7. Juni 2026

Menschliches Wirtschaften

Von nst5

„Wirtschaft in Gemeinschaft“ bedeutet, dass Unternehmen

in Gemeinschaft verbunden sind, und zugleich, dass sie die Gemeinschaft aller Menschen, die Gesellschaft, im Blick haben. Sie wollen erfolgreich sein, um Armut bekämpfen und eine „Kultur des Gebens“ fördern zu können. Vier Stimmen aus Lateinamerika zum 35-jährigen Bestehen.

Illustration oben: Ciudad Nueva; starline (freepik.com)

Vor 35 Jahren, im Mai 1991, rief Chiara Lubich die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ ins Leben. Die Armut zu überwinden, war schon in den Anfängen der Fokolar-Bewegung in Trient ein zentrales Anliegen. Angesichts des Elends in den riesigen Armenvierteln brasilianischer Großstädte regte die Gründerin an, dass auch Unternehmen helfen, Armut zu bekämpfen und eine „Kultur des Gebens“ zu verbreiten.
Zum Jubiläum hat Susana Nuin von unserer kolumbianischen Schwesterzeitschrift „Ciudad Nueva“ vier führende Persönlichkeiten der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ in Lateinamerika gebeten, einen Einblick in Entwicklung, Herausforderungen und Zukunftsaussichten dieses Projektes zu geben.
Grundanliegen der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ sei zweifellos, eine gerechtere, nachhaltige und geschwisterliche Welt aufzubauen, meint Jomery Nery aus Brasilien. Lucas Longhi ergänzt: „Das Unternehmen als zentraler Akteur kann die persönliche Entwicklung jeder und jedes Einzelnen fördern, die mit ihm in Berührung kommen.“ Der argentinische Unternehmer begleitet die Akteure der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ auch in Chile, Paraguay und Uruguay. Bay Kiong Afú aus Costa Rica und Rocío Fuentes aus Bolivien vertreten eine Region, die von den Andenländern bis nach Mexiko und in die Karibik reicht. Sie betonen: „Die Grundüberzeugung der ‚Wirtschaft in Gemeinschaft‘ besteht darin, den Menschen durch eine auf ihn ausgerichtete Wirtschaft zu würdigen.“
In den Jahren seit 1991, so Jomery Nery, sei ein Netzwerk aus Unternehmern, Wissenschaftlerinnen, politisch Engagierten und vielen anderen entstanden, deren Anliegen es sei, soziale Wirkung zu erzielen. „Diese Wirkung“, so der Präsident der „Nationalen Vereinigung für eine Wirtschaft in Gemeinschaft in Brasilien“, „lässt sich anhand der Erzählungen, Lebenswege und der Vision der Beteiligten erkennen – wunderbare Geschichten von gut dreißig kleinen und großen Projekten.“

Menschlicheres Wirtschaften
Lucas Longhi unterstreicht, dass weltweit viele Unternehmen gezeigt haben, dass menschlicheres Wirtschaften erfolgreich sein könne. „Der Übergang von einer Wirtschaft, die auf Besitzen und Anhäufen basiert, zu einer Wirtschaft des Schenkens und Gebens ist möglich und notwendig.“ 56 Kongresse seit 1991 zielten darauf ab, die Unternehmerinnen und Unternehmer auf ihrem Weg zu begleiten.
Bay Kiong Afú und Rocío Fuentes sind dankbar für Unternehmen, die – von diesem neuen Weg inspiriert – auch in widrigen Situationen wie in Kuba oder den peruanischen Bergen tätig sind. 
Die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ möchte nicht nur Unternehmen ermutigen, Armut zu bekämpfen, sie möchte auch Köpfe und Herzen für eine „Kultur des Gebens“ gewinnen. „In Zusammenarbeit mit der Universität Asces-Unita in Caruaru im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco haben wir das ‚Zentrum für Forschung und Studien zur Wirtschaft in Gemeinschaft‘ gegründet“, erläutert Jomery Nery. „Dort arbeiten wir daran, dem Begriff ‚Gemeinschaft‘ eine wissenschaftliche Grundlage zu geben.“

Illustration: Ciudad Nueva; starline (freepik.com)

