Eine harte Schule

Befristete Stelle, dann nicht übernommen, mehrmalige Arbeitslosigkeit – das war nach dem Studium nicht der Wunschtraum von Constanze Wolf.

Vor sieben Jahren habe ich mein Studium abgeschlossen. Seither habe ich schon sechs Arbeitsstellen angetreten, die letzte am 1. März 2019. Wenn ich das in Gesprächen erzähle, habe ich den Eindruck, dass in den Köpfen immer wieder die gleichen Fragen aufkommen: „Wie kann das denn sein? Weshalb ist das so schief gelaufen?“ In unserer Gesellschaft haben wir alle ganz klare Bilder davon, wie eine Job-Biografie aussehen sollte. Auf meiner Wunschliste für die Zeit nach dem Studium stand jedenfalls nicht: befristete Stellen, keine dauerhafte Übernahme, mehrmalige Arbeitslosigkeit, freiwilliger Jobwechsel, unzählige Bewerbungen oder ähnliches. Ich wollte irgendwo ankommen und mich entwickeln.
Doch es kam anders. Jeder Jobwechsel war verbunden mit Zweifeln an mir selbst und der Frage, ob ich überhaupt ins System passe. Dazu die Frage, was ich falsch gemacht habe und warum es eigentlich immer nur mich trifft. Das nagt am Selbstwert; so sehr, dass man gar nicht mehr erzählen möchte, mal wieder arbeitslos zu sein. Doch diese Erfahrungen haben mich gelehrt, zu vertrauen – auf mich selbst, auf Gott und auch auf unser Sozialsystem. Denn obwohl es oft kritisiert wird, bin ich immer wieder aufgefangen worden. Die Angst vor dem Scheitern nimmt es nicht! Jedoch hab ich viel aus dieser Zeit gelernt, speziell Voranzeichen früher zu erkennen und aktiv zu handeln. Auf einen cholerischen Chef etwa bereitet das Studium nämlich nicht vor.
Mit der Zeit bin ich bei Begegnungen – auch Bekannten gegenüber – vorsichtig geworden, habe nicht mehr von mir aus erzählt, dass ich Arbeit suche, weil ich die mitleidigen Blicke nicht ertragen konnte. Viele gaben mir Ratschläge wie „du brauchst unbedingt einen neuen Job“, die mir aber nicht weiterhalfen. Ich brauchte jemand, der zuhörte, mich verstand und mir Mut zusprach. Die Verarbeitung dieser Krisen dauert lange, manches arbeitet noch heute in mir. Hilfreich war jede Art von Ablenkung, wenn etwa jemand spontan vorbeikam und mich aus den eigenen vier Wänden herausholte. Es tat auch gut, in Kursen vom Arbeitsamt auf andere zu treffen, denen es ähnlich ging, sich auszutauschen und zu sehen, in wie vielen Variationen und Generationen es Menschen trifft. Das relativiert das Gefühl, allein die Gescheiterte zu sein. Dennoch, finde ich, ist Arbeitslosigkeit oft noch ein Tabu-Thema.
„Irgendwo wartet der richtige Job auf mich, auch wenn ich dafür viele Umwege gehen muss!“ Das hat mich diese Zeit gelehrt. Ich habe gelernt zu kämpfen, mich einzusetzen und zu behaupten. Heute würde ich auf viele Situationen anders reagieren als vor sieben Jahren.
Im Moment habe ich eine gute Arbeitsstelle, bei der ich gerne bin. Chefs, die zuhören, mir vertrauen und mich machen lassen. Kollegen, die ermutigen und auffangen, aber auch korrigieren und ins rechte Licht rücken. Ich selbst habe in diesen Jahren gelernt, nicht auf jede Provokation einzugehen, manches stehen zu lassen und meine Grenzen besser einzuschätzen. Ich weiß, wie weit ich Schmerz und Druck aushalten kann. Das zu erkennen, war eine harte Schule!

Foto: privat

Constanze Wolf,
Jg. 1984, hat in Bamberg Romanistik und Germanistik studiert. Nach ihrem Diplom im Oktober 2012 zog sie zurück nach München und arbeitete dort in verschiedenen Bereichen. Seit einem Jahr ist sie Projektmanagerin in einer IT-Firma. Ausgleich findet sie bei Sport – vor allem Volleyball, mit Musik, Büchern sowie in der Begegnung mit fremden Kulturen und Sprachen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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