Ein Gespür für die Not
„Wenn ich einen Menschen in Not sehe,
möchte ich gerne helfen. Doch ich begegne mehr Menschen in Not als ich helfen kann. Wie kann ich erkennen, wann ich gefragt bin und wann nicht?“
Elli und Dirk von der Heide
Erzieherin und Steuerfachwirt, Friedberg-Paar
Menschen in existenzieller materieller Not erleben wir in unserem Alltag sehr selten. Uns begegnet Not in Menschen, die Hilfe in emotionalen, psychischen oder mitmenschlichen Problemlagen benötigen. Oft sieht nur einer von uns diese Not; der andere nimmt sie – wie die meisten anderen Mitmenschen – gar nicht wahr.
Als Ehepaar wägen wir gemeinsam ab, ob wir die Ressourcen unserer Familie einsetzen sollen und können. Gerade die Ressource Zeit wird von uns immer wieder in ganz verschiedenen Situationen gefordert: hinhören, da sein, Rat geben, hinschauen, in den Arm nehmen. Einem Menschen Zeit zu schenken kann Wunder bewirken, kann aber auch zu einer großen Belastung für unsere Familie werden.
Wir haben gelernt, zunächst selbst innezuhalten und ganz persönlich das Gespräch mit Gott zu suchen: „Ich sehe diese Not. Bin ich der Richtige, sie zu lindern? Oder kann ich, können wir jemand anders bitten zu helfen?“ Dann in das Gespräch miteinander zu gehen, um gemeinsam in der Gegenwart von Jesus in unserer Mitte die Entscheidung zu treffen. Schließlich die jeweilige Entscheidung mit entschiedener Konsequenz zu leben. Zumeist werden wir in diesem Prozess selbst reich beschenkt.
Ulrich Busch
Psychotherapeut, Diez
Menschen, die helfen wollen, folgen nicht nur einer moralischen Überzeugung; es gibt ein inneres Bedürfnis danach: Die pure Wahrnehmung, dass jemand Hilfe benötigt, mobilisiert innere Gedanken und sogar Kräfte. Zunächst ist es aber notwendig, genau zu prüfen, ob ich überhaupt zu helfen imstande bin – das Wahrnehmen der eigenen Energiebilanz ist gerade für viele Christinnen und Christen eine Herausforderung. Sie tun sich schwer, es sich zu erlauben, einmal Pause zu machen, statt die Welt retten zu wollen. Zu bedenken ist auch, dass längst nicht jede oder jeder mutmaßliche Hilfsbedürftige wirklich Hilfe bekommen möchte. Eine klare Ansprache („Möchtest du, dass ich dir helfe?“) führt oft zu eindeutigen Antworten („Nein, im Moment nicht“, oder „Ja gerne“). Ein klares „Nein“ sollte unbedingt akzeptiert werden. Ein vages „Ich weiß nicht“ kann ein präzise formuliertes Hilfsangebot („Ich könnte Folgendes tun“) nach sich ziehen.
Ein Gespür für Not kann helfen. Nicht jeder sieht sie. Doch hinter vermeintlicher Not kann sich auch Unsicherheit und Unklarheit verbergen. Oft ist da eine klare Aufforderung („Du schaffst das schon!“) besser als sofortiges Eingreifen, um Menschen nicht in noch größere Abhängigkeit zu stürzen.
Christine Hüttl
Mutter und Unternehmerin, Augsburg
„Muss nur noch kurz die Welt retten …“ Diese Textzeile aus dem Lied von Tim Bendzko hat mich sofort berührt, als ich es zum ersten Mal gehört habe. Denn der Künstler drückt auf unkonventionelle Art aus, was ich auch möchte. Ich wünsche mir von ganzem Herzen eine Welt ohne Not und Schmerzen. Dabei ist mir klar, dass dieser Wunsch nicht so ohne Weiteres realisierbar ist. Trotzdem ist es mir in meinem Tun wichtig, die Hoffnung genau darauf nicht aus dem Auge zu verlieren, denn mit jedem „aber“, das ich als Gegenargument anführen könnte, würde ich mich selbst in meinem Tun einschränken – oder ich würde hoffnungslos resignieren.
Was bleibt mir also zu tun? Groß denken und hoffen und kleine Schritte tun. Meinen Blick aufmerksam auf die Situationen richten, die mir täglich begegnen, damit ich die Chance nicht verpasse, mich dort einzusetzen, wo ich etwas bewirken kann. Dabei darauf achten, dass meine Hilfe Menschen darin unterstützt, früher oder später für sich selbst sorgen zu können. Mich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn ich spüre, dass meine Bemühungen ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Ich möchte weiterhin fest daran glauben, dass jeder einzelne Schritt, den ich und andere Menschen gehen, die Welt ein bisschen besser macht. Und ich werde nicht aufhören, mir jedes Jahr zu Weihnachten und Geburtstag den Weltfrieden zu wünschen.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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