Verantwortung übernehmen und Städte gestalten


Bei einem Treffen der Fokolar-Bewegung kamen Menschen zusammen, welche die Nöte und Bedürfnisse in ihrem Umfeld – ihrer Stadt – wahrgenommen und angepackt haben. Der Austausch war Horizonterweiterung, aber auch Ansporn, Beziehungen und Netzwerke zu knüpfen.

Städte sind soziale Organismen und als Lebensraum von Menschen unterliegen sie ständigem Wandel. Das stellt alle, die darin leben und arbeiten, vor Herausforderungen. Welche Rolle haben Städte heute in unserer globalisierten Welt? Wie können und müssen sie gestaltet und verwaltet sein, damit sie Lebensraum für ihre Bewohner sind? – Um diese komplexen Fragestellungen ging es bei einer viertägigen internationalen Konferenz in Castel Gandolfo, zu der die Fokolar-Bewegung Mitte Januar eingeladen hatte. 400 Personen aus 33 Ländern nahmen daran teil: Kommunalpolitiker, darunter zahlreiche Bürgermeister, Verwaltungsangestellte, Bürger, Botschafter, Städteplaner, Ökonomen, Studierende und Wissenschaftler.
So komplex und dicht wie die Fragestellung war auch das Programm der Konferenz: Über 60 Experten aus den Bereichen Stadtplanung, Kommunikation, Dienstleistungen, Wirtschaft, Politik und Umwelt kamen zu Wort – in thematischen Panels und „good practise“-Beispielen. „Bei der Fülle konnte und musste man nicht alles mitnehmen“, gesteht Marianne Kindermann aus Berlin. „Das hätte jeden überfordert. Aber es war beeindruckend zu erleben, wie vielfältig und vielschichtig das Thema angegangen wurde.“
Ein Schlüsselbegriff der Tagung war „Co-Governance“ – wörtlich übersetzt meint das in etwa „Mit-Regierung“. Gemeint waren Beteiligungsprozesse auf allen Ebenen – und diese, das zog sich wie ein roter Faden durch die Tage, gelingen, wo man den einzelnen Menschen, seine Fragen und Bedürfnisse sieht und sich einsetzt. Wie etwa in einer südkoreanischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Nordkorea. Dort landen immer wieder nordkoreanische Soldaten, die vor dem Regime fliehen, ohne ihre Familien, teilweise schwer traumatisiert. Ihre Integration gelang erst dann, als sich eine kleine Gruppe bewusst darauf einließ, Beziehungen aufzubauen, Zeit zu „verschwenden“, ohne etwas zu erwarten, zuzuhören und den Raum zu schaffen, dass diese Soldaten erzählen konnten. Nach und nach entwickelten sie gemeinsam Ideen, wie die Stadt neu ankommende Soldaten aufnehmen und ihnen zur Seite stehen konnte.
Eine der negativen Auswirkungen der Globalisierung ist eine diffuse Angst. Oft führt das zu sozialer Depression und Verengung des Horizonts; Konflikte und Ungleichheiten verschärfen sich und der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Das spürt man auch im Stadtviertel, in Städten. Der Schlüssel aber zu sozialem Zusammenhalt sind Beziehungen. Das sagten nicht nur die Experten auf der Tagung, das deckte sich auch mit der Erfahrung der Teilnehmenden. Ein Großteil von ihnen lebt seit Jahren aus der Spiritualität der Einheit. Der Blick auf den Einzelnen und seine Bedürfnisse hatte viele von ihnen deshalb gedrängt, sich den Problemen, die sie in ihrer Umgebung wahrgenommen hatten, zu stellen und sie anzugehen – im persönlichen wie im beruflichen Umfeld. Die Tagung „Co-governance. Mitverantwortung in Städten heute“ wollte diese Initiativen nun bündeln, die Gelegenheit zu neuen Netzwerken schaffen.
