Unbewusstes bewusst machen
Frauen und Männer sind formal gleichberechtigt. Wie viele patriarchale Denkweisen trotzdem
noch unsere Köpfe beherrschen, zeigt Barbara Blaha aus Wien, die sich eine bessere Welt für ihre Töchter und Söhne wünscht.
Foto: (c) markuszahradnik.com
Frau Blaha, vor Kurzem war Weltfrauentag und Gleichberechtigung allüberall Thema. Ist das nur Show?
Für mich ist der Tag ein guter Anlass hinzuschauen, wo Frauen in dieser Welt stehen. Gar nicht so wenige Menschen haben ja das Gefühl, das mit der Gleichberechtigung sei durch. Formal, juristisch stimmt das auch, auf dem Papier sind Frauen gleichberechtigt. Aber in den Zahlen sehen wir: Frauen verdienen 36 Prozent weniger als Männer; sie erhalten 40 Prozent weniger Pension und jede dritte Frau hat schon einmal Gewalterfahrungen gemacht. Wo immer wir hinschauen, sehen wir: In der Realität ist noch vieles zu tun. Frauen und Männer sind eben nicht gleichberechtigt.
Wie erklären Sie sich das?
Da sind wir gut beraten, an den Anfang zu gehen: Warum ist unsere Welt so, dass das Leben, die Meinung, die Kompetenz und die Berufe von Männern wertvoller, wichtiger und zentraler sind als jene der Frauen? Weil wir alle von Geburt an lernen, dass Buben ein bisschen wichtiger sind. Das ist tief in uns allen verankert. In Frauen und Männern.
Das zeigt sich, wenn Eltern zweieinhalb Mal häufiger googeln, ob ihr Sohn hochbegabt ist, als sie das für ihre Tochter tun. In den Schulen widmen Lehrer und Lehrerinnen Jungen mehr Aufmerksamkeit; sie stellen ihnen die komplexeren Fragen, lassen ihnen mehr Bedenkzeit und binden sie öfter aktiv in den Unterricht ein. Und später: Bei gleicher Qualifikation werden Männern die höheren Einstiegsgehälter angeboten; sie werden befördert für das Potenzial, das man in ihnen zu sehen glaubt, während Frauen erst befördert werden, nachdem sie viel geleistet haben.
Patriarchale Denkweisen haben sich über viele Jahrhunderte entwickelt. Wird es also Jahrhunderte dauern, bis …
… wir sie wieder los sind? (lacht) Ich finde, in der Erkenntnis, dass sie menschengemacht sind, steckt auch eine Befreiung. Glaube ich, dass es noch hunderte Jahre dauern wird, sie loszuwerden? Das weiß ich nicht.
Die Frauenbewegung hat in den letzten 130, 140 Jahren Erstaunliches geschafft. Allein, dass es gelungen ist, dass wir juristisch gleichberechtigt sind, ist großartig. Dass wir noch einen weiten Weg haben, ist allerdings auch wahr.
Dabei löst das Wort „Feminismus“ Unterschiedliches in Menschen aus – vom Abwinken bis hin zu heftigen Diskussionen.
Wer sich für Gleichberechtigung einsetzt, stößt immer auf Widerstand. Die Verhältnisse zu hinterfragen, löst zuerst den Reflex aus: „Das kenne ich nicht und deshalb ist es mir unsympathischer als das, was ich kenne, so ungerecht die Situation auch sein mag.“ Diesen Widerstand muss man überwinden. Das betrifft Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen genauso wie alle, die sich etwa gegen Rassismus stark machen. An den Festen zu rütteln ist immer unangenehm.
Ich halte es trotzdem für eine lohnenswerte Arbeit. Wenn ich sehe, was unsere Mütter, Großmütter, Urgroßmütter erreicht haben, bin ich es ihnen schuldig, diesen Weg weiterzugehen, damit es meine Töchter und Söhne später besser haben.
Sie sagen oft, wir müssen uns verbünden.
Für Frauen, die finden, eine gleichberechtigte Welt wäre eine gute Idee, ist es gar nicht so einfach, sich einzugestehen, dass sie selbst ja auch nicht frei sind von gewissen Stereotypen und Rollenbildern. Das vereinzelt.
Inwiefern?
Es gibt so gut wie keine Frau, die in einer Beziehung lebt, wo die Hausarbeit, die Familienarbeit, die Care Arbeit wirklich gleich verteilt ist. Selbst wenn es bei den Tätigkeiten an sich der Fall ist, gilt es ganz sicher nicht für den „Mental Load“, also diesen 24-Stunden-Radar, den eine Frau hat, wenn sie in Familie unterwegs ist. Es ist sehr schwer, sich das selbst einzugestehen – und erst recht anderen. Man geniert sich dafür, dass man die eigenen Prinzipien nicht lebt. Dann gibt es zwei Möglichkeiten.
Die wären?
Entweder wir schämen uns. Das heißt aber auch, wir verstummen oder reden es schön. Das hat nun aber gar kein Potenzial, etwas zu verändern; da bleiben wir in der individuellen Schuldfrage und das macht uns klein.
Oder?
Sich aus der Scham befreien und aufzeigen, wo man selbst noch kämpft und nicht da ist, wo man hinmöchte. Das hat etwas Befreiendes. Darin steckt die Kraft zur Veränderung. Denn es ist eben nicht persönliche Schuld, sondern eine systemische Frage, mit der alle Frauen konfrontiert sind – und übrigens auch alle Männer.
Warum machen wir Frauen uns das Leben manchmal gegenseitig schwer, statt einander zu unterstützen?
