19. Januar 2015

Ich machte Besorgungen für sie.

Von nst1

Erfahrungsberichte

Ich machte Besorgungen für sie.

Durch einen Hinweis in einem kleinen Nachrichtenmagazin unseres Stadtteils habe ich nach Jahren wieder Kontakt zu einer alten Nachbarin gefunden, die ich durch meinen Umzug aus den Augen verloren hatte. Sie war inzwischen verwitwet; nach einem schweren Sturz war sie vor Kurzem in ein Alten- und Pflegeheim umgezogen und deshalb wieder ganz in meiner Nähe.
Sie war ein sehr freundlicher Mensch, aber eher zurückhaltend und hatte noch keine Freunde in unserer Gegend. Deshalb beschloss ich, sie regelmäßig zu besuchen und ihr bei kleineren Besorgungen zu helfen. So ging ich für sie zur Apotheke, kaufte Obst und besorgte andere Kleinigkeiten für sie. Regelmäßig ging ich auch zum Essen zu ihr und leistete ihr Gesellschaft.
Nach einiger Zeit sagte sie mir, wie gut es ihr tut, dass ich immer so positiv gestimmt sei und allen so offen begegnen würde. Ihr würde das nie gelingen. Sie vertraute mir auch an, wie schwer sie sich mit einigen der anderen Bewohner tat. Erst zögerte ich ein wenig, aber dann erzählte ich ihr ganz offen von meinem Leben nach dem Evangelium, wie ich mich bemühe, mich am Wort des Lebens zu orientieren und wie sehr mir das hilft, anderen vorurteilsfrei zu begegnen, sie immer wieder mit neuen Augen zu sehen und sie so anzunehmen, wie sie sind. Ich erzählte ihr auch, wie oft ich dann im Gegenzug selbst viel geschenkt bekomme, sogar von Menschen, die psychisch anfällig sind und von anderen oft etwas abschätzig betrachtet werden.
Bei weiteren Besuchen kamen wir noch öfters ins Gespräch darüber und ich freute mich sehr, wenn sie mir erzählte, wie es ihr gegangen war. Nach und nach veränderte sich ihre Haltung den übrigen Bewohnern gegenüber. Sie fing an, den Mitbewohnern zu helfen, die sich mit dem Essen schwer taten, und unterstützte vor allem neue Bewohner, sich zurechtzufinden.
P.CH.

Ich war wirklich beschenkt!

Beim Kommentar zum Wort des Lebens vom November hatte mich vor allem dieser Satz angesprochen: „Wenn wir einem Menschen zur Seite stehen, sollten wir ihn nicht so sehr als Empfänger unserer Wohltaten sehen. Er ist vielmehr unser Wohltäter; in ihm können wir Gott begegnen.“ Genau das hat sich dann auch wiederholt für mich bestätigt:
Ein Mann der örtlichen Kirchenverwaltung hatte sich bereit erklärt, mit seinem Traktor und dem Hänger die alten Dachziegel unseres Kirchendachs wegzufahren. Als mir bewusst wurde, dass er schon mehrere Fuhren gemacht hatte, habe ich beim nächsten Mal, als ich den Traktor wieder hörte, alles stehen und liegen gelassen, bin schnell hinausgegangen und habe mich bei ihm bedankt. Durch das kurze Gespräch mit ihm fühlte ich mich so bereichert, dass ich richtig beschwingt wieder an den Schreibtisch zurückkehrte.
Auf dem Rückweg von einem Besinnungstag nahm ich mir Zeit für den lange versprochenen Besuch bei der Frau eines vor mehr als einem Jahr verstorbenen Cousins. Dieser war plötzlich an einer Gehirnblutung gestorben, fast gleich alt wie ich. Als ich dort war, erfuhr ich nicht nur von der Krebserkrankung der Frau, sondern war beeindruckt und beschenkt vom Umgang der Frau mit Sohn und Tochter.
Mit großer Freude war ich nach langer Zeit wieder einmal zu einem mehrtägigen missionarischen Einsatz in einer Seelsorgeeinheit der Erzdiözese Freiburg unterwegs. Es waren anstrengende Tage, denn dabei ist der Prediger besonders gefordert; aber wie beschenkt kam ich zurück!
A.S.

Neu verliebt

An jenem Tag war richtig dicke Luft zwischen mir und meinem Mann. „Was ist los?“, fragte ich. Und er: „Braucht es den Stein der Weisen, um das zu verstehen?“ Seiner Meinung nach verstand ich seine Bedürfnisse nicht. Das stimmte vielleicht sogar in Bezug auf eine bestimmte Sache. Aber ich sagte mir: „Bei so vielen schönen Dingen in unserem Leben muss er sich da ausgerechnet auf das konzentrieren, was nicht klappt?“
An jenem Abend sind wir im Unfrieden zu Bett gegangen. Am nächsten Tag dachte ich mir dann zwar: „Wir sind ein Team. Damit er wieder auf die Beine kommt, muss ich an mir arbeiten, nachgeben und um Entschuldigung bitten.“ Aber ich habe es einfach nicht geschafft, die Worte auszusprechen.
Trotzdem wollte ich ganz bewusst etwas für ihn tun. Und weil mein Mann ein fanatischer Fußballfan ist, habe ich eine längst zugesagte Einladung für uns beide abgesagt, damit er ein wichtiges Spiel sehen konnte. Aber das reichte natürlich nicht; um wirklich neu anzufangen, mussten wir miteinander sprechen. Und so sind wir an einem anderen Abend zusammen ausgegangen, obwohl wir beide müde waren, jeder von uns sich überwinden musste und auch tausend Dinge hätte vorschieben können. Ganz langsam haben wir uns einander geöffnet und so tief und ehrlich miteinander gesprochen wie schon lange nicht mehr. Wir sahen uns jetzt mit anderen Augen, haben uns verstanden. Fast würde ich sagen, wir haben uns neu ineinander verliebt.
G.S.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar-Februar 2015)
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