An die Grenze gehen
Migrationsfragen beherrschen die politische Lage in den USA.
Die oft undifferenzierten Diskussionen wirken bis in Kirchen und christliche Gemeinschaften hinein. Was tun, um das Bewusstsein für die Situation von Migranten zu schärfen? Ansätze aus der texanischen Diözese Corpus Christi.
Wer in den Süden von Texas reist, sieht, wie sich die Landschaft verändert. Saftige Wiesen und sanfte Hügel weichen immergrünen Eichen, Mesquite-Bäumen und Kakteen. Viele Orts- und Straßennamen erinnern an die Zeit, als Texas zunächst eine spanische Kolonie war und später zu Mexiko gehörte.
Heute sind 38,6 Prozent aller Texaner Hispanoamerikaner – sie stellen damit die größte ethnische Gruppe des Bundesstaates. In Südtexas steigt dieser Anteil auf 83,8 Prozent. Viele Einwohner sind Nachkommen von Eltern, welche die Grenze überquert haben – manche von ihnen illegal; häufig haben sie noch Verwandte in Mexiko. Auch wenn sie sich ein Leben in den USA aufgebaut haben, sind sie stolz auf ihr Erbe und bemühen sich, die Traditionen zu bewahren.
Doch selbst unter denen, die einst ohne Papiere kamen, ist die Akzeptanz neuer Migranten nicht selbstverständlich. Sätze wie: „Das waren andere Zeiten“ oder: „Jetzt ist das Boot voll“ verraten oft eine tiefe Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg. Die Medien schüren diese Angst, indem sie den Drogenhandel an der Grenze überproportional groß darstellen – während die menschlichen Schicksale ausgeblendet oder verzerrt werden.
Auch Katholiken – im Süden von Texas die stärkste Konfession – sind oft hin- und hergerissen zwischen der kulturell vorherrschenden Meinung und dem Appell von Papst Franziskus, Migranten aufzunehmen und sich um die Bedürftigen zu kümmern. Während Volksfrömmigkeit und das Engagement für den Schutz des Lebens – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod – in vielen Pfarreien Priorität haben, tritt das Gebot, „den Fremden willkommen zu heißen“, manchmal in den Hintergrund.

Alle Fotos: (c) Susanne Janssen
Wer sind die Menschen, die die Grenze im Süden der USA überqueren? Warum machen sie sich auf den Weg? Wollen sie kostenlose Unterstützung bekommen, oder sind sie gar Verbrecher, die Drogen und Bandenkriminalität ins Land bringen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben sich junge Erwachsene und Teenager aus der Hafenstadt Corpus Christi im vergangenen Jahr in mehreren Gruppen auf den Weg an die Grenze im Süden gemacht; Luftlinie etwa 200 Kilometer.
Acht Kilometer von der Grenze unterhält die katholische Hilfsorganisation „Catholic Charities“ ein Ankunftszentrum in McAllen. Die jungen Leute halfen mit: Sie sortierten Kleidung, gaben Essen aus oder spielten mit den Kindern. Diejenigen, die Spanisch verstehen, erfuhren aus erster Hand, warum viele Familien ihre Heimat verlassen: Bedrohung, Bandengewalt, Bürgerkrieg. Gespräche, die neue Perspektiven eröffneten: „Eine Mutter war mit ihren beiden kleinen Kindern wochenlang zu Fuß unterwegs, nachdem ihr Mann von einer Bande getötet worden war. Ich fragte mich, was ich getan hätte“, erzählte ein Collegestudent. Ein anderer fügte hinzu: „Mein Vater würde alles tun, um mir und meinem Bruder eine Chance im Leben zu geben. Diese Familien tun genau das Gleiche.“ Das Bild, das Medien und Politik zeichnen, verblasste, wenn die Familien ihr Schicksal erzählten.

