Ein kurzes, intensives Leben

Mit Chiara habe ich die schönsten Augenblicke meines Lebens erlebt“, sagt Giuliano, einer ihrer Freunde. Und Paola, eine Bekannte: „Man hat nie gespürt, wie krank sie ist. Wenn ich sie anschaute, verstand ich, was lieben heißt.“ Chiara Luce Badano aus der Nähe von Genua starb 1990 mit nur 18 Jahren an Krebs. Sie galt als „ganz normale“ Jugendliche. Dennoch hat sie eine Leuchtspur hinterlassen, die weit über ihr Heimatdorf Sassello und die Grenzen Italiens hinausreicht. Am 25. September wird sie in Rom selig gesprochen. Was war das Geheimnis ihrer Ausstrahlung? Ein Buch zeichnet jetzt das kurze Leben von Chiara Luce nach – anhand ihrer Briefe und Tagebücher, Erinnerungen ihrer Eltern und Freunde. Hier einige Auszüge:

Der Glaube gehörte im Familienalltag der Badanos dazu. Dennoch weigerte sich die kleine Chiara manchmal zu beten. Ihre Mutter wollte sie nicht drängen und sagte: „Gut, dann bete ich für dich mit.“ Es dauerte nicht lange, da wiederholte die Kleine das Gebet der Mutter. Typisch: Chiaras spontane Reaktion auf eine Bitte war oft ein entschiedenes Nein, dann dachte sie nach – und lenkte großzügig ein.

Einmal hatte die Mutter ihr vorgeschlagen, einige Spielsachen zu verschenken. Da hörte sie Chiara aus dem Nachbarzimmer: „Das ja, das nein; das ja, das nein…“ Auf die Frage, was sie da tue, antwortete Chiara: „Ich kann den armen Kindern doch nicht die kaputten Spielsachen geben!“

Chiara war fast neun, da hörte sie von den „Gen“, den Kindern und Jugendlichen der Fokolar-Bewegung. Sie schloss sich einer Kindergruppe an, einem „Gen-Team“: „Diese Mädchen waren anders als die, die ich kannte. Gemeinsam bemühen wir uns, für Jesus zu leben“. In diesem Miteinander wuchs in Chiara der Wunsch, Gott den ersten Platz im Leben zu geben. Jesus wurde zu einem vertrauten Freund, mit dem sie alles besprechen konnte.

Chiara blieb in der Jugendgruppe ihrer Pfarrei, fuhr jedoch oft zu den „Gen“ nach Savona. Sie trafen sich meist bei „Chicca“, der zwei Jahre älteren Clara Coriasco. Chicca wurde ihre beste Freundin, mit ihr unternahm sie viel und ging durch dick und dünn. Beide liebten Musik, hörten Platten von Springsteen und U2 und sprachen mit den anderen „Gen“ über den Glauben und ihre „Erfahrungen mit dem Evangelium“.

Abends vor dem Schlafengehen schrieb Chiara manchmal auf, was sie erlebt hatte: „Ein Mädchen aus meiner Klasse fehlte schon einige Tage. Ich erfuhr, dass sie Scharlach hatte. Keiner besuchte sie. Ich wollte ihr die Hausaufgaben bringen, damit sie sich nicht so allein fühlte. Meine Mutter sagte, dass ich mich anstecken könnte. Ich habe geantwortet: ,Macht nichts!‘ – Meine Klassenkameradin hat sich sehr über meinen Besuch gefreut.“

Wegen ihres Glaubens machten sich manche über sie lustig. Das tat ihr weh, aber sie wusste, dass das „Kreuz“ dazu gehört, wenn man Jesus nachfolgen möchte. Ihm wollte sie treu bleiben.
Nach der Mittelschule ging Chiara aufs Gymnasium nach Savona. Dennoch verbrachte sie die Wochenenden häufig in Sassello, um mit ihren Freunden zusammen zu sein; oft bis spät abends. Das machte den Eltern Sorgen, und sie legten fest, um welche Uhrzeit ihre Tochter wieder zu Hause sein musste. Dies wiederum machte Chiara zu schaffen; anscheinend vertrauten ihr die Eltern nicht. Miteinander suchten sie eine Lösung. Ihre Mutter erzählt: „Wir haben abgemacht, dass Chiara selbst entscheiden solle. Wenn sie mitten in einem wichtigen Gespräch wären, könne sie bleiben. Ein anderes Mal würde sie dafür um 22 Uhr zu Hause sein. So war zwischen uns alles wieder im Lot.“

Chiara hatte in zwischenmenschlichen Beziehungen ein großes Gespür für Echtheit und Wahrhaftigkeit.

