Von der Krankheit erlöst

Was wird sein nach dem Tod? Bei ihrer Arbeit im Hospiz erfährt Nadine Schulz, wie sich sterbenskranke Kinder und deren Eltern das vorstellen.

Die Kinder sagen häufig, sie kämen zum Urlaubmachen her. Dabei haben sie schwere Krankheiten, die ihre Lebenszeit verkürzen. 28 Tage im Jahr verbringen sie bei uns, zum Teil in mehreren Aufenthalten. Wir nehmen Kinder auf, die zum Zeitpunkt der Diagnose null bis 27 Jahre alt sind. Wie lange sie noch leben werden, ist dann zumeist noch nicht abzusehen. Viele haben Handicaps und sind nicht in der Lage, sich mit Worten ausdrücken. Aber die Kinder, die das können, sind im Blick auf das Sterben sehr klar. Das größte Geschenk für sie ist, wenn offen mit ihnen darüber gesprochen wird. Gerade die Jugendlichen, die fit sind, wissen genau Bescheid und sind sehr abgeklärt. Sie nehmen ihr Schicksal an. Angst merke ich kaum. Sie sind total tapfer; nehmen jeden Tag, wie er kommt.
Viele Kinder sind gerade in der Sterbephase ganz gefasst. Sie wollen ihre Eltern nicht trauriger machen als nötig und vertrauen sich deshalb dem Personal an. Wir führen die Gespräche, in denen sie mit Gott hadern oder aber ihre Beerdigung planen: wie sie es gern hätten und wer auf keinen Fall kommen soll.
Wenn sie fragen, was nach dem Tod kommt, frag ich zurück: „Was glaubst du denn?“ Sie haben oft ganz schöne und tröstliche Ideen. Ich finde es wichtig, ehrlich und echt zu bleiben und zuzugeben, dass ich es nicht genau weiß: Wenn das Kind denkt, dass es den ganzen Tag auf einer Wolke sitzt und Eis isst, lass ich ihm den Spielraum. Nur bei ganz negativen Gedanken greifen wir ein: Wenn ein Kind glaubt, es käme in die Hölle, weil es vor fünf Jahren mal frech zu Oma war, sagen wir: „Guck doch auch mal auf all das Nette, das du gemacht hast!“ Aber oft haben sie selbst die besten Antworten, weil sie mehr vom Leben verstanden haben als mancher Erwachsene.
Viele Eltern tröstet der Gedanke, dass ihr Kind den Rollstuhl nicht mehr brauchen wird. Kinder hoffen, all das zu können, was zuvor nicht möglich war, zum Beispiel Reden oder Fußballspielen. Manche Kinder sagen uns: „Wir machen dann euren Job, nur von der anderen Seite: Wir nehmen die Kinder in Empfang, die gehen.“
Wir haben Christen verschiedener Konfessionen, Muslime, Menschen ohne Glauben. Unterschiede gibt es bei der Bestattung. Aber die Hoffnung auf ein Weiterleben, in dem sie wieder laufen können, Leute treffen, die sie gern hatten, oder von oben herabschauen und andere beschützen, ist bei allen ähnlich. Viele wünschen sich, die Oma wiederzusehen oder den verstorbenen Hund.
Den Gedanken, dass mit dem Tod alles aus ist, höre ich selten. Wenn, dann von Eltern. Sie sagen: „Gäbe es einen Gott, hätte er mir nicht mein Kind genommen! Welchen Sinn soll es haben, dass Kinder sterben?“ Manche glauben an Engel. Andere Eltern denken, ihr Kind wird ein Schmetterling und besucht sie ab und zu: ein Sinnbild, dass irgendetwas weitergeht. Viele tröstet der Gedanke, dass ihre Kinder in guten Händen bei Oma und Opa oder beim lieben Gott sind. Dass da jemand ist, der gut aufpasst.

Nadine Schulz
geboren 1989, ist verheiratet und lebt in Düsseldorf. Während ihrer Ausbildung zur Erzieherin im Kindergarten starb unerwartet ein Kind: für sie der Auslöser, noch Trauerbegleiterin zu werden. Sie hat Sozialpädagogik studiert und arbeitet im Pädagogischen Team vom „ Bergischen Kinder- und Jugendhospiz Burgholz “ in Wuppertal.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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