Für Menschen mit Durst nach Weisheit
Das Universitätsinstitut „Sophia“ bei Florenz will Studienzentrum und Lebensschule sein, ein Ort, an dem verschiedene Kulturen und akademische Disziplinen sich auf der Grundlage der Weisheit und der Liebe begegnen.
„Die Beziehung steht im Mittelpunkt!“ Die Antwort der Studenten am internationalen Universitätsinstitut Sophia in Loppiano (bei Florenz) auf die Frage, was denn das Charakteristische an ihrem Institut sei und warum sie dafür aus allen Teilen der Welt nach Italien gekommen sind, überrascht zunächst nicht all zu sehr. Stehen doch vielen in der Erinnerung an ihre Studienzeit die geknüpften Freundschaften, das nächtelange gemeinsame Problemewälzen und Zieleschmieden vor Augen. Die „Sophiani“, wie sich die Studenten hier nennen, wollen mit ihrer Aussage aber etwas anderes zum Ausdruck bringen: „Von den Professoren über die Studenten bis zu den Mitarbeitern: Die ‚Sophia’ ist ein neuer akademischer Weg. Man handelt“, hier stockt Fabio Frisone, ein 23-jähriger italienischer Student, bevor er fortfährt, „für die anderen, im Blick auf den anderen.“
„An der ‚Sophia’ gibt es – täglich! – die Möglichkeit, Neues dazu zu lernen“, unterstreicht der Schweizer Pfarrer Marcus Scheiermann, der seit September an seiner Doktorarbeit schreibt, „durch den Kontakt mit Studenten aus anderen Ländern und Kontinenten; durch das Zusammenleben mit den jungen Frauen und Männern, die ihre ganz eigenen Fragen an das Leben haben. Sehr spannend – und lehrreich!“
Und Fabio ergänzt: „Das ständige Bemühen, zwei scheinbar widersprüchliche, einander ausschließende Sichtweisen in ihrer wechselseitigen Ergänzung zu verstehen, ist ein wesentlicher Zug nicht nur des Dialogs zwischen den verschiedenen Disziplinen im Hörsaal, sondern auch in den persönlichen Beziehungen im Lauf des Tages. Die Herausforderung ist damit die, eine neue Art von Studium und Forschung zu erleben und so zu zeigen, dass es möglich ist, Beziehungen zwischen Menschen auch zum Mittelpunkt des Lehrens und Lernens an der Universität zu machen.“
Das kleine Universitätsinstitut Sophia hat erst im Oktober 2008 seinen Lehrbetrieb aufgenommen. Mit Sitz in Loppiano, einer internationalen Modellsiedlung der Fokolar-Bewegung in der Nähe von Florenz, bietet es einen zweijährigen Masterstudiengang in „Grundlagen und Perspektiven einer Kultur der Einheit“ mit drei Spezialisierungen 1) an. Im Studienjahr 2013/2014 zählt es 103 Studenten aus 30 Nationen; 25 Studentinnen und Studenten sind für ein Doktoratsstudium eingeschrieben. Bisher haben 65 Studierende ihren Master hier gemacht.
Die Ursprünge gehen zurück auf eine fast paradox anmutende Episode im Leben der Fokolar-Gründerin Chiara Lubich: Obwohl sie auf der Suche nach der Wahrheit war und diese im Philosophie-Studium zu finden glaubte, brachte sie eines Tages ihre Bücher auf den Speicher. Chiara Lubich hatte die klare Aufforderung Jesu vernommen, die Wahrheit nicht in Büchern zu suchen, sondern ihm – der Mensch gewordenen Wahrheit – zu folgen. Die Erfahrung, die sie zusammen mit ihren ersten Gefährtinnen auf der Basis des gelebten Evangeliums machte, warf Licht auf alle Bereiche ihres Lebens; nichts war davon ausgeschlossen. So war sie schon bald davon überzeugt, dass daraus auch eine neue Art des Studiums und eine Lehre entstehen werden, die alle Wissensbereiche einschließen.
Im Lauf der 70-jährigen Geschichte der Fokolar-Bewegung konkretisierte sich dieser Wunsch in verschiedenen Etappen: Eine war auf Anregung des damaligen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle 1989 die Gründung der „Schule Abba“, eines internationalen und überdisziplinären Studienzentrums der Fokolar-Bewegung. Ihr folgte 2001 eine Sommerakademie, zu der bis 2007 jährlich Studentinnen und Studenten aus der ganzen Welt für vier Wochen zusammenkamen. Sie war Grundlage für das Universitätsinstitut Sophia, das sich als eine Studien- und Forschungsgemeinschaft versteht, zu der Studenten, Professoren und Universitätspersonal gleichermaßen beitragen.
Inzwischen in seinem sechsten Studienjahr, setzt sich das Institut aus 45 Universitätsprofessoren und Dozenten aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen zusammen.
Sie lehren Theologie, Philosophie, Ethik, Recht, Politologie, Wirtschaft, Soziologie, Medizin, Psychologie, Naturwissenschaften, Mathematik, Kommunikationswissenschaften, Kunst, italienische Sprache und Literatur, Ökumene und den Dialog unter den Weltreligionen.