Bei aller Unbefangenheit wahrte sie die nötige Distanz und setzte gegebenenfalls klare Grenzen. Das zeigte sich auch, als sie Luca kennenlernte. Chiara mochte ihn sehr. Doch als sie den Eindruck hatte, dass er es nicht ehrlich meinte, brach sie den Kontakt ab.

In Sassello traf sich Chiara gern mit den anderen Jugendlichen vor dem Straßencafé. Es gehörte dem Vater von Giuliano, der nicht viel älter war als sie. Zwischen ihnen entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, insbesondere ab Sommer ´89. Giuliano wurde für Chiara wie ein Bruder.

In einer Klasse ließ eine Lehrerin sie durchfallen. Chiara hatte viel gelernt und fühlte sich von ihr nicht verstanden. Trotz der Enttäuschung verurteilte sie die Lehrerin nie. Ihre Klassenkameraden hinderte sie sogar daran, der Frau einen bösen Streich zu spielen. Chiara bemühte sich, „die Menschen jeden Tag neu zu sehen und alles zu vergessen, was gewesen war“.

Nach dem anstrengenden Schuljahr 1986/87 fiel der Mutter auf, dass Chiara nach dem Tennisspielen ab und zu ganz niedergeschlagen war; der Arm tue ihr manchmal sehr weh, erklärte ihre Tochter. Einmal durchfuhr ein so stechender Schmerz die linke Schulter, dass ihr der Schläger aus der Hand fiel.
Chiara ging weiter zur Schule. Doch die Schmerzen ließen nicht nach. Eine Untersuchung im Februar 1989 ergab: Knochentumor an der siebten Rippe links mit Metastasen in den angrenzenden Weichteilen. Als sie nach der Operation aus der Narkose aufwachte und starke Schmerzen spürte, flüsterte sie: „Warum, Jesus? – Jesus, wenn du es willst, will ich es auch!“ Ihre Kusine Glenda erzählt: „Als ich ins Zimmer trat, lächelte sie mich an wie früher.“

Chiara hoffte, gesund zu werden und bald wieder zur Schule gehen zu können. Doch die OP brachte nicht den erhofften Erfolg. Als sich Chiara einer Chemotherapie unterziehen muss, ahnt sie den Ernst ihrer Lage. Sie sprach selbst den behandelnden Arzt Dr. Brach an und bat um eine klare Auskunft. Die Mutter erinnert sich: „Ich konnte Chiara an dem Tag nicht begleiten. Als sie zurückkam, wollte ich sofort wissen, wie es ihr ergangen war. Ihr Gesicht war von Schmerz geprägt. Doch sie sagte nur: ,Mama, jetzt nicht‘, und warf sich aufs Bett. So blieb sie 25 Minuten liegen, ohne ein Wort. Die Zeit kam mir endlos vor. Schließlich sagte sie: ,Jetzt kannst du reden.‘ Ihr Gesicht war wieder wie sonst, entspannt und strahlend.“
Die Chemotherapie hinterließ ihre Spuren: Chiara verlor die Haare, was ihr arg zusetzte. Als ganze Strähnen in der Hand zurückblieben, ließ sie sich mit der ihr eigenen Entschiedenheit den Kopf kahl rasieren: „Für dich, Jesus!“
Das Gehen fiel ihr zusehends schwer. Immer öfter musste sie sich bei jemandem einhaken. Bis ihre Beine vollends versagten und Chiara auf den Rollstuhl angewiesen war – ein harter Einschnitt: „Nie mehr gehen können? Ich bin so gern Fahrrad gefahren und gelaufen!“

Der Mutter sagte sie oft: „Jeder Augenblick ist kostbar; er darf nicht vergeudet werden. Alles relativiert sich, auch in den schrecklichsten Momenten, wenn wir es Jesus schenken. Deshalb geht der Schmerz nicht verloren, sondern hat einen Sinn als Geschenk für Jesus.“

Seit Chiara bei den „Gen“ mitmachte, hatte sie öfter Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung, geschrieben. Die Gemeinschaft mit ihr und den anderen „Gen“ bedeutete ihr viel; sie fühlte sich dadurch getragen und ermutigt. Am 20. Dezember 1989 schrieb sie: „Seit zwei Tagen bin ich wieder zu Hause, nachdem ich in zehn Monaten zum x-ten Mal eine Chemotherapie über mich ergehen lassen musste. Ich hatte heftige Schmerzen, aber meine Seele hat gesungen.“

