Feminismus und Glaube
Lena Parlasca,
35, lebt mit ihrem Mann und den vier Kindern (drei Töchter, ein Sohn zwischen acht und zwei Jahren) in Bonn. Sie ist Yogalehrerin und Grundschullehrerin in Elternzeit.
Patriarchale Strukturen begegnen mir täglich – etwa im Beruf, beim Kleiderangebot für unsere Kinder (süß und figurbetont für Mädchen, robust und bequem für Jungen), beim Sport, selbst in den Gremien unserer elterninitiativ organisierten Schule und Kindergarten. Das frustriert mich oft.
Besonders beschäftigt mich, wie tief frauenfeindliche Strukturen in vielen jungen, scheinbar „modernen“ Familien leben. Oft sind sie christlich geprägt. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, wenn gute Freundinnen mir berichten, dass nur ihr Mann über Finanzen entscheiden darf oder die Frau nicht einmal am Wochenende ein Ehrenamt ausüben darf, weil der Vater nicht bereit ist, in dieser Zeit die gemeinsamen Kinder zu betreuen. Es zeigt sich aber auch in vielen leisen Nuancen, wenn die Erwerbstätigkeit des Mannes als wichtiger bewertet wird als die der Frau oder ein Großteil des „mental loads“ – also die unsichtbare Arbeit des Planens, Organisierens und Verantwortens von Alltagsaufgaben – doch bei der Frau liegt. Das alles sind Aspekte, die auch uns immer wieder beschäftigen und wo ich mich auch selbst hinterfrage. Entscheidend ist für mich dabei nicht, dass der Partner mehr Erwerbs- und weniger Carearbeit leistet -, sondern wenn eine Frau damit bewusst klein gemacht oder gar gedemütigt wird.
Was meinen Glauben betrifft: Die feministische Theologie eröffnet mir neue Glaubensimpulse und ich fühle mich gesehener und angesprochen. Ich habe dadurch gelernt, wie die Geschichten der Bibel oft bewusst eingesetzt werden, um Frauenunterdrückung zu legitimieren und versuche, die Erzählungen achtsamer weiterzugeben. Ich kann meine eigene Sozialisation innerhalb kirchlicher Strukturen besser verstehen und versuchen, mich von den Attributen, die Frauen zugeschrieben werden, zu lösen: Wie ist eine „gute Mutter“ und wer legt das fest? Eine Gemeinde, in der nicht selbstverständlich erwähnt wird, dass „Gott zu uns wie ein guter Vater oder eine gute Mutter“ ist, in der Frauen nicht gleichberechtigt angesprochen werden und partizipieren können, möchte ich nicht mehr regelmäßig besuchen. Mit meinem persönlichen Bild von *Gott* kann ich patriarchale Strukturen, auch die der Kirche, nicht vereinbaren. In meiner aktuellen Lebensphase, in der so viel los ist, möchte ich mit meiner Familie Kirche auch genießen und von einer Gemeinde profitieren, die meinen Werten entspricht und mich im Glauben stützt. Aktuell habe ich keine Kraft, jeden Sonntag gegen ermüdende frauenfeindliche Strukturen anzukämpfen. Und ich möchte auch keinen Ort zu einem unserer Lebensmittelpunkte machen, an dem meine Töchter nicht gleichgestellt sind.
Frauenfreundschaften sind für mich ein guter Weg, feministisch zu leben. Da erlebe ich viel positive Schwesternschaft, gegenseitigen Rückhalt, Unterstützung auch bei Lebensentscheidungen. Das Patriarchat lebt davon, wenn wir uns vergleichen, gegenseitig runtermachen und schlechtreden, schöner, begehrter, besser sein wollen als die Andere – und wir lassen es sozusagen am langen Arm verhungern, wenn wir dieser Sozialisation und auch dieser Versuchung trotzen und uns verbünden, feiern, unterstützen – so einzigartig wie wir sind, wie Gott uns geschaffen hat.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.