Das Institut will ein Studienzentrum sein, das gleichzeitig Lebensschule ist. „Beziehung“ ist ein Schlüsselwort, das immer wieder auftaucht. Sie wächst nicht zuletzt dadurch, dass die Studentinnen und Studenten jeweils in kleinen Wohngemeinschaften zusammenleben. So lernt man sich kennen, auch in der kulturellen und religiösen Andersartigkeit und den unterschiedlichen Blickwinkeln auf politische und soziale Probleme.
Magdalena kommt aus Frankfurt und hat ‚Sophia’ im Internet entdeckt. Den Alltag beschreibt die Studentin im zweiten Semester so: „Wir leben zu sechst in einer Wohngemeinschaft. Die Wohungen sind Aufbauten über der Uni. Das war am Anfang ein komisches Gefühl, direkt über den Hörsälen zu wohnen, in denen man studiert. Ich teile mir mein Zimmer mit Karen aus den USA. Für jemanden, der wie ich aus einer individualistischen Kultur kommt, ist es nicht immer einfach, so wenig Privatsphäre zu haben. Und das Leben hier ist nicht immer harmonisch. Das wäre eine Illusion. Manchmal kracht es auch. Meinungsverschiedenheiten. Missverständnisse. Aber es ist sehr bereichernd.“
Magdalena hat die Spezialisierung in Politik gewählt, weil sie sich soziale und ökologische Gerechtigkeit wünscht. Nach ihrem Bachelor in Sozialer Arbeit hatte sie gemerkt, „dass dieser für mich nicht ausreicht, um unsere mittlerweile sehr komplex gewordene Dynamik zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu verstehen.“ Auch wenn das Studium an der Sophia bisher nur vom Vatikan anerkannt ist und „deshalb nachher auf dem Arbeitsmarkt schwierig zu verkaufen ist“, hat sie sich entschlossen, nach Loppiano zu kommen. Bereits nach kurzer Zeit hat es sich für sie gelohnt: „Man lernt hier andere Perspektiven kennen. Für mich heißt das, weniger eurozentrisch denken. Ich habe bereits wunderbare, geniale Gedanken, Theorien und Ansätze kennengelernt, die mir sicher später sehr hilfreich sein werden.“
Ein zentrales Element, Beziehung zu leben und zu vertiefen, sind drei Stunden pro Woche, in denen alle Angehörigen des Instituts einen Text aus dem Evangelium lesen und sich darüber austauschen, was das in ihren Lebensvollzügen heißt. Davon ist keiner ausgenommen, auch nicht der Rektor des Instituts, Piero Coda. Im Gegenteil, er unterstreicht: „Es geht uns ja genau darum, einen Raum zu schaffen, wo man versucht, Geist und Verstand zu öffnen auf die Weisheit, die Jesus selbst ist.“ Das verlange Freiheit und Radikalität gleichermaßen. Und das verlange auch von ihm eine immer wieder neue Ausrichtung darauf, dass nicht er als Rektor der Chef sei, sondern jeder etwas einzubringen habe. „Öfters habe ich in diesen Jahren erlebt, dass sich Dinge von allein korrigiert haben, wenn wir in dieser Grundhaltung zusammen sind.“ Und, so fährt Coda fort, „das kann auch bedeuten, dass ich vor allen eingestehen muss, dass ich Entscheidungen getroffen habe, die falsch waren oder zu schnell getroffen wurden oder auch ohne alle gehört zu haben.“
Der gemeinsame Lebensvollzug, erklärt er, setze Transparenz und Wahrhaftigkeit voraus, die alle einbringen müssten, die Lehrer, Studenten, Mitarbeitenden. Und das erfordere auch die Bereitschaft, sich von den anderen korrigieren zu lassen: „Du kannst nicht nur so tun als ob, sonst widersprichst du dem Ganzen!“
Ganz schön anspruchsvoll. Das bestätigt auch Maria Voce, die Präsidentin der Fokolar-Bewegung und Vizekanzlerin des Universitätsinstituts in einem Gespräch mit den Studierenden: „Dieses Projekt hat seine Wurzeln in einem außergewöhnlichen Licht, in einem ‚Traum’: dem der universellen Geschwisterlichkeit. Und die Verwirklichung dieses Traums kostet im täglichen Leben Mühe. Aber ohne diese Mühe geht es nicht, schließlich geht es um etwas sehr Großes.“
Es fällt keinem leicht, die „neue Methode des Studiums“, von der alle immer wieder sprechen, in Worte zu fassen, das räumt auch der Rektor selbst ein: „Vielleicht schaffen wir es noch zu wenig, den Sinn und das Projekt zu kommunizieren.“ Aber vielleicht liegt auch genau in diesem „Unfassbaren“ das, was ‚Sophia’ am besten kennzeichnet: „Ich denke nicht nur von mir her, sondern auch vom anderen her“, versucht es eine Studentin zu beschreiben. „Und vielleicht würde man das von außen gar nicht als etwas anderes betrachten, denn es bleibt eine Wissenschaft der Theologie, der Wirtschaft,… Aber: Es ist ein anderer Stil, und darin ist etwas, das Veränderungen von innen her erzeugt.“ In einem Trailer auf youtube sagen es die „Sophiani“ so: „ Be protagonist. Be sophia. – Für Menschen mit dem Durst nach Weisheit.“ 2)
Gabi Ballweg
1) „Wirtschaft und Management“, „Trinitarische Ontologie“ und „Politikwissenschaften“
2) www.youtube.com/user/iusophia
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2014)
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