Am 28. Dezember konnte Chiara das Krankenhaus verlassen, wurde jedoch am 24. Januar 1990 erneut eingeliefert. Sie war sehr geschwächt, litt unter Atemnot, und die Kontraktionen der Beine machten ihr immer mehr zu schaffen. Dennoch wollte sie keine hochdosierten Schmerzmittel: „Sonst habe ich keinen klaren Kopf. Und ich kann Jesus nur den Schmerz schenken. Etwas anderes habe ich nicht mehr.“
Am 22. Juni teilte Dr. Brach den Eltern mit, dass Chiara noch eine Lebenserwartung von etwa zwei Monaten habe. Über seine Patientin sagte er: „Als meine Eltern starben, hatte Chiara tröstende Worte für mich. Sie glaubte an ein Weiterleben nach dem Tod und sprach davon mit einfachen, nicht angelernten Worten. Immer wieder hat sie mir versichert, dass sie ihre Situation annehme, wie sie ist. Und das sagte sie ganz spontan und natürlich.

Sie zeigte ihren Glauben nicht so sehr durch Worte, sondern durch ihre Haltung, ihren Frieden.

Sie meinte es ernst. Davon bin ich überzeugt, denn in einer Situation wie der ihren ist es fast unmöglich, auf Dauer etwas vorzutäuschen.“

Am 19. Juli schrieb Chiara Badano an Chiara Lubich: „Ich fühle mich so klein, und der Weg, der vor mir liegt, ist so steil; oft fühle ich mich vom Schmerz überwältigt. Doch es ist der Bräutigam, der mich besucht, nicht wahr?“ Chiara nannte Jesus „Bräutigam“, um zu sagen, dass ihr Herz ihm gehörte.
In der Antwort bezog sich Chiara Lubich auf das Foto, das dem Brief beilag: „Dein strahlendes Gesicht spricht von deiner Liebe zu Jesus. Hab keine Angst, ihm Augenblick für Augenblick dein Ja zu sagen. Er wird dir die nötige Kraft geben. Gott liebt dich über alles; er möchte bis ins Innerste deiner Seele vordringen und dich mit dem Himmel beschenken.“ Sie gab Chiara einen zweiten Namen: Luce, Licht.

Das Telefon blieb Chiaras Verbindung nach draußen. Bis zuletzt hielt sie, wenn sie keine Sauerstoffmaske trug und ihre Kräfte es erlaubten, den Kontakt zu den Freunden, heiterte sie auf und machte ihnen Mut: „Weißt du, Mama, ich möchte den Jugendlichen wie bei den Olympischen Spielen die Fackel übergeben. Sie haben nur ein Leben, und es lohnt sich, es gut zu leben.“
Zu ihrer Beerdigung wünschte sich Chiara ein schlichtes langes weißes Kleid mit einer rosa Schleife; das nähte die Mutter ihrer Freundin Chicca. Mit ihr zusammen suchte Chiara am 21. August für „ihre Messe“ die Lesungen und Lieder aus und bereitete die Fürbitten vor.

Chiaras Mutter erzählt von den letzten Stunden: „Man konnte sehen, dass es zu Ende ging. Und doch hatte ich einen großen Frieden in mir. Sie öffnete die Augen und sagte: „Weißt du, Mama, was ich gemacht habe? Ich habe gesungen: Hier bin ich, Jesus, auch heute, vor dir, ganz neu, so wie du mich willst.“ – Mein Mann und ich blieben während der Nacht bei ihr. Mit einem Mal war ihr Gesicht ganz verzerrt. Sie muss in dem Moment extrem gelitten haben. Kurz darauf entspannte sich ihr Gesicht wieder, und sie sah aus wie immer. Sie machte ein Zeichen mit dem Finger – sie hatte kaum noch Kraft zu sprechen – und ich beugte mich nahe zu ihr. Sie versuchte zu lächeln, legte mir die Hand auf den Kopf und zerzauste mir die Haare. Dann sagte sie: ,Ciao, Mama; sei glücklich, denn ich bin es.‘“
Chiara Luce Badano starb am 7. Oktober 1990 um 4 Uhr 10.

aus: Gudrun Griesmayr, Chiara Luce Badano. „Gott liebt mich doch!“ Ein kurzes, intensives Leben, Verlag Neue Stadt, München 2010

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2010)
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