Die „Kultur des Gebens“, bekräftigt Lucas Longhi, entwickele sich weiter, vor allem dank der Beziehung zwischen Menschen, die sich in das Projekt verliebt haben und an dieses Modell der Unternehmensführung glauben. „Einander als Schwestern und Brüder zu sehen und das Schöne sowie das, was uns schwerfällt, zu teilen, gibt uns Kraft.“ Diese Gemeinschaft von Menschen schaffe eine Kultur, die zunächst im Unternehmen lebendig wird, um dann andere anzustecken. Wichtig seien auch die vielen Ausbildungskurse für Jugendliche und zahlreiche Initiativen, die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ bekannt zu machen, wie etwa zehn an der Universität von Buenos Aires angebotene Symposien sowie die Veröffentlichung von über 40 Artikeln in Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften.

Gesellschaftliche Wirkung
Die größte Herausforderung für eine dauerhafte Entwicklung der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ besteht für Jomery Nery darin, Wege zu finden, dass die soziale Dimension des Projektes eine größere gesellschaftliche Wirkung erzielen könne. Ihm scheint, dass eine globale kulturelle Bewegung wie die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ eine Form der internationalen Koordination benötige, wenn möglich auf einer rechtlich verfassten Grundlage.
Auch Lucas Longhi sieht jede Menge Hindernisse, betont jedoch, dass sie Chancen seien, um dem eingeschlagenen Weg auf reifere Weise treu zu bleiben. „Bei Niederlagen oder Enttäuschungen denken wir leicht, wir hätten versagt. Dabei sind sie notwendige Etappen des Weges; Chancen, tiefer zu gehen und sich erneut für die unternehmerische Berufung zur Gemeinschaft zu entscheiden.“
Für Bay Kiong Afú und Rocío Fuentes besteht die Herausforderung darin, die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ weiter zu verbreiten und mehr Menschen zu erreichen. Eine weitere wichtige Aufgabe sei es, Isolation zu vermeiden: „Kein Unternehmer soll sich allein fühlen, sondern Teil einer lebendigen Gemeinschaft und eines internationalen Netzwerks sein.“ Es sei grundlegend zu verstehen, dass alle in unterschiedlichen Rollen Teil der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ sein können: als Unternehmer, als Fachleute, als Rentner mit Beiträgen zu Treuhandfonds, die helfen, neue Unternehmen zu gründen, als Mitarbeiter, Verbraucher oder Förderer dieser Unternehmenskultur.

Gegenseitige Unterstützung
„Wir glauben, dass es eine besondere Berufung ist, Unternehmer der ‚Wirtschaft in Gemeinschaft‘ zu sein. In der Vergangenheit gab es Versuche, die sich nicht halten konnten, oft aufgrund mangelnder Vorbereitung oder angemessener Begleitung der Unternehmer.“ Diese seien in einem hart umkämpften Markt tätig, weshalb sie effizient sein, über hochqualifizierte Mitarbeiter verfügen und Produkte und Dienstleistungen mit Mehrwert und ständiger Innovation anbieten müssen. „Deshalb ist es entscheidend, die Unterstützung zu stärken, damit mehr Projekte langfristig tragfähig sind.“
Jomery Nery meint: „Wir sind auf dem Weg, das zu verwirklichen, was Chiara Lubich im Sinn hatte, als sie die ‚Wirtschaft in Gemeinschaft‘ intuitiv erfasste. Ich setze große Hoffnung in die Menschen. Gemeinschaft ist das Ergebnis von Dialog, Vertrauen und Gegenseitigkeit. Ich spüre, dass wir jeden Tag einen Schritt weiterkommen, eine neue Art des Denkens über Wirtschaft und Gesellschaft zu begründen.“
Für Lucas Longhi geht es darum, größere Wirkung und Reichweite zu erzielen, ohne das Wesentliche, die Identität der Gemeinschaft, aus den Augen zu verlieren. „Da es unzählige Erfahrungen von Unternehmen gibt, die zu einer gerechteren Welt beitragen, sind wir voller Hoffnung.“
Bay Kiong Afú und Rocío Fuentes setzen auf eine neue Generation an Unternehmerinnen und Unternehmern. „Es gibt eine Gemeinschaft junger Menschen, eine digital aufgewachsene Generation, die keine Angst hat, unternehmerisch zu handeln und diesen Weg weiter zu gestalten.“
Susana Nuin und Peter Forst


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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