10. Mai 2009

Wie in einer Familie

Von nst_xy

Altenheime haben meist wenig Anziehungskraft. Dass es auch positive Beispiele gibt, zeigt das Annaheim in Neunkirchen. Dort hat sich das Ehepaar Schwappach einen Traum erfüllt: den, mit Bewohnern und Mitarbeitern als Großfamilie zu leben.

Frau Scholz 1) hatte Alzheimer. Solange es ging, pflegte ihr Mann sie zuhause. Als er das alleine nicht mehr schaffte, brachte er sie ins Annaheim. Danach kam Herr Scholz täglich und betreute seine Frau mit Unterstützung des Pflegepersonals noch drei Jahre. Als sie dann vor einem Jahr starb, verging nur etwas mehr als eine Woche, bis Herr Scholz wieder im Annaheim auftauchte: Er sei so alleine in seiner Wohnung, und das hier wäre doch auch sein Zuhause. Seitdem hilft Herr Scholz im Annaheim, wo er kann, und beteiligt sich an den Freizeitaktivitäten. Er ist 80 Jahre alt.
Das Annaheim, ein Alten- und Pflegeheim mit 72 Betten, liegt in Wiebeiskirchen, einem Stadtteil der saarländischen Kreisstadt Neunkirchen. Nicht nur für Herrn Scholz, auch für viele andere Menschen, ist es Zuhause und Bezugspunkt. Seine Bewohner sind zwischen 58 und 104 Jahren alt und leben in dem 2005 neu eröffneten Haus in 48 Einzel- und 12 Doppelzimmern.
Im Eingangsbereich spendet eine große Glaskuppel viel Licht. Fast alle wichtigen Räume – die Hausleitung, die Büros und die Pflegebäder – sind hier untergebracht. Die
Mitarbeiter sind so für die Angehörigen und Bewohner immer gut erreichbar. Kreuzförmig gehen von der großen hellen Eingangshalle, in der auch viele Veranstaltungen für die Bewohner stattfinden, auf zwei Etagen die Flure ab. Sie heißen nicht Stationen, sondern haben Namen wie „Mohnblumenallee”, „Tulpenweg” oder „Kornblumengasse”. Dort liegen die Zimmer der Bewohner. Alle Flure haben einen Wintergarten sowie Blick und Zugang zum großzügig angelegten Garten mit Teich. Für Alzheimerpatienten gibt es einen eigenen Garten, ohne Teich.
Im Wintergarten essen die Bewohner auch zusammen. „Erst gab es einen großen Speisesaal für alle”, erzählt Relinde Schwappach, die mit ihrem Mann Eckhardt das Heim gründete. „Aber das war zu anonym.” Jetzt isst man in kleinen Gruppen – zusammen mit seinen Nachbarn.

Relinde Schwappach (67) ist gelernte Krankenschwester, ihr Mann, Eckhardt (67), Krankenpfleger. Als Frau Schwappach mit ihren fünf kleinen Kindern nicht berufstätig sein konnte, engagierte sie sich in der Pfarrgemeinde und lernte so Ordensschwestern kennen, die für die Pflege in der Gemeinde zuständig waren. Dort half sie öfters aus. Mit der Zeit träumte sie davon, ein eigenes Pflegeheim zu haben, „das wie eine kleine Familie ist”.

