Über die Grenze des Todes hinaus

Nichts ist so sicher wie der Tod. Aber was kommt dann? Welche Vorstellungen haben Menschen heute davon und wie sind sie zu bewerten? Fragen an den Theologen Hans Kessler.

Herr Kessler, über das Sterben wird nicht viel gesprochen. Warum nicht? Weil die Menschen Angst davor haben?
Wir wissen, dass wir sterben müssen, aber wir haben es nicht in der Hand, wie wir sterben werden. Wir fürchten ein beschwerliches Sterben und wünschen uns einen guten, einen „sanften Tod“, wie es im Lied „Der Mond ist aufgegangen“ heißt.
Nun muss man unterscheiden zwischen Sterben und Tod. Was der Tod für die Hinterbliebenen bedeutet, das wissen wir aus Erfahrung. Aber was der Tod für den bedeutet, der gestorben ist, das wissen wir nicht.
Der Tod bildet für unser Erkennen eine unüberschreitbare Grenze. Wir wissen nicht, ob nach dem Tod noch etwas kommt und was. Wir haben keine Informationen darüber.

Aber manche Menschen behaupten, sie hätten in Nahtoderfahrungen einen „Blick nach drüben“ getan; diese seien daher – wie der Amerikaner Alexander Eben 2013 sagt – ein „Beweis des Himmels“.
Dagegen ist zu sagen: Nahtoderfahrungen sind immer Erlebnisse vor der Grenze des Todes, sozusagen am äußersten Rand des Lebens, nah am Tod; jenseits des Todes waren die Betreffenden nicht, sonst hätten sie nicht zurückgeholt – reanimiert – werden können. Man darf aus Nahtoderfahrungen nicht zu viel ableiten wollen. Vieles daran könnte Einbildung sein.
Aber ein Sachverhalt gibt zu denken: Manche Betroffene kehren nach ihrer Reanimation zu Bewusstsein zurück und wissen Dinge, die sie eigentlich gar nicht wissen können. Sie berichten nicht nur, wie sie plötzlich ihren materiellen Körper verließen und diesen von oben auf dem OP-Tisch liegen sahen, sondern auch, dass sie klar sahen und hörten, was Ärzte und Helfer taten und sagten – und dies, obwohl ihre Augen abgedeckt waren, in ihren Ohren klickende Apparate steckten oder sie gar von Geburt an blind oder taub waren. Die Patienten konnten im Detail wiedergeben, was Ärzte und Schwestern getan und geredet hatten, bis hin zu spaßigen Nebenbemerkungen; sie konnten ihnen vorher unbekannte Geräte, Räume, Personen genau beschreiben; die Details ließen sich nachprüfen und erwiesen sich als korrekt. Sie wissen also Dinge, die empirisch nachweisbar zutrafen, die sie aber nicht durch sinnliche Wahrnehmung wissen können.
Durch diesen Sachverhalt wird die materialistische Ansicht in Frage gestellt, dass Wahrnehmung, Bewusstsein, Person-Sein unlöslich an den funktionierenden Körper und sein Gehirn gebunden seien, und wenn das Gehirn erlösche, erlösche auch die Person. Nein: Es spricht einiges dafür, dass es ein wahrnehmendes Bewusstsein gibt, das ablösbar ist vom hirn-basierten Bewusstsein und vom Körper mit seinen Sinnen, dass es ein bewusstes Person-Sein gibt, das unabhängig vom hirn-basierten Bewusstsein existieren kann, – etwa in solchen Außer-Körper-Erfahrungen und – wer weiß? – vielleicht auch über den Tod hinaus. So etwas wie Seele wird wieder denkbar.

Aber gibt es überhaupt klare Vorstellungen vom „Danach“? Oder bleiben nicht alle Jenseitsvorstellungen vage?
Alle Vorstellungen über das Danach sind unserer jetzigen Erfahrung im Diesseits entnommen und verlängern diese über die Grenze des Todes hinaus.
Wer an Reinkarnation beziehungsweise  Wiedereinkörperung glaubt, geht vom Kreislauf der Natur aus und denkt: Wie in der Natur nach Welken und Sterben im Frühjahr wieder neues Leben erwacht, so ähnlich müsse es nach dem Tod wieder weitergehen, in einem anderen Erdenkörper. So wie es im Lied vom Kuckuck heißt, dass der Kuckuck, der im Herbst totgeschossen wurde, im Frühjahr wieder da war; aber es war ja gar nicht derselbe Kuckuck, es war ein anderer. Dass ein und dasselbe Individuum nach dem Tod wieder da ist, das schafft die Natur ja gerade nicht.
Anders wer an Gott glaubt, an einen göttlichen Urgrund aller Wirklichkeit: der geht von einer noch ganz anderen Dimension aus, der kann beispielsweise sagen: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand. … Wir sind von Gott umgeben, auch hier in Raum und Zeit, und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.“

