesen Sohn“ wie eine Mutter behandelt hatte.
A.H.
Eine unvergessliche Religionsstunde
Ich erteile Religionsunterricht an einer Förderschule für Lernbehinderte. Vor einigen Tagen wurden versehentlich die Schüler einer dritten Klasse vorzeitig nach Hause geschickt, sodass in meiner Religionsgruppe nur noch fünf Schüler anwesend waren. Mit dem Thema wollte ich nicht fortfahren, da der Inhalt auch für die folgenden Stunden von Bedeutung war. So sammelte ich mich kurz, um zu überlegen, was wir miteinander tun konnten. Dabei bat ich Gott innerlich um Hilfe, damit es für die Kinder schön, aber auch eine sinnvolle Hilfe wäre.
Spontan fiel mir das Spiel „Loben“ ein. Dazu stellt sich ein Kind in die Mitte des Stuhlkreises und jedes andere Kind aus dem Kreis darf/soll dem Kind in der Mitte etwas Schönes sagen, beispielsweise was es besonders gut kann oder was den anderen besonders an ihm gefällt.
Da so wenige Kinder anwesend waren, kam jedes Kind einmal in die Mitte. Mit sehr viel Liebe sagten sich die Schüler ganz wunderbare Komplimente, und zum Schluss sagten sie ganz natürlich zu mir: „Du musst auch noch in die Mitte.“ So wurde auch ich dann noch sehr reich beschenkt mit Rückmeldungen, die ich so nicht erwartet hatte.
Am Ende der Stunde nahm mich ein Schüler, der oft depressiv und manchmal sogar verzweifelt ist, weil er seit Kurzem im Heim lebt und in seiner Familie schlimme Erfahrungen gemacht hat, ganz fest in den Arm. Eine Schülerin, die immer äußerst still und zurückhaltend am Religionsunterricht teilnimmt, schrieb mir zur nächsten Stunde einen Brief und bat mich, sie in den Sommerferien nicht zu vergessen, und dass sie mich in den Ferien vermissen wird.
Ich habe den Eindruck, dass diese Stunde für die Kinder sehr wichtig war und sie sehr bestärkt hat. Wie die Schüler, so werde auch ich diese Religionsstunde sicher nicht vergessen.
M.S.
Mehr als man erbittet.
Als ich gegen Mittag am Haus einer mir gut bekannten älteren Dame vorbeikam, sah ich ein Gartengerät an der Haustür stehen. An der Türklinke hing ihre Jacke. Sie selbst aber war nicht zu sehen. Ich sagte mir: Sicher ist die Dame dabei, das Unkraut auf dem großen Vorplatz ihres Hauses zu jäten. Und wahrscheinlich ist sie schon müde und braucht eine Pause. In der Zwischenzeit kannst du ja weitermachen! So tat ich es.
Plötzlich hörte ich hinter mir ihre erstaunte Stimme. Sie war hinters Haus gegangen, um einen Besen zu holen, und war nun überrascht, mich bei ihrer Rückkehr bei der Arbeit zu sehen. Ganz selbstverständlich arbeiteten wir zu zweit weiter. Während der Arbeit vertraute sie mir an, dass sie am Morgen Gott gebeten hatte, ihr die nötige Kraft für diese doch recht mühsame Arbeit zu schenken. Dann fügte sie hinzu: „Und Gott gibt immer mehr, als man erbittet!“
M.W.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2012)
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