7. April 2026

Gegen die Ohnmacht

Von nst5

Komplexe Fragen und Informationsflut:

Wem trauen und wo Antworten finden? Gedanken einer Wissenschaftlerin.

Foto: privat

Judith Schenz
hat Molekulare Medizin studiert und leitet das Forschungslabor der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Heidelberg.


Wenn ich sehe, wie schnell sich Desinformation verbreitet, erfasst mich häufig ein Gefühl der Ohnmacht. Wohin wird unsere Gesellschaft sich entwickeln, wenn Menschen einfache Antworten auf komplexe Fragen suchen?
Niemand kann, in der Flut an neuen Informationen alles selbst überprüfen und bewerten. Obwohl ich mich schon immer für unterschiedlichste Themen begeistert habe, mich für Diskussionen und differenzierte Argumentationen interessiere, weiß ich, wo meine Grenzen sind; ich habe weder das Fachwissen, die Fähigkeiten noch die zeitlichen und emotionalen Möglichkeiten, mich in alles einzuarbeiten und umfassend zu informieren. Deshalb stütze ich mich auf die Expertise anderer, indem ich Quellen auswähle, denen ich vertraue, weil ich weiß, dass sie gründlich und transparent arbeiten. Über tagespolitische Ereignisse und gesellschaftlich diskutierte Themen informiere ich mich abseits werbefinanzierter Websites und Algorithmen-basierter sozialer Netzwerke, die polarisierende Positionen, extreme Zuspitzungen und reißerische Überschriften fördern. Ich bevorzuge Quellen, in denen Themen ausgewogen und mit Expertise betrachtet werden, bei denen die Argumente durch Belege gestützt werden und die Motivationen der Autorin, des Autors erkennbar werden.
Desinformation wird schnell und mit geringem Aufwand produziert; gute Recherche hingegen kostet Zeit und Geld. Für mich leitet sich daraus meine Bereitschaft ab, einen finanziellen Beitrag zu leisten, um unabhängigen Journalismus zu unterstützen ebenso wie Fachleute, die ihr Wissen über verschiedene Kanäle mit einem breiten Publikum teilen.
Wie unter anderem in den Pandemiejahren mit Expertinnen und Experten umgegangen wurde, hat mich erschüttert. Unsere Aufgabe als Wissenschaftlerinnen besteht darin, neue Erkenntnisse zu gewinnen und zu bewerten: Was ist Fakt, wo besteht Konsens und wo sind sich Fachkundige nur begrenzt oder gar nicht einig. Es ist dann die Aufgabe von Politik, dieses Wissen als Entscheidungsgrundlage zu nutzen. Medien sollten den gesellschaftlichen Diskurs dazu kritisch begleiten. In der Pandemie lief das teilweise völlig aus dem Ruder. Werden Fachleute sich künftig noch öffentlich äußern, wenn Angriff auf die Person statt sachlicher Diskussion über den Inhalt zur Regel werden? Für mich sind das beängstigende Aussichten – und sie führen zu dem Impuls, auch mein Wissen sogar im persönlichen Umfeld eher zu verstecken.
Wissenschaftlich Arbeiten bedeutet auch, seine Methoden immer neu zu überprüfen und anzupassen und die Grenzen offen zu kommunizieren. Zugleich gehört lernen dazu – was heute wichtige und richtige wissenschaftliche Erkenntnisse sind, muss vielleicht morgen im Zusammenhang mit neuem Wissen anders eingeordnet und bewertet werden. Das ist die Grundlage für Fortschritt. Dafür braucht es gute, nachvollziehbare Kommunikation genauso wie es die Fähigkeit erfordert, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und widersprüchliche Informationen zu ertragen, ohne in Stress zu geraten oder vorschnelle, starre Urteile zu fällen.
Ich kann nachvollziehen, dass das für manche eine große Herausforderung ist. Aber ohne Wertschätzung des Gegenübers wird gesellschaftlicher Diskurs unmöglich.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026.
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