Zwischen Donautiefland und Hoher Tatra

Slowakei? Das Land zwischen Polen und Ungarn, Tschechien und der Ukraine liegt wenig beachtet im Schatten seiner Nachbarn. Dabei hatte es mit seiner reichen Geschichte eine große Bedeutung für Europa. Eine Entdeckungsreise.

32 Männer und Frauen sind am 28. August in München und Wien in den Reisebus gestiegen, gespannt, auf was sie sich eingelassen hatten und was sie nun erwartete.
Zunächst Bratislava, Preßburg. Die slowakische Hauptstadt liegt nur eine Autostunde von Wien entfernt.

Bratislava an der Donau. (Fotos: (c) C. Behr)

Bratislava an der Donau. (Fotos: (c) C. Behr)

In die Altstadt auf der nördlichen Donauseite gelangen wir über eine 1972 eingeweihte Schrägseilbrücke. Auf einem Pylon thront in 80 Metern Höhe ein rundes, Ufo-förmiges Restaurant. Die Brücke ist nach dem slowakischen Nationalaufstand benannt: 1944 hatten sich Teile der Armee gegen die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht und das slowakische Regime erhoben, das auf Hitlers Seite stand.
Bratislava – 420 000 Einwohner – präsentiert sich jung und lebensfroh, als uns die slowakische Reiseleiterin durch die Innenstadt mit den unterschiedlichen Baustilen führt. An dem warmen Sommerabend spielt sich das Leben auf den Straßen und Plätzen ab: Kaum ein Stuhl vor den Cafés, Kneipen und Restaurants ist frei. Im Martinsdom wird eine Jazzmesse vorbereitet; farbige Strahler leuchten die Säulen von unten an. Zwischen 1563 und 1830 wurden hier elf Könige und acht Königinnen gekrönt. Die Spitze der Kathedrale ziert daher statt eines Kreuzes die goldene, ungarische Krone. „Gut, dass der Turm so hoch ist, sonst hätten die Zigeuner sie schon mitgenommen.“ Der kleine Witz der Reiseleiterin ist ein erster Hinweis auf das gespannte Verhältnis zu den Roma im Land.

Čumil - Bronzefigur in der Altstadt von Bratislava

Čumil – Bronzefigur in der Altstadt von Bratislava

Die Burg Bratislava, auf einem Hügel, ist das Wahrzeichen der Stadt. An ihrer Stelle stand bereits im zehnten Jahrhundert eine erste steinerne Burg. Von hier kann man die in sozialistischen Zeiten errichteten zahllosen Plattenbauten sehen. Unweit der Burg steht das slowakische Parlament. Ein Schild lädt zum Tag der offenen Tür am 1. September ein, dem Staatsfeiertag in Erinnerung an die Verfassung der Republik, die 1992 verabschiedet wurde.
Rund 350 Kilometer sind es bis zum „kleinsten Hochgebirge der Welt“, der Hohen Tatra an der Grenze zu Polen. Der Hauptkamm hat nur eine Ausdehnung von 27 Kilometern. Unterwegs sehen wir Arbeiter bei der Kartoffelernte. Bei Trnava ist ein großes Produktionswerk von Peugeot Citroën zu erkennen. Seit 2006 laufen hier Autos vom Band. Zusammen mit Volkswagen und Hyundai-Kia werden rund eine Million Kraftfahrzeuge pro Jahr hergestellt: Bei einer Bevölkerung von 5,4 Millionen hat die Slowakei die höchste Autoproduktion pro Kopf in Europa.

Svätý Kríž

Svätý Kríž

Bei einem Zwischenstopp in Svätý Kríž schauen wir uns die größte Holzkirche des Landes an, 1693 erbaut. Mit den mehrstöckigen Emporen sollen unter dem Tonnengewölbe mehrere Tausend Menschen Platz haben. Nachdem zuvor protestantische Kirchen im damaligen Oberungarn verboten waren, hatte Kaiser Leopold I. ihren Bau erlaubt: allerdings nur außerhalb der Stadtmauern, ohne Fundament, Turm und Glocke und ohne Steine, Ziegel und Metallnägel zu benutzen. 38 Holzkirchen entstanden; fünf sind noch erhalten.
Die Hohe Tatra war vor der Wende beliebtes Urlaubsziel für DDR-Bürger und ihre östlichen Nachbarn. Die Ursprünge des Tourismus reichen weit zurück. Saure Quellen brachten einen Pfarrer dazu, 1793 in Starý Smokovec (Altschmecks) eine Sommerfrische einzurichten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffneten erste Hotels, ab 1871 erleichterte eine Bahnstrecke den Tatra-Besuch, Kur-, Heilbäder und Sanatorien entwickelten sich. 2004 zerstörte ein Orkan fast die Hälfte der Tatra-Wälder. Am Štrbské pleso (Tschirmer See) in 1350 Metern Höhe ist davon zum Glück wenig zu sehen, als wir bei strahlender Sonne um das Gewässer wandern. Zwei Skisprungschanzen erinnern daran, dass hier 1970 die Nordischen Skiweltmeisterschaften ausgetragen wurden und die Hohe Tatra nach wie vor ein attraktives Wintersportziel ist.
Von unserem 1904 erbauten „Grandhotel“ in Tatranská Lomnica aus erkunden wir das Zipser Land, die Region Spiš. Viele Zipser Städte gehen auf die Ansiedlung deutscher Bergleute zurück, die die ungarische Krone im 13. Jahrhundert aus Schlesien und Thüringen holen ließ: so Kežmarok (Käsmark), das ganz unter Denkmalschutz steht. In Levoča (Leutschau) sehen wir das Renaissance-Rathaus, Bürgerhäuser und die Jakobskirche mit dem „höchsten gotischen Flügelaltar der Welt“, den Meister Paul von Leutschau Anfang des 16. Jahrhunderts geschnitzt hat.