Als eine Studentin eine Frau mit zerfledderten Schuhen sah, zog sie spontan ihre eigenen nagelneuen Turnschuhe aus und gab sie ihr. Sie humpelte mit alten Latschen, aber sichtlich froh zum Auto zurück. „Bevor ich hierherkam, hatte ich nur die gängigen Vorurteile über diese Menschen gehört“, sagte sie. „Aber hier bei ihnen zu sein, hat meine Sichtweise verändert.“ Auch wenn damit nicht alle Fragen auf einen Schlag weggewischt waren, hatte die Exkursion den Teilnehmenden offensichtlich eine differenziertere Sichtweise auf die Migrantenproblematik ermöglicht.
Die Studierenden des Newman Centers an der „Texas A&M University-Corpus Christi“ (TAMUCC) hatten vor ihrer Exkursion zur Grenze über die soziale Dimension des Gebots Jesu – „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Johannes 15,12) – und die Katholische Soziallehre nachgedacht. Pfarrer Darryl D’Souza von der Pfarrei „Heilige Familie“ hatte dabei unterstrichen: „Im Namen der Gerechtigkeit müssen Christen ihre Stimme erheben und gegen soziale, wirtschaftliche und politische Strukturen oder Handlungen vorgehen, die der Botschaft des Evangeliums zuwiderlaufen.“ Er bezog sich auf eine gemeinsame Erklärung der Bischöfe der USA und Mexikos aus dem Jahr 2023 und betonte, dass „das Recht auf Leben und die Bedingungen wie Armut, Ungerechtigkeit, religiöse Intoleranz, bewaffnete Konflikte und andere Ursachen ein Recht auf Migration begründen.“ Grenzen seien zwar notwendig zur Wahrung staatlicher Souveränität, „aber wenn Familien eine Chance zum Überleben und Gedeihen brauchen, ist es unsere moralische Verpflichtung, ihnen zu helfen.“
Chiara Catipon vom Newman Studierendenzentrum organisierte die Exkursion: „Für viele war es das erste Mal, dass sie diese Botschaft hörten. Sie verstanden, dass die Menschenwürde durch falsche Darstellungen, Gleichgültigkeit und politisches Kalkül mit Füßen getreten wird.“
Auch Jugendliche der Pfarrei „Heilige Familie“, die sich auf die Firmung vorbereiten, haben in den vergangenen Jahren im Migrantenzentrum geholfen – mit ähnlichem Effekt. Ein Mädchen sagte: „Ich habe gemerkt, wie oft ich mich beschwere, wenn ich nicht bekomme, was ich will; dabei habe ich alles, was ich brauche – während diese Familien überhaupt nichts haben.“

Die Schüler erkannten, dass ihre Hilfe etwas bewirkte. „Als wir mit den Kindern spielten, kam ein Lächeln auf ihre verängstigten Gesichter“, sagte ein Teenager. „Ein Malbuch und ein paar Buntstifte ließen sie wieder Kinder sein.“ Ein anderer sagte: „Letztendlich sind wir doch alle gleich. Sie kommen aus einem anderen Land, sprechen eine andere Sprache – aber wir machen die gleichen Erfahrungen.“
Schwester Norma Pimentel ist Geschäftsführerin von „Catholic Charities“ in der Grenzregion. 2020 hat das Time Magazine sie in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen aufgenommen. Über ihre humanitäre Arbeit in McAllen sagt sie: „Wenn wir hier jemanden haben, der leidet, und wir können helfen – mit einer heißen Dusche, sauberer Kleidung oder einer Mahlzeit – dann spüren wir Gottes Segen und erfahren seine Freude.“ Für Schwester Norma steht die Menschenwürde an erster Stelle. „Die Art und Weise, wie wir einander behandeln, ist das, worauf es wirklich ankommt“, sagte sie den Jugendlichen der Pfarrei. „Wir müssen unseren Familien, unseren Nachbarn und auch den Fremden, die in unser Land kommen, Liebe entgegenbringen. Wir sollten einander ermutigen, unser Bestes zu geben, um Gutes zu tun.“
Derzeit kommen kaum Migranten über die Grenze. Waren es vorher in McAllen 200 bis 800 pro Tag, sind es nun höchstens zehn. Auch lässt die Situation Freiwilligendienst in Gruppen nicht zu. Dennoch gibt es die eine oder andere Möglichkeit, vor Ort zu helfen: Betroffene, die seit Jahren ohne Papiere im Land sind, über ihre Rechte informieren, ihnen zuhören, sie ins Gebet einschließen. Kleine, aber wichtige Gesten, die auch den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Corpus Christi helfen, ihren Blick auf diese Nächsten hin zu weiten entsprechend der Zusage Jesu: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).
Susanne Janssen (Corpus Christi, USA)

Fokolare in Texas
Seit sieben Jahren engagiert sich die Fokolar-Bewegung in der Diözese Corpus Christi. Auf Einladung des Bischofs übernahm Darryl D’Souza die Pfarrei Heilige Familie in einem ärmeren Stadtviertel der texanischen Hafenstadt. Zwei Fokolargemeinschaften zogen dorthin. Die Männer arbeiten teilweise in der Diözese oder in anderen Berufen, alle engagieren sich nach ihrer Arbeit ehrenamtlich in der Pfarrgemeinde. Vom Frauenfokolar arbeiten zwei Fokolarinnen im Newman Center, dem Studierendenzentrum an der Universität, zwei sind in anderen Bereichen der Diözese beschäftigt. Ihr gemeinsamer Wunsch ist es, sich in den Dienst der lokalen Kirche zu stellen und die Spiritualität der Einheit in das Leben vor Ort einzubringen.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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