Dass Beziehungen wie sozialer Kitt sind, machte Jo Spiegel, Bürgermeister von Kingersheim im Elsass deutlich. Die Kleinstadt mit gut 13 000 Einwohnern ist in Frankreich bekannt für stringente Bürgerbeteiligung. Regelmäßig finden Bürgerkonferenzen statt, Planungsstäbe mit ausgelosten Teilnehmern arbeiten Vorlagen für den Stadtrat aus. Partizipativ, konsultativ ist diese Form der Beteiligung und darüber hinaus anspruchsvoll: Bürger und Politiker brauchen neben dem Willen, ergebnisoffen und konstruktiv zusammenzuwirken, vor allem Geduld. Die Grundlage dafür habe man vor 20 Jahren gelegt – mit einem „Haus der Bürgerschaftlichkeit“. „Es ist ein für alle offener Ort, der ausschließlich der praktischen Ausübung der Demokratie gewidmet ist und wo wir gemeinsam Pläne zur Entwicklung unserer Stadt erarbeiten. Über ‚partizipative Räte’, wo Experten, Vertreter betroffener Bürgerinitiativen und per Losverfahren bestimmte Bürger zusammenarbeiten, haben wir in zehn Jahren etwa 40 Projekte in der Stadt umsetzen können.“ In diesen Räten verhandeln und erarbeiten die Kingersheimer unter Anleitung des zuständigen Beigeordneten eine Beschlussvorlage für den Rat der Stadt. „Wenn ich in Kingersheim zum Stadtrat gewählt werde, dann um den Prozess der Entscheidung zu begleiten und zu moderieren. Meine Verantwortung liegt darin, Aktivierer des Bürgerpotenzials und Moderator des bürgerlichen Entscheidungsprozesses zu sein. Die Versammlungen haben einen unmittelbaren Einfluss auf die politische Entscheidung. Damit die Stadt ein Ort des Wandels wird, muss Demokratie einen geschwisterlichen Charakter haben, nah an den Menschen sein. So ändert sich auch die Rolle der Verwaltung und der dort Beschäftigten. Sie werden zu Menschen, die Beziehungen aufbauen.“ Weil Demokratie komplex ist, muss man sie erleben, und – so ist Jo Spiegel überzeugt – damit sie wachsen kann, muss auch persönliches Wachstum ermöglicht werden. Und dazu braucht es Räume, wo Menschen ihre Talente einbringen können.
Stadtplanung, digitale Welt und künstliche Intelligenz, Vernetzung der Städte, Korruption, Umwelt und Klimawandel, Nachhaltigkeit und Modelle der Partizipation: Die Themenpalette war breit. In den Pausen konnte man sich in einer Art Expo an Ständen verschiedene Projekte genauer ansehen. Ursula Dörpinghaus und Brunhilde Hertwich vertraten die Stadt Solingen. An ihrem Stand hatten sie viele Gespräche zu Aktivitäten in den Bereichen Integration, Fairer Handel, Nachhaltigkeit und Partizipation. Aus diesen Begegnungen bringen sie auch vieles mit und werden dem Oberbürgermeister und den Mitarbeitern berichten: „Für uns gab es viele beeindruckende Erfahrungen: der konstruktive Dialog mit zuerst unbekannten Menschen, die Begegnung zwischen verschiedenen Rollen und Interessen in einer konstruktiven Kommunikation und der Aufbau eines Netzwerkes untereinander.“ Ursula Dörpinghaus betont: „Es war eine Herz- und Horizonterweiterung, eine Bereicherung, wie viel Gutes es in der Welt gibt, und es hat uns Hoffnung gegeben, nicht auf das Schlechte zu schauen.“
Ein Abschlussdokument fasst wichtige Bausteine der dichten Tage zusammen. Darin verpflichten sich die Unterzeichnenden, sich in ihren Gemeinden und öffentlichen Verwaltungen dafür einzusetzen, dass Netzwerke entstehen und ausgebaut werden. Darin soll Vielfalt zusammengeführt und auf die Komplexität der Realität reagiert werden: Netzwerke von Bürgern; Netzwerke von Akteuren in unterschiedlichen Bereichen; Netzwerke zwischen Städten, die den Blick vom Lokalen zum Globalen hin weiten.
Marianne Kindermann fühlt sich ermutigt – und ganz nach dem Motto „Geh hin und warte nicht, dass du eingeladen wirst!“ will sie sich auch gleich noch um einen Termin bei ihrer Stadtteilsenatorin kümmern. Vielleicht will die dann ja beim nächsten Mal – in zwei Jahren – zum nächsten Kongress mit nach Brasilien fliegen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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