6. Juni 2026

Feminismus und Wirtschaft

Von nst5

Cornelia Iken

Foto: privat

Cornelia Iken,
54, ist Diplom-Theologin und arbeitet seit 25 Jahren im Krankenhausmanagement, davon einen Großteil in führender Funktion. Sie hat zahlreiche Projekte geleitet, Budgets verantwortet, Konflikte moderiert. Und sie hat erlebt, wie es ist, wenn sie die einzige Frau im Raum ist – und wie es ist, wenn das keine Rolle spielt.


Was fehlt, wenn Frauen nicht da sind? Zunächst einmal: Frauen. Und damit 50 Prozent der Menschheit, 50 Prozent an Begabungen, Talenten, Erfahrungen, Sichtweisen. Ich tue mich schwer mit der Vorstellung, es gebe typisch männliche oder typisch weibliche Eigenschaften. Jeder Mensch bringt seine eigene Perspektive mit. Sie ist nicht männlich oder weiblich, sondern individuell.
Ich schreibe bewusst nicht über „toxische Männlichkeit“. Natürlich habe ich unangenehme Situationen erlebt. Doch falsche Männlichkeit ist für mich genauso wenig ein Maßstab wie falsche Weiblichkeit. Es geht nicht um Schlagworte, sondern um Haltung und Respekt.
Entscheidend erscheinen mir also weniger biologische Zuschreibungen als soziale Rollen. Wenn in einer Organisation überwiegend Männer in Vollzeit arbeiten, die kaum familiäre Verantwortung übernehmen, prägt das selbstverständlich die Diskussionskultur und Prioritätensetzung. Kommt eine Frau hinzu, die neben ihrer Führungsaufgabe auch familiäre Aufgaben hat – sei es die Sorge für Kinder oder für Eltern, bringt sie andere Erfahrungen ein. Aber nicht, weil sie eine „weibliche Sicht“ hat, sondern weil ihr Lebenskontext ein anderer ist.
Als junge Frau stellte sich mir die Frage nach meinem Platz kaum. Und auch heute gibt es viele Sitzungen, in denen ich vergesse, ob ich mit Männern oder Frauen am Tisch sitze. Ich erinnere mich an Besprechungen, in denen ich die einzige Frau war – und selbstverständlich die Leitung innehatte. Fachlich waren mir manche Männer überlegen, doch ich trug die Führungsverantwortung, strukturierte, entschied, moderierte. Der Respekt war da. Für mich ist das der Kern: gegenseitiger Respekt und der Mut, sich gerade hinzusetzen, und das unabhängig davon, ob ich Frau oder Mann bin.
Im Gesundheitswesen hat sich viel verändert. In der Medizin sind heute rund 70 Prozent der Studierenden Frauen. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wer kommt später in den obersten Führungspositionen an? Hier spielt die Erwerbsbiografie eine zentrale Rolle. Noch immer sind es überwiegend Frauen, die längere berufliche Unterbrechungen haben, die in Teilzeit arbeiten, die bei Krankheit eines Kindes selbstverständlich zu Hause bleiben, während Männer häufig weiterarbeiten, als hätte sich nichts verändert.
Was muss passieren? Politische Rahmenbedingungen sind wichtig. Noch wichtiger aber ist die ehrliche Abstimmung in den Familien. Wenn Kinder erleben, dass der Vater Hauptverdiener ist und die Mutter „mitarbeitet“, dass Fürsorge selbstverständlich weiblich ist, dann lernen sie Rollenbilder früh – und tragen sie weiter. Ich frage mich manchmal: Ist es wirklich Liebe, wenn eine Frau verzichtet, damit ihr Mann ungehindert seiner Karriere nachgehen kann? Ist beiden Elternteilen bewusst, dass sie damit ihren Kindern das Signal senden, dass diese Aufteilung selbstverständlich ist?
Wenn der Einfluss von Frauen fehlt, fehlt nicht eine besondere „weibliche“ Qualität. Es fehlt die Vielfalt gelebter Lebensentwürfe. Mehr Frauen in Führung bedeuten nicht „weichere“ Entscheidungen, sondern vollständigere Perspektiven. Dafür braucht es Mut von Frauen, Verantwortung zu übernehmen – und Mut von Männern, Verantwortung zu teilen.


Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.