Die Nerven liegen blank
Beatriz Lauenroth war 2025 sechs Monate in der Ukraine.
Was sie in dem Kriegsland erlebt und von dort mitgenommen hat.
Letztes Jahr verbrachte ich – auf drei Etappen verteilt – insgesamt sechs Monate in der Ukraine. Bevor ich in ein Zentrum der Fokolar-Bewegung in den Niederlanden kam, wo ich derzeit lebe, war ich 20 Jahre in Moskau. Auch wegen meiner Sprachkenntnisse kam in mir vor drei Jahren der Wunsch auf, die Fokolargemeinschaft im Westen der Ukraine zeitweise zu unterstützen. Für viele Freunde in meiner Wahlheimat Holland war dieser Gedanke unverständlich. Doch die Arbeit mit Geflüchteten, die seit 2022 in den Niederlanden angekommen waren, hatte mir gezeigt, wie wichtig das empathische Zuhören ist, wenn traumatische Erfahrungen geteilt werden. Auch während meiner Aufenthalte in der Ukraine höre ich viel zu und unterstütze die dortige Fokolargemeinschaft ganz praktisch beim Einkaufen, Kochen oder anderen Aufgaben. In den vielen Begegnungen mit den Menschen vor Ort wachsen Nähe und Freundschaft, die mich über alle Maßen bereichern.
Neben dem Reichtum, den ich dadurch erfahre, sehe ich jedoch auch ein Land, das nach vier Jahren Krieg an seine Grenzen stößt. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen ist unglaublich, doch die Anspannung ist überall spürbar. Die Nerven liegen blank – und das ist nur allzu verständlich.
Der Winter, oft ohne Strom, Wasser und Heizung, die häufigen Alarme – all dies hat das tägliche Leben der Menschen verändert; die Kriegsumstände haben sich in den Alltag eingebrannt. Mein Aufenthalt ist auf Schritt und Tritt geprägt von der harten Realität des Krieges: Die Trauer um Gefallene gehört zum Leben fast jeder Familie; Feiern fallen aus; die wirtschaftliche Not wächst. Frauen übernehmen in der Gesellschaft zunehmend die Aufgaben der Männer, die an der Front sind. Bauunternehmen und andere Betriebe beschäftigen momentan fast ausschließlich Mitarbeiterinnen.
Es ist ein Leben in permanenter Ungewissheit, ein Leben im Angesicht der Bedrohung.
Minute der Stille
Trotz dieser chaotischen Umstände gibt es Momente tiefer Verbundenheit und gemeinsamen Gedenkens, die das Land zusammenhalten. So erklingt jeden Morgen um neun Uhr ein Lied des nationalen Widerstands in den Straßen der gesamten Ukraine. Das öffentliche Leben steht dann für eine Minute still. Die Kassiererin im Supermarkt stoppt den Scanvorgang, der Mann im Café setzt seine Tasse ab, die Bibliothekarin an der Buchausgabe erstarrt in ihrer Bewegung. Diese Minute ist dem Gedenken an die gefallenen Soldaten gewidmet und an all die Männer und Frauen, die in den Schützengräben standhalten. Es ist eine tägliche, bewegende Zeremonie, welche die Opfer des Krieges in den Mittelpunkt stellt.

Die Nähe des Todes verändert die Perspektive auf das Leben und den Glauben tiefgreifend. Ein junger Mann, der an der Front kämpft, erzählte mir: „Im Angesicht des Todes gibt es keine Nichtglaubenden. Selbst die Männer, die nicht gläubig sind, flehen dann: ‚Sprich ein Gebet auch für mich, denn ich weiß nicht, wie man betet.‘“
Ein anderer Soldat berichtete von einem Hinterhalt, in den seine Einheit geriet: „Wir standen unter schwerem feindlichem Feuer. Wie durch ein Wunder blieb die Kugel in meiner schusssicheren Weste stecken. So viele Menschen auf der ganzen Welt beten für uns, und ich bin überzeugt, dass eines dieser vielen Gebete mein Leben gerettet hat.“
An der Front
Während meines Aufenthalts traf ich den jungen Soldaten Tibor. Als die Kämpfe in Luhansk im äußersten Osten der Ukraine eskalierten, traf Tibor die Härte der Front wie ein Schock. Er fand sich im Keller eines zerstörten Gebäudes unter schwerem Artilleriefeuer wieder. Plötzlich konnte er sich an keinen der Bibelverse mehr erinnern, mit denen er aufgewachsen war. Gott, den er als Liebe erfahren hatte, schien unerreichbar fern.
