6. Juni 2026

Keine Lust mehr

Von nst5

Warum müssen Frauen immer noch erklären,

dass Feminismus wichtig ist?

Foto: privat

Faye Harbour,
22, studiert Psychologie in Köln. Sie lebt „in einer wunderbaren Wohngemeinschaft“ mit sieben weiteren Frauen und ist „sehr dankbar für unsere starke Gemeinschaft. Wir teilen die Höhen und Tiefen unseres Lebens, sowie große und kleine Momente.“


Für mich ist Feminismus der Kampf für Gleichberechtigung in allen Bereichen des Lebens. Es geht nicht darum, gegen Männer zu hetzen, sondern zu schauen, wie alle gemeinsam mehr Sicherheit und Gerechtigkeit schaffen können.
Ich nehme wahr, dass – anders als in unserer Elterngeneration – viele Frauen meiner Generation mit dem Thema Feminismus aufgewachsen sind. Wir informieren uns vor allem über die sozialen Netzwerke, und ich stelle mit Freude fest, dass die Solidarität unter uns Frauen immer stärker wird.
Viele Menschen, insbesondere Männer behaupten, Frauen seien doch längst gleichberechtigt. Feministinnen (und Feministen) machten das Thema zu groß und stellten zu hohe Forderungen. Letztlich sei Feminismus nichts anderes als Männerhass. Dabei liegen die Gründe, warum Feminismus wichtig ist, doch auf der Hand: Jede dritte Frau hat sexualisierte Gewalt erlebt; bei gleicher Arbeit verdienen Frauen immer noch deutlich weniger; sie leisten den weitaus größten Teil der unbezahlten Care Arbeit; …
Klar ist: Feminismus polarisiert. Manche Menschen fühlen sich überrumpelt oder angegriffen und reagieren mit Abwehr. Selbst unter den jungen Menschen bilden sich verschiedene Lager. Während die einen immer feministischer werden, vertreten die anderen wieder konservative Werte.
Für mich als Feministin ist es frustrierend, diese Gegenbewegung zu beobachten, die sich in allen Generationen zeigt. Denn wir alle, auch Männer, leiden unter dem Patriarchat. So gehört es etwa zum typischen Bild eines starken Mannes, keine Gefühle zu zeigen und keine Hilfe zu brauchen. Dabei sind Männer häufiger einsam als Frauen und auch das Suizidrisiko ist bei ihnen höher. 
Manchmal habe ich keine Lust mehr, Feminismus zu rechtfertigen und zu erklären, wieso wir den Einsatz für Gleichberechtigung weiterhin brauchen. Besonders gegenüber Männern. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Männer sich solidarisieren, die Erfahrungen von Frauen ernst nehmen und ihre Stimme erheben. Denn von ihnen gehen die Probleme wie sexualisierte Gewalt aus, und wegen ihnen fühlen Frauen sich im Dunkeln unsicher. 
Natürlich sind nicht alle Männer Täter, doch reicht es nicht, wenn Männer die Verantwortung von sich weisen und sagen, sie gehörten zu „den Guten“. Leider aber zeigen viele Männer keine Eigeninitiative, weil sie denken, das Thema betreffe sie nicht. Dabei sind sie gefragt, lange bevor es zu Gewalt gegen Frauen kommt. Denn es macht einen Unterschied, ob sie über sexistische Witze lachen oder nicht; ob sie etwas sagen, wenn ihre Freunde abfällig über Frauen sprechen oder nicht. 
Ein Teil von mir hat es deshalb satt, Feminismus zu erklären, da es für mich so offensichtlich ist, dass wir alle von einer gleichberechtigten Gesellschaft profitieren würden. Der andere Teil weiß, dass ich Menschen, die das anders sehen, am besten erreiche, wenn ich sie dort abhole, wo sie sind. Das heißt zuhören, Ängste ernst nehmen und einen gemeinsamen Nenner suchen. Vielleicht lohnt es sich ja.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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