Ferndiagnosen im Iran
Offener Brief an das Netzwerk ParsiMed
Sehr geehrtes ParsiMed-Team!
Erst nach und nach hatten wir aus den Nachrichten erfahren, wie das iranische Regime am 8. und 9. Januar auf die Demonstrationen gegen die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme und die Regierung reagiert hat: mit unvorstellbarer Grausamkeit. Über 30 000 Tote und 300 000 Verletzte soll es gegeben haben. Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani nennt es das „größte Massaker an Demonstranten, das es jemals gab“. Als die USA und Israel Ende Februar ihre Angriffe auf den Iran starteten, hofften viele auf einen baldigen Sturz des Mullah-Regimes. Es erwies sich jedoch als wesentlich widerstandsfähiger als erhofft. Seinen Krieg gegen alle Bürgerinnen und Bürger, die es verdächtigt, nicht auf seiner Linie zu sein, setzt es nun unerbittlich fort.
Sie bieten über die sozialen Medien oder Satellitentelefon Menschen im Iran Sprechstunden an, die selbst oder deren Angehörige Verletzungen durch regimetreue Kräfte erleiden: Junge, Alte, Kinder, Schwangere, die die Attacken überlebt haben. Anhand von Fotos oder per Video-Call begutachten Sie die Folgen von Tränengaseinsätzen, durch Schlagstöcke verursachte Prellungen, Brüche, Schusswunden. Sie fragen nach, um zu verstehen, wie akut die Situation ist: Blutet die Person? Hat sie Fieber? Leidet sie unter Atemnot? Je nach Schwere geben Sie nach der Ferndiagnose Anweisungen, wie geholfen werden kann.
Ihre Arbeit ist deshalb so wichtig, weil diese Patienten nicht mehr wissen, wem im Iran sie noch trauen können. Die Truppen des Regimes verfolgen ihre Opfer bis in die Kliniken oder Arztpraxen. Sie verhindern die medizinische Versorgung derer, die gegen die Machthaber aufgestanden sind und daher von deren Truppen angegriffen wurden. Diese werden stattdessen gefangen genommen, verschleppt oder im Krankenbett erschossen. Wer vom medizinischen Personal nicht kooperiert und sich widersetzt, dem drohen selbst Haft, wenn nicht gar Folter oder Hinrichtung.
Es ist bewundernswert, mit wie viel Zeit und Energie Sie sich neben Ihrer regulären Arbeit für Ihre Landsleute engagieren! Sie sammeln Spenden, organisieren im Iran nur schwer verfügbare und teure Medikamente, zahlen Operationen und Rollstühle und vermitteln vertrauenswürdige Mediziner im Iran, die bereit sind, Verletzten zu helfen, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen. Über die Sozialen Medien prangern Sie die Repressionen im Iran an und geben Ihren verfolgten Kolleginnen und Kollegen ein Gesicht: Sie nennen die Namen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen, die im Iran inhaftiert und mit dem Tod bedroht werden.
Zusammen mit vielen Landsleuten träumen Sie von einem demokratisch geführten Iran. Seit Jahrzehnten sind Sie Teil unserer Gesellschaft, haben jedoch die Menschen in Ihrem Heimatland nicht vergessen, die das Regime seiner Ideologie und seinem Machterhalt opfert. Während viele Menschen in Europa über die hohen Benzinpreise klagen, erinnern Sie uns daran, dass das iranische Volk einen ungleich höheren Preis zahlt.
Mit freundlichen Grüßen
Clemens Behr, Redaktion NEUE STADT

ParsiMed
ist ein Netzwerk iranischstämmiger Mediziner verschiedener Fachrichtungen, Psychotherapeuten und Apotheker in Deutschland, das 2022 im Zuge der blutigen Niederschlagung der damaligen Massenproteste gegen das Mullah-Regime entstanden ist. Vor allem unterstützt es per Telemedizin verletzte Demonstranten im Iran. Zu ParsiMed gehören rund 40 aktive Ärztinnen und Ärzte und 400 Unterstützerinnen und Unterstützer. Ähnlich arbeiten die internationalen Netzwerke „Patriotic Doctors of Iran“ und „International Independent Physicians and Healthcare Providers Association“.
parsimed.org
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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