7. Juni 2026

Reizwort “Feminismus”

Von nst5

Warum es sich lohnen kann, dem Gedanken

Raum zu geben, dass mehr Gleichberechtigung gut für alle ist.

Bild oben: (c) pikisuperstar (freepik.com)

Feminismus ist für viele Menschen – Frauen wie Männer, gerade auch unter glaubenden Menschen – ein Reizwort. Und doch haben wir auf die Titelseite dieser Ausgabe geschrieben: „Feminismus. Mehr Gleichberechtigung ist gut für alle“. So viel gleich zu Beginn: Ich habe in den vergangenen Wochen noch einmal ganz neu verstanden, dass es sich lohnt, sich auf diesen Gedanken einzulassen.
Für viele Menschen ist das Thema Feminismus abgehandelt. Sie sagen: Frauen haben doch längst die volle Gleichberechtigung erreicht. Andere sehen zwar, dass es Ungleichheiten gibt, doch empfinden sie Feministinnen (und Feministen) als schrill und übertrieben. Religiöse Menschen traditioneller Prägung schließlich empfinden Feminismus häufig als Angriff auf die Familie und als Verwischung der natürlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Es ist nicht alles falsch an diesen Überzeugungen. Frauen haben tatsächlich viel erreicht; manche Ausdrucksformen des Feminismus wirken aggressiv; und sicher greift es zu kurz, wenn die Verschiedenheit von Mann und Frau allein auf Erziehung und Umwelt zurückgeführt wird. 
Warum also lohnt es sich trotzdem, offen für die Anliegen des Feminismus zu sein? Feminismus meint im Grunde genommen nichts anderes als „Niemand wird benachteiligt – und niemand wird bevorzugt.“

Die Verschiedenheit von Mann und Frau ist über Jahrhunderte als Vorwand genutzt worden, um Frauen auf eine niedrigere Stufe zu stellen; sie zu benachteiligen oder gar zu unterdrücken. Bis heute. Diese Benachteiligung hat vor allem strukturelle Gründe. Es sind tief verankerte Prägungen, die Frauen trotz rechtlicher Gleichstellung schlechter stellen. Ein paar Beispiele. 

  • Einkommen: Frauen verdienen im Schnitt deutlich weniger als Männer. 
  • Care-Arbeit: Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit (Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt).
  • Führungspositionen: Frauen sind in Politik und Aufsichtsräten unterrepräsentiert.
  • Soziale Sicherung: Die hohe Anzahl von Minijobs unter Frauen führt zu unsicherer Beschäftigung und Altersarmut. 
  • Gesundheit: Medizinische Forschung und Behandlung richten sich oft am männlichen Körper aus.
  • Sprache: Oft nutzen Menschen ganz selbstverständlich die männliche Form in der Überzeugung, dass Frauen mitgedacht sind. Tatsächlich aber stellen sich die meisten Menschen einen Mann vor, wenn sie „Arzt“, „Pfleger“ oder „Erzieher“ hören.

All dies hat sich in den Köpfen von Männern und Frauen festgesetzt und prägt ihr Verhalten. Feminismus ist deshalb kein Kampf gegen Männer, sondern gegen Strukturen, die Frauen systematisch benachteiligen.
Dass mehr Gleichberechtigung gut für Frauen ist, erschließt sich also recht schnell. Aber wieso sollte sie allen gut tun, auch Männern? Vielleicht lassen folgende Gedanken ein wenig davon erahnen:

  • Rollenbilder: Männer müssen nicht mehr ausschließlich stark sein. Sie können verletzlich sein, Gefühle zeigen und sich entfalten, ohne allein auf Macht zu setzen.
  • Familie und Partnerschaft: Durch die Aufteilung der Care-Arbeit gewinnen Männer mehr Lebensqualität, Zeit für ihre Kinder und eine intensivere partnerschaftliche Beziehung.
  • Gesundheit: Wenn der Druck abfällt, Haupternährer sein zu müssen, und gefährliche Verhaltensweisen wie übermäßiger Alkoholkonsum abgelegt werden, sinkt das Risiko für Stresserkrankungen. Die Lebenserwartung steigt.
  • Beziehungen: Wenn Frauen finanziell unabhängig und gleichgestellt sind, entstehen Partnerschaften auf Augenhöhe, die seltener durch Machtkämpfe belastet sind.
  • Teilhabe: Männer können Berufe ergreifen, die ihren Talenten entsprechen, auch wenn diese als „feminin“ gelten, ohne belächelt zu werden.
Bild: (c) pikisuperstar (freepik.com)

Wie schließlich steht es um die Frauenfrage im Glaubensleben? Hier möchte ich eine längere Passage aus dem Online-Tagebuch von Sarah Keshtkaran (honigdusche.com) zitieren. Sie ist Mutter, Autorin und Christin.
„Wenn wir uns in den Bibelkontext der Evangelien hineinlesen, merken wir: Jesus hatte mehr männliche Jünger, ja. Aber er hatte weibliche Jüngerinnen, mit denen er allein sprach, die er unterrichtete, von denen er sich unterstützen ließ, mit denen er reiste. All das war revolutionär. So einen Rabbi gab es vorher nicht. … Und der Bibeltext aus Epheser 5 („Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau“) war so, wie er dort steht, Status Quo für die damalige Gesellschaft … Was dort jedoch auch steht, ist neu und beinhaltet revolutionäres Material: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi … Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben … So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib.“ In einer Kultur, in der Frauen nicht einmal gezählt wurden und man Gott regelmäßig dankte, nicht als Heide oder Frau geboren zu sein, sollte man sich nun den Frauen hingeben und sich ihnen unterordnen … Damals beinhaltet selbst einer der Texte, der heute am stärksten gegen die Gleichheit der Frau ausgelegt wird, feministische, revolutionäre Botschaften. Wenn Jesus damals schon Feminist war, warum sollte er heute seine Richtung geändert haben?“
Diese Zeilen und auch die Artikel auf den folgenden Seiten verlangen etwas von allen, vermutlich ein bisschen mehr von uns Männern: die Bereitschaft, Frauen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, sich vielleicht an den Aussagen zu reiben, bereit zu sein, von ihnen zu lernen und Konsequenzen aus dem Gelernten zu ziehen. So können wir gemeinsam einer Gleichheit näherkommen, die nicht Gleichmacherei, sondern Gleichstellung bedeutet. Können Sie da mitgehen? Ich freue mich auf Ihre Reaktionen.
Peter Forst


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