Die Chance bot sich 1979: In der Nähe stand ein Heim zum Verkauf, und Schwappachs entschieden sich, es zu übernehmen. Zusammen mit ihren fünf Kindern zogen sie in das Pflegeheim in der Eicheltaler Mühle. Es war ein Altbau, der heutigen Maßstäben für Pflegeheime sicher nicht standhalten könnte. Die gut 20 Bewohner waren arm. Doch Relinde und Eckhardt Schwappach sprudeln nur so von Erinnerungen an jene Zeit: Die Kinder wuchsen ganz selbstverständlich zwischen den alten Menschen auf, man aß zusammen, am Wochenende wurde für das ganze Haus Kuchen gebacken; sogar Urlaub machten sie manchmal gemeinsam mit einigen Bewohnern in Schwappachs Ferienhaus auf Teneriffa. „Vielleicht waren die Bäder etwas klein”, schränkt Relinde ein, „aber wir waren eine Familie.” Man spürt, dass sie gerne alles daran gesetzt hatte, damit die Eicheltaler Mühle mehr war, als ein Ort an dem pflegebedürftige Menschen etwas zu essen, ihre Tabletten und Körperpflege bekamen.
Für die Kinder von Schwappachs war das eine prägende Erfahrung, aber nicht immer leicht! Schließlich mussten sie ihre Eltern mit den Bewohnern teilen. Lange schien es dann auch, dass keines in die Fußstapfen der Eltern treten wollte. Erst vor einigen Jahren entschied sich Anne, die vierte, nach einer Ausbildung zur Hotelfachfrau noch eine Pflegeausbildung zu machen. Daraufhin beschlossen ihre Eltern, noch ein wenig weiterzumachen und sogar ein neues Heim zu bauen: größer, heller und komfortabler für die Bewohner und für die Pfleger. Auf dem Gelände des ehemaligen Anna-Bergwerks am Rande von Wiebeiskirchen entstand das Annaheim. Trotz vieler Hindernisse und Schwierigkeiten konnten sie es 2005 eröffnen.
Tochter Anne ist inzwischen Pflegedienstleiterin und führt zusammen mit ihrem Vater das Annaheim. Sie hat drei Kinder, und das Altenheim bot ihr zunächst vor allem die Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.
Inzwischen hat sie sich jedoch genauso wie ihre Eltern dafür begeistert: „Die Arbeit ist oft hart, aber es lohnt sich!” Was meint sie damit? Manche Reaktionen seien einfach toll, meint die Pflegedienstleiterin des Annaheims schlicht. So komme es öfters vor, „dass Bewohner, die ins Krankenhaus müssen, dort sagen, sie wollen wieder ,nach Hause’ – und meinen damit das Annaheim.”
Auch die Kinder von Tochter Anne gehören wie selbstverständlich mit dazu. Elias (11) Annes jüngster Sohn, flitzt schon mal auf Inlineskates durch den Flur. Er kennt die Bewohner mit Namen, unterhält sich mit ihnen, begleitet sie durchs Haus und gibt Bescheid, wenn bei einem etwas nicht stimmt. Seine beiden älteren Brüder sind 17 und 18 Jahre alt. Und wenn im Heim ein Fest gefeiert wird, bringen auch sie ihre Freunde mit und helfen aus.
In der „Kornblumengasse” sitzen Frau Müller 1) und Frau Kaufmann 1) beim Abendessen. Beide sind geistig noch sehr fit, haben es aber nicht mehr geschafft, sich selbst zu versorgen. Nun genießen sie es, dass sie im Annaheim viel mehr Freiheiten haben als vorher: „Für Essen, Putzen und medizinische Versorgung ist gesorgt,” so Frau Kaufmann. „Ich kann gehen, wohin ich will und habe ein großes Angebot an Freizeitaktivitäten.”
Zu diesen Aktivitäten gehören viele Feste im Jahreskreis, Veranstaltungen und auch ein monatlicher Brunch. Dazu können auch Angehörige kommen. Und es kommen viele. Ein Drittel der Bewohner, so Eckhardt Schwappach, bekomme täglich Besuch. Allerdings bekommt auch etwa ein Drittel kaum oder keinen Besuch. Auch zur örtlichen Grundschule gibt es gute Kontakte. Regelmäßig kommen Klassen vorbei, um die Bewohner zu Themen wie „Schule – früher und heute” zu befragen, ihnen Theaterstücke vorzuspielen oder ihr Sankt-Martins-Fest mit ihnen zu feiern. Der Turnverein veranstaltet die Seniorengymnastik im Annaheim, und die Senioren aus Neunkirchen treffen sich dort. Regelmäßig gibt es katholische Messen, evangelische Gottesdienste und ökumenische Andachten, zu denen auch Nachbarn und Angehörige gerne kommen.
Wie in jedem Altenheim ist auch im Annaheim das Sterben ein Thema. Es gehört dazu, und Schwappachs versuchen, es entsprechend in den Alltag einzubinden. Angehörige von Sterbenden haben die Möglichkeit, für einige Zeit im Annaheim zu wohnen, um ihre Lieben zu begleiten. Sterbende, die vorher in einem Doppelzimmer wohnten, können in ein extra Zimmer gebracht werden, damit sie im Kreise der Familie sterben können. „Manchmal können wir auch beitragen”, sagt Relinde Schwappach, „dass die Angehörigen noch Frieden schaffen, wenn etwas offen geblieben ist.”
Wenn ein Bewohner im Annaheim stirbt, wird im Zentrum eine Kondolenz-Karte aufgestellt. Liebevoll und mit Respekt steht dort ein kleiner Text mit einem Foto des Verstorbenen. Bewohner, Mitarbeiter und Gäste können sich so verabschieden. Es gibt keine Karte auf der Elias, Annes jüngster Sohn, nicht unterschrieben hat.
Im letzten Dezember gab es erstmals einen Gottesdienst für alle verstorbenen Bewohner des vergangenen Jahres. „Das war für alle ganz wichtig”, erzählt Anne. „Unsere Bewohner haben so gemerkt, dass sie nach ihrem Tod nicht einfach weg sind und ihr Zimmer neu belegt wird.”

