7. April 2026

Nicht sofort eine Meinung haben

Von nst5

Ein paar Gedanken zu Wahrheit und Lüge

– und gebotener Demut

Wahrheit und Lüge sind zwei emotional aufgeladene Begriffe. Sie beeinflussen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unser Selbstbild und unser Wohlbefinden. Wahrheit und Lüge stehen im Zentrum dieser Ausgabe der NEUEN STADT – unter einem bestimmten Blickwinkel. Schauen wir also ein wenig genauer hin.
Die Lüge. Wohl jeder Mensch lehnt sie im Grundsatz ab. Und doch: Jeder Mensch lügt – im Schnitt zweimal am Tag. Und: Menschen rechnen damit, belogen zu werden – im privaten Umfeld, in der Politik und auch in den Medien.
Lüge ist dabei nicht gleich Lüge. Sie hat viele Schattierungen. Grob unterscheidet man zwischen der sozialen Lüge – auch Notlüge oder Zwecklüge genannt –, der zwanghaften Lüge – als möglichem Ausdruck einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung – und der vorsätzlichen Lüge. Während mit der sozialen Lüge kleinere Unwahrheiten gemeint sind, die erzählt werden, um eine unangenehme Situation zu entschärfen oder um die Gefühle anderer zu schonen, hat die vorsätzliche oder strategische Lüge den eigenen Vorteil zum Ziel und nimmt den Nachteil von Mitmenschen billigend in Kauf. Bei der Intrige ist der Nachteil anderer sogar das angestrebte Ziel.
Wenn Lüge im gesellschaftlichen Zusammenleben gezielt eingesetzt wird, spricht man von Desinformation. Darum soll es auf den folgenden Seiten gehen. Desinformation ist kein neues Phänomen, sondern eine jahrhundertealte Taktik, um Meinungen zu beeinflussen, Gegner zu schwächen oder Macht zu sichern. In der digitalen Welt sind jedoch die Verbreitungsgeschwindigkeit, die Reichweite und die technologischen Möglichkeiten insbesondere durch die Künstliche Intelligenz unvergleichlich größer. So kann gezielte Falschinformation schneller, passgenauer und massenhafter gestreut werden. Neben Texten werden zunehmend auch Bilder, Videos und Audioaufnahmen manipuliert – sogenannte Deepfakes –, was die Unterscheidung von Fakten und Fälschung zusätzlich erschwert. Desinformation zielt darauf ab, das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse zu schwächen (siehe unser Interview mit Katharina Nocun).

Bild: (c) DrAfter123 (iStock)

Seit einigen Jahren ist vom postfaktischen Zeitalter die Rede. Es beschreibt eine politische Kultur, in der Tatsachen weniger Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben als Emotionen, persönliche Überzeugungen und subjektive Wahrheiten, auch alternative Fakten genannt. Im politischen Raum ist der Vorwurf der Lüge allgegenwärtig: Von der Corona-Lüge, über die Impf-Lüge, die Asyl-Lüge bis hin zur Klima-Lüge ist alles dabei. Auffällig ist, dass die meisten dieser Vorwürfe aus dem rechtspopulistischen Lager kommen, das es seinerseits mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Mit großer Empörung vorgebrachte Lügenvorwürfe sind oft selbst eine Lüge.
Bei einer Mehrheit der Menschen herrscht inzwischen der Eindruck vor, dass heute mehr gelogen wird als früher und dass die gesellschaftliche Akzeptanz der Lüge gewachsen ist. Die Reaktionen darauf sind sehr verschieden. Die einen sind sich ziemlich sicher, davor gefeit zu sein, auf Desinformation hereinzufallen, und überschätzen sich dabei vermutlich. Andere fühlen sich der Fülle an Fake News hilflos ausgeliefert und übersehen dabei, dass es eine ganze Reihe von Werkzeugen gibt, Desinformation zu entlarven (siehe dazu den “Standpunkt“).
Neben Politikern und Medien („Lügenpresse“) ist auch die Wissenschaft unter Beschuss geraten (Mehr dazu). Insbesondere seit der Corona-Pandemie wird das Grundprinzip der Wissenschaft, die eigenen Erkenntnisse widerlegen zu wollen, um Fortschritte zu erzielen, häufig ins Absurde verdreht, indem zweifelsfreie Tatsachen geleugnet oder ignoriert und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler persönlich bedroht und angegriffen werden.
In einer komplexen und vielfach unüberschaubaren Welt ist eine gehörige Portion Demut gefragt. Es gibt so unendlich viel, was ein einzelner Mensch nicht weiß und nicht wissen oder gar durchdringen kann. Könnte es eventuell angezeigt sein, nicht immer und sofort zu allem eine Meinung zu haben, sondern sich Zeit zu lassen, sorgfältig nach vertrauenswürdigen Quellen zu suchen? Könnte deshalb die Aufgabe der Medien zunehmend darin bestehen, nicht nur selbst Nachrichten zu produzieren, sondern Aussagen anderer einzuordnen, zu überprüfen und gegebenenfalls auch anzuzweifeln? 
Damit sind wir beim zweiten Begriff. Die Wahrheit. Er legt nahe, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt. Schwarz und Weiß. Glaubende Menschen sind überzeugt, dass es die Wahrheit nur in Gott gibt. Für Christen zeigt sie sich in einer Person: Jesus Christus.
Im menschlichen Zusammenleben und gerade in der Politik ist Wahrheit ein zweischneidiger Begriff: Ja, es geht darum, wahrhaftig zu sein und zu kommunizieren, aber nicht darum, die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. Zu behaupten, die Wahrheit zu besitzen, zeichnet autoritäre Regimes aus, nicht aber eine Demokratie. „Wichtiger als unser jeweiliger Anspruch auf Wahrheit und das Rechthaben ist die ständige Suche nach ihr. Dabei ist ständige Skepsis notwendig, nicht zuletzt bei unseren eigenen Urteilen“, schrieb Lukas Gedziorowski in einem Beitrag für den Deutschlandfunk.
Wenn wir verhindern wollen, dass sich das postfaktische in ein postdemokratisches Zeitalter verwandelt, dann genügt es nicht, Desinformation zu entlarven. Dann gilt es, aktiv einzustehen für Wahrhaftigkeit und Mitmenschlichkeit (Dazu ein weiterer “Standpunkt“). Das kann etwa heißen, darauf zu achten, wo wir selbst vorschnell auf „Notlügen“ zurückgreifen. Es kann heißen, die eigene Position nicht mit Verachtung gegenüber Andersdenkenden oder persönlichen Angriffen zu vertreten. Es kann weiter heißen, bei aller gebotenen Skepsis in einzelnen Situationen grundsätzlich das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse zu bewahren. Und schließlich kann es bedeuten einzugreifen, wenn Menschen oder ganze Gruppen aufgrund von Lügen ausgegrenzt werden.
Vielleicht nähern wir uns so dem an, was Jesus im Johannesevangelium meint, wenn er dazu auffordert, die Wahrheit zu tun: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Johannes 3,21). Etwas mehr Licht wird dem Ringen um die Wahrheit sicher nicht schaden!
Peter Forst


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026.
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