Bürgerkrieg im Südsudan
Rebellen machen bei der Jagd auf Zivilisten selbst vor Moscheen, Kirchen und Krankenhäusern nicht halt. Die Evangelische Kirche in Deutschland warnt, die Lage im Südsudan gleiche der in Ruanda vor dem Völkermord. Was steckt dahinter? Eine Einordnung von Bruder Hans Eigner, Comboni-Missionar in der Hauptstadt Juba:
Was war das für eine Freude, als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudans vom verfeindeten Nordsudan einleitete, die ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte! Aber der jüngste Staat Afrikas ist nach kurzer Zeit schon wieder im Bürgerkrieg. Auch wir Missionare glaubten naiv, dass nach den vielen Kriegsjahren (1956-1973 und 1982-2005) jetzt endlich Friede ausbrechen würde. Schon damals war es jedoch in der Sudan People’s Liberation Army (SPLA, Sudanesische Volks-Befreiungsarmee) zu großen Konflikten gekommen. Sie hatten mehr Tote gefordert als die Kämpfe gegen den Nordsudan.
Nach der Staatenbildung im Juli 2011 wollten alle, die sich im Krieg „verdient“ gemacht hatten, einen Platz in der neuen Regierung: Sie entstand aus Politikern, die einen militärischen Hintergrund hatten und das Land entsprechend führen. Für sie ist Krieg Normalsituation. Die Armee hat nicht einmal den Namen SPLA gewechselt. Korruption und Vetternwirtschaft wurden Tagespolitik; schnell kam es zu Streitigkeiten. Die Dinka, das bevölkerungsreichste Volk, machten sich in allen einflussreichen Stellen breit. Die Nuer, das zweitgrößte Volk, stellten den Vizepräsidenten, aber auch fast 70 Prozent des Militärs. Und genau da liegt das Problem.
Vizepräsident Riek Machar wurde Mitte 2013 entlassen und Präsident Salva Kiir baute sich eine Privatarmee aus Dinka-Genossen auf. Mitte Dezember wurde eine Kaserne in Juba überfallen; der „Militärcoup“ weitete sich blitzschnell in einen völkermordähnlichen Konflikt gegen die Nuer aus. Vermutlich hat ihn die Regierung vom Zaun gebrochen, um die Übermacht der Nuer-Soldaten zu brechen und ihrer Regierungsübernahme zuvorzukommen.
Inzwischen zählen wir fast eine Million Flüchtlinge, die in Flüchtlingslager – teils der Vereinten Nationen (UN) – oder nach Uganda, Kenia, Äthiopien, Nordsudan geflohen sind.
Die meisten sind in einer prekären Situation, fast ohne Nahrung. Dazu kommen rund 20 000 Tote in den vergangenen Monaten. Wäre nicht Ende Dezember Ugandas Armee in Juba und weiter im Norden eingeschritten, hätten wir wahrscheinlich bereits eine andere Regierung, denn nachdem viele Nuer-Soldaten in die sogenannte „SPLA in Opposition“ übergelaufen sind, ist die Regierungsarmee enorm geschwächt. Die Gefahr, dass sich der Krieg ausweitet, liegt nahe, denn es gibt sehr viele militärische Gruppierungen in diesem Teil Afrikas, die sich als Kriegssöldner anheuern lassen und heute hier und morgen dort kämpfen.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Man weiß nicht, auf welcher Seite die über 60 kleineren Völker des Landes stehen. Sie sind mit der Regierung unzufrieden, trauen aber auch der Opposition von Riek Machar nicht. Denn deren „Weiße Armee“ (Jungen aus Rindercamps, die sich zum Schutz vor Moskitos mit heller Asche einreiben) hat böse Vergeltungsschläge, Kriegsverbrechen, in den drei hauptsächlich von Nuer bewohnten Bundesländern Unity, Jonglei und Upper Nile verübt, in denen auch die Ölquellen des Landes liegen. Die „SPLA in Opposition“ will die Regierung in die Knie, zumindest an den Verhandlungstisch, zwingen. Daher wird sich der sinnlose Konflikt wohl noch lange hinziehen und viele Menschenleben fordern.
So hat die „SPLA in Opposition“ (Nuer) am Kardienstag mithilfe von Söldnern aus dem Nordsudan die Öl-Stadt Bentiu überfallen und die Regierungsarmee vernichtend geschlagen. Sehr viele Zivilisten wurden Opfer eines Massakers. Auch die Stadt Mayom soll eingenommen worden sein. Die Nuer in den Lagern haben den Sieg ausgelassen gefeiert, auch in Bor, Hauptstadt von Jonglei. Die Dinka-Jugend der verwüsteten Stadt drang daraufhin in das UN-Lager ein, überwältigte die Blauhelmsoldaten und tötete viele Nuer.
In Juba hat die UN seit Dezember zwei Flüchtlingslager. Wir gehen regelmäßig zu Gottesdiensten hin und helfen, wo es möglich ist. Auch „unsere“ Leute dort haben am Kardienstag den Sieg in Bentiu gefeiert und sind mit Palmzweigen tanzend durch das Camp gezogen, wo seitdem erhöhte Alarmstufe herrscht. Wir haben es noch schwerer, reinzukommen und werden kritisch beäugt, weil man uns unterstellt, die Rebellen zu unterstützen.
Die Menschen in den Camps warten auf Befreier.
Viele können vom Lager aus ihre Häuser sehen, die jetzt andere in Besitz genommen haben. Hass und Ohnmacht sind groß. Fast alle haben Angehörige verloren. Viele sind Soldaten und würden sofort ihren Leuten zu Hilfe kommen, wenn sie könnten. Denn die Möglichkeiten der UN sind begrenzt. Sie können nur das Schlimmste an ein paar Orten im Land verhindern.
Noch ein Wort zu den Gottesdiensten in den Lagern hier in Juba: Die Nuer sind gut organisiert, haben sogar Ministrantengewänder und Gottesdienstgegenstände bei der Flucht mitgebracht. Die Lesungen in der Zeit vor Ostern waren eine große Herausforderung für die Christen: Feindesliebe, Versöhnung, Friede sind schwer nachzuvollziehen, wenn die Wunden so tief, die Ohnmacht so überwältigend und die Erniedrigung so groß sind. Die Parallele zu Jesu Leidensweg liegt nahe. Auch er wurde erniedrigt, hat aber in der Annahme und Hingabe seine Größe gezeigt und den Weg zur Versöhnung eingeschlagen. Nur ist unter den Flüchtlingen Wut, Angst und Hass zu groß, um – als Volksstamm – Jesu Beispiel zu folgen. Der Einzelne mag das durchaus versuchen. Bei der Jugend sehe ich gute Ansätze. Sie ist sehr interessiert am Glauben, hört gut zu und ist ganz mit dabei. Aber der Weg der Versöhnung wird lange brauchen.
Br. Hans Eigner
Hans Eigner,
geboren 1956 im mittelfränkischen Laibstadt, war Bauingenieur, bevor er zu den Comboni-Missionaren fand. Von 1984 bis 1987 und 1998 bis 2005 war er in Kenia tätig und betreute auch Projekte im Sudan. Nach einigen Jahren in der Berufungspastoral in Deutschland soll Eigner seit Februar ein Pfarrzentrum in Juba aufbauen.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2014)
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