Im Annaheim herrscht eine besondere Atmosphäre. Wie machen Schwappachs das? „Ich weiß es nicht”, sagt Eckhardt Schwappach. „Es sind keine ausgetüftelten Konzepte, keine speziellen Mitarbeiterfortbildungen, auch wenn es natürlich ein Pflegeleitbild gibt.” Und Tochter Anne meint: „Wir leben hier einfach als Familie zusammen.”

Dazu gehört auch, dass Schwappachs versuchen, mit ihren Mitarbeitern im Team zu arbeiten. Da gibt es nicht „den Chef”, der bestimmt, was alle tun. Sie setzen auf Respekt, Vertrauen und Offenheit. Auch die Finanzen, wie die Anschaffung teurer Geräte, besprechen sie mit den Mitarbeitern. Denn Zeit- und Geldmangel sind auch im Annaheim ein Problem. Das System zur Berechnung von Pflegepersonal lässt wenig Zeit für persönlichen Kontakt zu den Bewohnern und schafft viel Stress. Laufend schauen Behörden vorbei, ob alles hygienisch, hell, groß und pflegegerecht ist. „Aber ob sich die Bewohner wohl fühlen, ob sie gerne hier sind, das prüft keiner”, beklagt die Pflegedienstleiterin. „Qualitätsmanagement sichert noch keine Menschlichkeit.” Auch die Einstufung in Pflegekategorien ist immer wieder ein heißes Thema.
Wie kann man bei all dem Druck und Ärger mit Behörden sagen: „Meine Arbeit macht mir Spaß”? Immerhin geht der Gesundheitszustand der Bewohner ja ständig bergab, und man hat den Tod vor Augen. Eckhardt Schwappach schüttelt den Kopf. So negativ könne man das nicht sehen. „In der Pflege kommt man den Menschen sehr nahe. Man bricht Tabus, an die sie sich jahrelang gehalten haben, zum Beispiel bei der Intimpflege. Man lernt sie in ihrer Schwachheit kennen und dabei kommen Tiefen und Facetten und Schönheiten ans Licht.” Für Schwappachs ist das ein Geschenk. Und wenn man sie erlebt, ahnt man, dass „Würde im Alter” für sie kein Fremdwort ist. „Gut, daheim zu sein”, kann man da entsprechend dem Leitspruch des Annaheims nur sagen.
Teresa Parlasca
1) Name von der Redaktion geändert

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2009)
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