Das Geschenk der Vergebung
Vergeben ist schwierig, sehr schwierig manchmal. Vergeben verlangt eine Entscheidung; es ist ein Prozess und letztlich ein Geschenk. Erzwingen lässt sich die Vergebung nicht. Warum es sich lohnt und welche Schritte nötig sind, zeigt R. Scott Hurd auf. Behutsam geht er auf mögliche Blockaden ein und wirbt dafür, sich auf den Weg zu machen. Auszüge aus einem Buch des Priesters der Erzdiözese Washington.)1)
Vergeben heißt nicht, sich ausnutzen zu lassen
Vor einigen Jahren hielt ich in einer Kirchengemeinde eine Vortragsreihe über Vergebung. An einem Abend sprach ich darüber, dass Jesus gelehrt hat, den Mitmenschen „siebenundsiebzigmal“ zu verzeihen. Anschließend meldete sich eine Frau zu Wort. Sie äußerte die Sorge, ob ein Mensch nicht anfällig für Missbrauch werde, wenn er die Lehre Jesu befolge. (…)
Ich war dankbar, dass sie ihre Sorge vor allen aussprechen konnte. Häusliche Gewalt, auch Gewalt in der Ehe sind in unserer Gesellschaft verbreitet. (…) Das typische Verhaltensmuster eines Mannes (manchmal einer Frau), der häusliche Gewalt verübt, ist, dass er um Verzeihung bittet und verspricht, sich zu bessern. Seine Ehefrau vergibt ihm, doch später begeht er erneut einen Akt der Gewalt. Dieser ständige Kreislauf von Verzeihen und erneutem Missbrauch kann sich über einen langen Zeitraum erstrecken. Ist das Opfer Christin, meint sie vielleicht, dass sie bei ihrem Ehemann, der sie misshandelt, aushalten müsse. (…) Sie könnte die Schuld bei sich suchen und sich vor Gott schuldig fühlen. Vielleicht deutet sie ihr Leiden auch als Teilhabe an Jesu Leiden, in der Meinung, Lieben heiße für sie als Christin, ihr Leid zu ertragen … In solchen Situationen brauchen wir eine große Klarheit. Gewiss: Jesus freut sich, wenn wir großzügig sind im Verzeihen. Aber ganz sicher will er nicht, dass wir uns ausnutzen und auf uns herumtrampeln lassen. Christsein ist auch Kreuzesnachfolge, gewiss; und manchmal bringt das Leben Leid mit sich, das es zu tragen gilt. Aber unnötig zu leiden wie im Fall von häuslicher Gewalt, das gehört nicht dazu! Jesus selbst hat sich nicht unnötig Leid ausgesetzt. In bestimmten Momenten hat er sich zurückgezogen, um der gegen ihn gerichteten Gewalt aus dem Weg zu gehen oder um nicht für einen falschen Zweck missbraucht zu werden. (…) Seinen Jüngern hat er gesagt, sie sollen den Staub von ihren Füssen schütteln und woanders hingehen, wenn sie mit ihrer Predigt in einer Stadt abgelehnt werden. (…) Natürlich musste er leiden, aber das nahm er auf sich, um seiner Sendung treu zu bleiben und den Willen seines Vaters zu erfüllen. (…)
Das Beispiel Jesu zeigt, dass ein Unterschied besteht zwischen unvermeidbarem und überflüssigem Leid.
Unerlässlich ist die Bereitschaft, das Leid zu tragen, das sich aus der Hinwendung zu unseren Mitmenschen ergibt, die Hilfe brauchen, oder das uns als Menschen reifen lässt, um uns so zu verwirklichen, wie Gott uns erdacht hat. Unnötig aber ist jenes Leiden, bei dem wir Opfer der Krankheit oder Sünde anderer sind. Man sagt, Liebe ohne Leid sei sentimental, doch nicht jedes Leid ist vereinbar mit Liebe.
Es gibt Zeiten, in denen Christusnachfolge bedeuten kann, eine schmerzliche Situation, die unnötiges Leid bereiten würde, zu meiden oder zu beenden. Schließlich hat Jesus auch gesagt, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Ein Verhältnis aufgeben, durch das wir nur verletzt werden, ist ein Ausdruck gesunder Selbstliebe. Es ist nur in Ordnung, jemandem „Nein!“ zu sagen, der uns Leid zufügen würde. Je nach den Umständen müssen wir einen Schlussstrich ziehen; es kann nötig sein, ein Machtwort zu sprechen, vor der betreffenden Person zu warnen, die Stelle zu wechseln, von zu Hause auszuziehen, Distanz zu suchen, sich selbst oder andere zu verteidigen, eine Beziehung zu beenden.
Die Liebe kann auch erfordern, dass wir uns selbst schützen oder verteidigen. Vergebung schließt nicht aus, das Verhalten derer zu hinterfragen, die uns etwas zuleide tun. Zu unserem eigenen Wohl (ganz zu schweigen vom Wohl anderer!) muss schädigendes Verhalten angesprochen werden.
Und doch unterlassen wir es manchmal, für uns selbst einzutreten, weil es leichter ist, „die Dinge laufen zu lassen“. Um des lieben Friedens willen wollen wir keinen Ärger verursachen. Doch das Ergebnis ist kein Frieden, sondern Groll, verletzte Gefühle, gebrochene Herzen, Gewissensbisse, Kopfschmerzen oder Magengeschwüre. Manchmal müssen wir tätig werden und dürfen nicht einfach alles laufen lassen!
Es stimmt, dass Jesus gesagt hat: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39). Doch gemeint hat er damit, dass man keine Vergeltung üben solle. Selbstverteidigung hingegen ist erlaubt und manchmal notwendig. Sie geschieht nicht in der Absicht, jemand anders zu verletzen, sondern uns selbst vor Verletzung zu schützen.
Den Menschen, die uns Leid zugefügt haben, sollen wir vergeben: das ja! Doch es kann sein, dass sie unser Vertrauen nicht mehr verdienen. „Ich verzeihe dir“ ist nicht dasselbe wie „Ist schon in Ordnung“, „Kein Problem!“ oder „… war halb so schlimm“! Es ist nicht nichts, wenn wir verletzt wurden. Es ist nicht in Ordnung. Wenn wir dennoch verzeihen, leugnen wir damit keineswegs den Schmerz, der uns zugefügt wurde. Vergeben heißt nicht, stillschweigend zu ertragen, was man uns angetan hat, oder so tun, als sei nichts geschehen. Wenn wir verzeihen, sprechen wir den anderen damit nicht frei. Er ist weiterhin verantwortlich für sein Tun und muss darüber Rechenschaft ablegen. Johannes Paul II. hat seinem Attentäter Mehmed Ali Agca vergeben. Trotzdem blieb dieser im Gefängnis. Gewaltverbrecher dürfen nicht frei herumlaufen; sie sind zu gefährlich. In vergleichbarer Weise können auch unehrliche, unruhestiftende Menschen unter Umständen nicht ihren Arbeitsplatz behalten. Man darf ihnen nicht trauen. Aber man kann ihnen verzeihen.
Immer wieder hört man, Vergebung sei etwas für Feiglinge, für Menschen, die nicht die Kraft oder den Mut haben, sich selbst zu verteidigen. Jesus zeigt uns etwas anderes. Von Mahatma Gandhi stammt das Wort: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“
1)R. Scott Hurd, Das Geschenk der Vergebung. Wie wir Verwundungen überwinden können, Verlag Neue Stadt München 2012
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2012)
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