Wir Frauen lernen, dass unser Wert mit unserem Aussehen zu tun hat. Das bringt uns permanent in eine Konkurrenzsituation zu anderen Frauen. Das ist in einer kapitalistischen Gesellschaft ein wunderbares Geschäftsmodell. Die permanente Rivalität ist ein Multibillionen-Dollar-Geschäft, das die Werbung mit allen Tricks befeuert. Das ist ein Aspekt.
Und ein anderer?
Es gibt Studien, was passiert, wenn nur eine Frau in der Auswahlkommission für eine Professur, eine Beförderung oder in einem Beirat sitzt. Sie belegen, dass diese Frau das Gefühl hat, sie dürfe keine Frau auswählen, sonst würde ihr unterstellt, sie würde Frauen bevorzugen, egal welche Qualifikation sie haben. Sie ist also supervorsichtig, Frauen zu fördern. Was wir als Konkurrenz ansehen, ist eher eine Art Schutzstrategie.
Was braucht es also?
Es geht um Reflexion, um Bewusstwerden. Ganz oft passieren solche Dinge unbewusst. Wenn wir es präsent haben, ist viel gewonnen. Bei einem meiner Auftritte etwa habe ich nach der Pause gefragt: „Hand aufs Herz, wer hat gerade zu Hause nachgefragt, ob alles okay ist?“ Nach der Veranstaltung kam eine Frau: „Weißt du, was ich gemacht habe? Ich habe meine Tochter angerufen und ihr gesagt, wie sie die Suppe fertig machen soll, die ich vorbereitet hatte.“ Dabei waren auch ein großer Bruder und ihr Mann daheim. Sie war erschüttert: „Es ist mir nicht einmal aufgefallen, dass ich automatisch wieder ihr die Rolle zuschanze, sich zu kümmern.“
Leben traditionelle Rollenbilder gerade wieder auf, etwa bei den „Tradwives“?
Diese Phänomene passieren nicht zufällig, sondern treten in den Sozialen Medien auf, auf Plattformen, deren Algorithmen nicht öffentlich sind. Wir wissen aber, dass sie polarisieren, weil es unsere Verweildauer erhöht. Das fördert Erscheinungen wie die sogenannte Manosphere, ein loses, vorwiegend antifeministisches Netzwerk, das extrem konservative Rollenvorstellungen pusht.
Aber es gibt auch eine Radikalisierung in die andere Richtung: Frauen, die sagen, wir daten keine Männer, wir heiraten sie nicht, wir gehen keine Beziehungen mit ihnen ein, und Kinder kriegen wir auch keine. Ich meine, dass diese Dinge miteinander zusammenhängen, weil die Sozialen Medien uns immer weiter in eine extreme Richtung drängen.
Auch bei den Tradwives, Frauen, die das traditionelle Rollenbild pushen, handelt es sich um eine Bewegung, die ohne Social Media nicht denkbar wäre. Diese Frauen verdienen damit viel Geld. Das Bild, dass sie nur zu Hause und nur für ihre Kinder da sind, ist ganz offensichtlich eine Lüge; sie sind berufstätig, selbstständig, unternehmerisch tätig.
Warum kommt so etwas wieder auf?
Gerade in politisch instabilen Zeiten – und wir leben in einer Zeit der multiplen Krisen – gibt es eine gewisse Sehnsucht nach Stabilität und Ruhe. Dieses Zurück-nach-Hause war zu allen Zeiten eine Tendenz, wenn es unruhiger wurde. Deshalb besorgt es mich nicht endlos; es ist eine kleine Gruppe und die großen Daten zeigen in eine andere Richtung: Seit 20 Jahren sind Frauen besser ausgebildet als Männer. Sie machen Schulabschlüsse, Abitur oder Matura. Was die Tradwives fordern, ist die Position einer kleinen Minderheit.
Was gibt Ihnen Hoffnung, dass sich der Status quo ändert?
Mir gefällt das Bild von Vincent Harding, einem Wegbegleiter von Martin Luther King. Er sagt, beim Streben um Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit handelt es sich um einen großen Fluss, der durch die Geschichte fließt, mal breiter, mal schmaler. Darauf sind viele Boote unterwegs mit Menschen, die sich einsetzen. Darin steckt der Gedanke, auf diesen Booten ein Feuer der Freude zu entzünden. Dass man lacht und tanzt und eine gute Zeit miteinander hat. Und das bedingt, dass man optimistisch auf die Welt schaut. Wenn ich möchte, dass andere sich mir und meinem Kampf der Gleichberechtigung anschließen, muss ich aus tiefstem Herzen davon überzeugt sein, dass dieser einen Sinn macht und dass der Einzelne, die Einzelne einen Unterschied machen kann. Und wenn ich mal ein bisschen verzagter bin aufgrund der Weltlage, dann hilft ein Blick zurück in die Geschichte, darauf, was andere Frauen vor uns schon alles geschafft haben, unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Frauen waren zu allen Zeiten wirksam und haben zu allen Zeiten die Welt verändert. Warum sollte uns das heute nicht gelingen?
Eine schöne Perspektive. Danke für das Gespräch.
Gabi Ballweg

Barbara Blaha
versteht sich als „Stimme und Gesicht der Vielen in Österreich“. Laut, leidenschaftlich – und lustig bringt sie Feminismus und soziale Gerechtigkeit auf die Bühnen und in die Medien des Landes. Aufgewachsen ist Blaha als zweites von sieben Kindern in Wien Simmering. Während ihres Studiums der Germanistik war Blaha Vorsitzende der Österreichischen Hochschüler:innenschaft. 2008 gründete sie einen wissenschaftlichen Kongress, 2019 den Think Tank „Momentum Institut“ und das dazugehörige „Moment Magazin“ – dort erarbeitet Blaha mit ihrem Team die Daten, Hintergründe und Analysen, mit denen sie für eine bessere Welt kämpft.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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