Viele Menschen denken heute, dass mit dem Tod alles endet. Wenn wir wissenschaftlich und vom Verstand her an das Thema herangehen, spricht dann überhaupt etwas dafür, dass nach dem Tod noch etwas kommt?
Der Wissenschaftsphilosoph Ludwig Wittgenstein hat notiert: „An einen Gott glauben heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist.“
Genau das zu sehen, fällt vielen heute schwer, weil die naturalistische Weltsicht unser ganzes Leben bestimmt. Nichts in unsrer alltäglichen Welt scheint noch über sie hinauszuweisen. An Gott glauben bedeutet: noch eine ganz andere Dimension annehmen, die alle physikalischen Dimensionen unendlich übersteigt und zugleich in allem Endlichen zutiefst gegenwärtig ist. Also kein vom Diesseits getrenntes Jenseits hinter der Welt, sondern eine Dimension und Wirklichkeit, die „mitten in unserem Leben jenseitig“ ist, wie man mit Dietrich Bonhoeffer sagen kann.
Christen beten „Vater unser im Himmel“, englisch „Our father in heaven“ – nicht „in sky“! Heaven meint den religiösen (nicht den kosmischen) Himmel, also genau diese ganz andere Dimension und Wirklichkeit, die überall da ist, nicht bloß da oben im „sky“-Himmel, da aber auch. Das All ist nicht alles, da ist noch wer: „Ich bin da“ (Exodus 3,14).

Hat das Christentum eine klare Vorstellung, was nach dem Tod kommt? Himmel, Hölle, Fegfeuer – was ist damit gemeint?
Solche Vorstellungen gibt es in vielen Religionen, sie sind nicht spezifisch christlich. Spezifisch christlich ist etwas anderes: Dass wir im Tod Gott endgültig begegnen, und zwar unverstellt, ohne all die Verzerrungen durch falsche Vorstellungen und durch schlechte Zeugen, dem wirklichen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart: pure Güte, Barmherzigkeit, Liebe, Treue – ohne finsteres Hintergesicht. „Gott ist Licht, und Finsternis ist nicht in ihm“; „Gott ist Liebe“, und Hass ist nicht in ihm (1 Johannes 1,5;4,8.16-18). Darin liegt alle Hoffnung begründet.
Wer an Gott glaubt, wie er sich in Jesus Christus zeigt, der geht davon aus, dass Gott nicht ein finsterer, kalter Urgrund der Wirklichkeit ist, dem wir egal sind, sondern ganz tiefe letzte Güte, die für alle entschieden ist (vgl. Lukas 15; u.a.), die alle sucht und alle erreichen möchte, daher niemanden fallen lässt, sondern alle retten will (vgl. 1 Timotheus 2,4; u.a.).
Christliche Hoffnung versucht also, die in Jesus erfahrene Selbsterschließung Gottes als allen geltende Güte beim Wort zu nehmen und sie über die Todesgrenze hinaus zu verlängern. Deswegen konnte Paulus sagen: „Nichts, auch nicht der Tod, vermag uns zu trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Römer 8,38f). Wir werden auferstehen in Gott hinein, er ist der Himmel. Augustinus konnte sagen: „Wir werden uns erfreuen an Gott und aneinander in Gott“ (lat: frui deo et invicem in deo).

Wie beeinflusst das, was Menschen in Bezug auf ein Sein nach dem Tod glauben, ihr jetziges Leben?
Viele, die meinen, mit dem Tod sei alles aus, versuchen, aus dem jetzigen Leben alles für sich herauszuholen, oft ohne Rücksicht auf andere und auf die Umwelt.
Wer dagegen auf Reinkarnation hofft, auf ein zweites (hoffentlich besseres) Erdenleben, der wird versuchen, jetzt durch ein ethisches Leben seine Ausgangsbedingungen für eine solche Wiedergeburt zu verbessern.
Wer jedoch auf Gott setzt, wie er in Jesus sich gezeigt hat, also auf die unbedingt für alle entschiedene letzte Güte, den plagt eigentlich nicht mehr, was mit ihm und seinen Mitmenschen im Tod passiert; das kann er getrost Gott überlassen.
Ihn plagt vielmehr, was hier und heute im Leben vor dem Tod passiert, was mit seinen Mitmenschen passiert, zumal mit den Notleidenden, den Geplagten, den Abgehängten, und was für sie zu tun ist. Denn die Güte Gottes möchte ja jeden Menschen erreichen, und zwar jetzt schon, weil jeder sie jetzt schon braucht.
Clemens Behr

Hans Kessler,
geboren 1938 in Schwäbisch Gmünd, hat in Tübingen und Würzburg Philosophie und Theologie studiert, war Assistent von Professor Walter Kasper in Münster und von 1972 bis 2003 Professor für Systematische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zwanzig Jahre lang hat er dort eine Arbeitsgruppe mit Physikern, Biologen, Theologen und Philosophen geleitet. Aus dem intensiven interdisziplinären Austausch heraus hat er immer wieder neue Zugänge zu Kernpunkten des christlichen Glaubens entwickelt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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