Bei den Goralen: Hochzeitstracht

Bei den Goralen: Hochzeitstracht

In einem neuen Blockhaus in Ždiar (Morgenröte) kommen wir mit den Traditionen der Goralen in Berührung. Das Bergvolk der Tatra ist eine polnisch-slowakische Volksgruppe im Grenzgebiet beider Länder. Alte Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Kleidungsstücke sind ausgestellt, eine Dame erzählt von den Bräuchen und Lebensgewohnheiten. Einige aus unserer Gruppe dürfen sich die farbenfrohe Hochzeitstracht überziehen.

Flossfahrt zwischen Felsen

Flossfahrt zwischen Felsen

Etwas mulmig wird manchem Mitreisenden, als wir auf Holzflößen über den Dunajec fahren wollen. Der Nebenfluss der Weichsel schlängelt sich durch ein Grenzgebirge zu Polen, zuweilen mit kleinen Stromschnellen. Aber letztlich vertrauen sich alle den slowakischen „Gondoliere“ an, die die Flöße mit langen Stangen vorwärtsbewegen. Bis zu 300 Meter hoch türmen sich bewaldete Felsen rechts und links des Flusses auf.
Am Abend kehren wir in einer Koliba ein, einer gemütlichen Gaststätte aus Holz mit einer Feuerstelle mitten im Raum. Während uns die regionalen Spezialitäten serviert werden, spielen drei Musiker mit Violine, Kontrabass und Zymbal – einem mit Klöppeln geschlagenen, hackbrett-ähnlichen Saiteninstrument – beschwingte goralische Volksmusik.

Der große Marktplatz in Bardejov/Bartfeld

Der große Marktplatz in Bardejov/Bartfeld

Bardejov (Bartfeld) weiter im Osten hat einen riesigen Rathausplatz. Wer über die enge Wendeltreppe auf den Turm der Ägidiuskirche steigt, kann ihn aus der Vogelperspektive betrachten. Das Gotteshaus hat elf gotische Flügelaltäre, Zeichen für den einstigen Reichtum des Ortes. Das mittelalterliche Zentrum der 33 000 Einwohner-Stadt soll das am Besten erhaltene der Slowakei sein.
Auf dem Weg nach Košice (Kaschau) erhebt sich auf einem Bergkegel die Zipser Burg. Die ab dem 12. Jahrhundert gebaute Anlage gilt von der Fläche als größte Burgruine Mitteleuropas. Unsere Reiseleiterin führt den Bus an ärmlichen Roma-Siedlungen vorbei: einfache, selbstgebaute Hütten oder vom Staat für sie errichtete, graue Plattenbauten. Offizielle Angaben und Schätzungen zum Bevölkerungsanteil der Roma schwanken zwischen 2 und 17 Prozent. Seit dem 17. Jahrhundert versucht man, sie sesshaft zu machen.

Zipser Burg

Zipser Burg

Košice im Osten, zweitgrößte Stadt des Landes. Die Reiseleiterin zeigt uns den gotischen Elisabeth-Dom, die größte Kirche der Slowakei. Auf dem Hauptaltar sind 48 Tafelmalereien zu bewundern. Uns fallen lange Schlangen oft junger Leute vor den Beichtstühlen auf. Bei einem Gang über die Plätze, durch Seitenstraßen und Handwerkergassen kommen wir an einer „Singenden Fontäne“ und einem Open Air-Theater vorbei. Vieles ist frisch renoviert; erst 2013 war Košice Kulturhauptstadt Europas.
Von hier aus sind es nur 100 Kilometer bis zur ukrainischen Grenze. Einige Mitglieder der Fokolar-Bewegung aus Košice, mit denen wir uns am Abend treffen, haben Kontakt zu Ukrainern, und können uns sagen, wie diese den Konflikt im Osten ihres Landes einschätzen. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde wird es schnell ein offener und herzlicher Abend. Wir wollen von den Slowaken wissen, wie sie in der Zeit des Sozialismus gelebt haben und was die Wende für sie bedeutet hat. Sie stehen bereitwillig Rede und Antwort. Als wir uns trennen, ist eine tiefe Verbundenheit gewachsen.
Auf dem Weg von Košice nach Nitra fahren wir im Landesinneren durch das slowakische Erzgebirge. In Banská Štiavnica (Schemnitz) besuchen wir knapp unter der Erde einen alten Bergstollen, ausgerüstet mit Regenjacken, Schutzhelmen und Traglampen. In der ältesten Bergbaustadt des Landes wurde der Betrieb längst eingestellt. Aber seit dem elften Jahrhundert waren dort große Mengen Gold und Silber gefördert worden. Die 1770 eingerichtete Bergakademie gilt als weltweit älteste technische Universität.
Nitra, wo die erste christliche Kirche des Landes errichtet wurde, war Zentrum des Großmährischen Reiches und seit 880 Bischofssitz. Der Burgberg mit dem mittelalterlichen Komplex aus Burg, Bischofspalast und Kathedrale Sankt Emeram ist die letzte Sehenswürdigkeit unserer Reise.
Acht Tage sind wir in ein Land eingetaucht, dessen Geschichte eng und vielschichtig mit anderen europäischen Ländern verwoben ist. Die Landschaften und die herzliche Gastfreundschaft haben uns in den Bann gezogen. Wir nehmen einen reichen Schatz an Eindrücken mit. Und doch bleibt das Gefühl: Noch vieles ist unentdeckt – wir müssen wiederkommen!
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2015)
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