In seiner Verzweiflung verließ Tibor eines Nachts seinen Unterschlupf und fand im Keller eines benachbarten, zerbombten Hauses ein Neues Testament. Er las die Frohe Botschaft immer und immer wieder, und langsam spürte er sein Vertrauen zurückkehren. „Gottes Segen ist kein Trost für das Jenseits, sondern eine Kraft für das Leben im Hier und Jetzt“, sagte er mir. Er erzählte von einem seiner Kameraden, einem erklärten Atheisten: „Wegen der ständigen Lebensgefahr war er depressiv geworden und erlitt eine Panikattacke. Ich schlug vor, gemeinsam Atemübungen zu machen. Ich konnte in diesem Moment nicht über Gott sprechen, aber ich verstand, dass jeder in der Not die Nähe anderer sucht – unbewusst auch die Nähe Gottes.“
Maxim ist Kaplan der Ukrainischen Bibelgesellschaft und kümmert sich um die Soldaten in den Schützengräben. Er bringt ihnen Medikamente und Lebensmittel, aber vor allem Trost und Beistand. Er erzählte: „An der Front spüre ich Gottes Gegenwart stärker als irgendwo sonst – eine unbeschreibliche Intensität!“ Während der Feuerpausen liest er mit den Soldaten in der Schrift. „Ich hole die Bibel hervor, und die Soldaten legen ihre Pistolen daneben – ein Zeichen, dass sie sich unter das Wort Gottes stellen. So kämpfen wir mit der Kraft unseres Glaubens gegen die Kräfte der Zerstörung.“ Unter extremen Bedingungen werde Nächstenliebe zu einem Überlebenselixier, ist Maxim überzeugt.
Ein kraftvoller Moment für alle an der Front – so nehme ich aus den Erzählungen der beiden wahr – sind die Gottesdienste. Dort gibt es keine konfessionellen Reibereien; Orthodoxe, Protestanten und Katholiken beten gemeinsam. Tibor erinnerte sich: „Als unser Bataillon nach Awdijiwka verlegt wurde, wo die Kämpfe am schlimmsten waren, berührte uns alle die Lesung über die Grablegung Christi. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es für einige von uns die letzte Vorbereitung auf den Abschied vom Leben war. Sie kehrten nicht mehr von den Kämpfen zurück.“
Alltag und Alltag
Die Erlebnisse der beiden und die Begegnungen mit vielen anderen lassen mich verstummen. Und sie bestärken mich in der Haltung, mit der ich da sein möchte: Ich bin nicht gekommen, um moralisch zu richten, sondern um das Leben im Hier und Jetzt mit jenen zu teilen, die meinen Weg kreuzen. Dabei werde ich von der Gewissheit getragen, dass Gottes unendliche Liebe jedem Einzelnen gilt.
Die Ansprüche und Sorgen in meinem Alltag relativieren sich angesichts dieses Alltagslebens im Krieg. Der Gedanke an meine Freunde in Mukatschewo, Kyjiw und Lwiw hilft mir, auch nach meiner Rückkehr aus der Ukraine weniger auf mich selbst zu schauen. Und auch meine Bekannten in den Niederlanden begreifen inzwischen, dass mir während meines Aufenthalts in der Ukraine viel mehr geschenkt wurde, als ich je hätte geben können. Und ich bin gewiss: Im Frühjahr führt mich mein Weg dorthin zurück.
Beatriz Lauenroth
Beatriz Lauenroth, geboren in Buenos Aires/Argentinien, ist in Deutschland aufgewachsen und lebt heute – nach drei Jahrzehnten in Italien und Russland – in einem Zentrum der Fokolar-Bewegung in den Niederlanden.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026.
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