Ich habe einen Freund gefunden!
Erfahrungsberichte
Ich habe einen Freund gefunden!
Ein wenig faul fühlte ich mich schon, weil ich für den relativ kurzen Weg zum Arzt das Auto genommen hatte. Aber es regnete, und ich hatte es eilig. Unterwegs überholte ich einen Mann, der sich sichtlich schwertat mit dem Laufen. Erst dachte ich, dass ich ohnehin schon spät dran war und ja gar nicht wusste, wo der Mann hin wollte. Außerdem war ich ja eh schon vorbei gefahren. Aber dann habe ich doch abgebremst und den Rückwärtsgang eingelegt. Der Mann war sehr überrascht, dass ich angehalten hatte und ihn fragte, ob ich ihn mitnehmen könnte. Und auch ich staunte nicht schlecht: Er wollte zum Arzt, zum gleichen wie ich. Als ich ihm das sagte, rief er aus: „Da bin ich tatsächlich einem Engel begegnet!“ Ich heiße tatsächlich Angelo (dt.: Engel), und wir haben beide herzlich gelacht. Mit Antonio, so hieß er, unterhielten wir uns dann sofort gut auf dem restlichen Weg.
Als wir beim Arzt fertig waren, habe ich Antonio erst noch zum Einkaufen begleitet und dann nach Hause gefahren, wo er mich seiner Frau Antonietta vorstellte. Beide freuten sich offensichtlich über den Besuch und boten mir ein Gläschen Likör an und selbstgemachte Spezialitäten. Außerdem erzählten sie mir ein Stück ihrer spannenden Lebensgeschichte. Als ich dann wieder los musste, haben wir unsere Telefonnummern ausgetauscht und ein Wiedersehen ausgemacht.
Antonio begleitete mich strahlend zur Tür: „Heute habe ich einen Freund gefunden!“ wiederholte er dabei mehrere Male. Antonietta brachte mir sogar noch zwölf frische Eier: „Die sind noch ganz warm, ich habe sie gerade aus dem Hühnerstall geholt.“ Mir war, als wäre die Zeit stehengeblieben und als könnte ich das Wort Gottes mit Händen greifen: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden – in reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß“ (Lukas 6,38).
A.I.
Was hatte er wohl durchgemacht?
Vor zwei Wochen wurde unser ökumenischer Sozialkreis von einer Schule gebeten, einem Geschwisterpaar, dessen alleinerziehende Mutter mit der Hausaufgabenbetreuung ihrer Kinder überfordert ist, zu helfen. Ich sagte zu. Von der Schule bekam ich ein Klassenzimmer zugewiesen, in welchem ich mich nach dem Unterricht mit Jan (2. Klasse) und Amelie (3. Klasse) treffen konnte.
Mit einiger Verspätung kamen die beiden zu ihrer ersten Stunde. Während Amelie sich sofort an ihre Hausaufgaben machte, weigerte Jan sich vehement. Er habe nichts auf und werde nichts tun, verkündete er immer wieder lautstark. Nichts half. Amelie versuchte verzweifelt, ihre Aufgaben ordentlich zu machen. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren.
Fast an meiner Grenze angelangt, bat ich Gott, mir den richtigen Weg zu zeigen. Da dachte ich an das Monatswort: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Röm 15,7) Mir wurde klar: Alles, was ich tun konnte, war, Jan so anzunehmen, wie er ist.
Während ich mich weiter um Amelie kümmerte, versuchte ich, dazwischen auch freundlich auf Jan einzugehen. Schließlich war er bereit, mir sein Aufgabenheft zu zeigen. Er hatte die Seiten zusammengeklebt, sodass niemand lesen konnte, was er aufhatte. Einer Notiz seiner Lehrerin entnahm ich, dass er schon monatelang keine Hausaufgaben mehr gemacht hatte. Was hatte dieses Kind in den letzten Monaten wohl durchgemacht?
Mit der Schulleitung besprach ich, dass ich die Geschwister in Zukunft getrennt betreuen würde. Am Tag darauf kam Amelie alleine. Wir begannen. Plötzlich klopfte es. Jan stand vor der Tür. Als ich erklärte, dass er erst am nächsten Tag dran sei, bat er mich, bleiben zu dürfen. Ich ließ ihn herein; er setzte sich, holte sein Aufgabenheft, ein Schreibblatt und Stifte hervor und begann mit der Arbeit. Einen Buchstaben schrieb er schöner als den anderen. Nach einigen Zeilen tat ihm die Hand weh, so lange hatte er nicht geschrieben; aber er gab nicht auf. Nach einer Stunde hatte er zwei Seiten fehlerlos geschrieben und war sehr stolz.
D.B.
Die Tür ging auf.
Nach einer engagierten Diskussion brach mein Freund den Kontakt ab. Ich entschuldigte mich in einem Brief: Vielleicht hatte ich etwas gesagt, was ihn verletzt hatte. Er antwortete nicht. Durch Freunde erfuhr ich, dass er wirklich mit mir gebrochen hatte. Es war wie eine Mauer zwischen uns. Ich fürchtete mich, ihm zu begegnen, und mehr als einmal wechselte ich die Richtung, wenn ich ihn von Weitem sah.
An einem Samstagabend waren meine Frau und ich dann in einem Restaurant. Wir hatten bereits bestellt, als er mit seiner Frau hereinkam. Als er mich sah, zögerte er. Meine Frau und ich schauten uns an und verstanden uns ohne Worte. Mit einem Lächeln gingen wir auf die beiden zu, um sie an unseren Tisch einzuladen. Er akzeptierte, zunächst perplex, aber dann offensichtlich froh über die Einladung. Der Abend verlief fröhlich. Es genügte wenig, um unsere Beziehung wieder herzustellen, so als wäre nichts passiert.
R.S.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2015)
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