Denkende Herzen

In Griechenland stecken 54 000 Flüchtlinge fest, größtenteils unter unwürdigen Bedingungen. Maurice Joyeux leitet dort den Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS (Jesuit Refugee Service).  Zuvor war der französische Jesuit in Ruanda, Südafrika und an der Tschad-Sudan-Grenze im Einsatz. Der 1980 gegründete und in fünfzig Ländern tätige JRS will Flüchtlinge begleiten, ihnen dienen, sie unterstützen und für ihre Rechte eintreten. Diese Ziele hat Joyeux im April in Athen Journalisten der Neue Stadt-„ Familie“ mehrerer Länder näher erschlossen. Hier pinselstrichartig seine programmatischen Überlegungen zum Umgang mit Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern.

Zunächst schlage ich einen Moment der Stille vor. Wir dürfen all die Toten in der Ägäis nicht vergessen, weit über 3 000 im letzten Jahr. Im Buch Hiob in der Bibel im zweiten Kapitel verharren die Freunde Hiobs sieben Tage und Nächte schweigend an seiner Seite. Das ist das Erste, was Menschen Leidenden anbieten können: die Aktivitäten stoppen, schweigend den Opfern, ihren Familien, Freunden oder Nationen zur Seite stehen und ihnen gestatten, das auszudrücken, was sie uns sagen wollen.

Solidarisch sein heißt: uns bewegen – aus den Ängsten, Tröstungen, Bequemlichkeiten, Gewohnheiten, Sicherheiten, um wir selbst zu sein. Das ist unsere tägliche Herausforderung!
Seit vielen Monaten hat unser Land den Menschen, die ihren Träumen und den Versprechen der Schlepper folgen, nur geholfen, in nördliche Länder zu gelangen. Gastfreundlich war Griechenland nicht; es war ein Transitland, das von den Flüchtlingen viel Geld bekommen hat, um sie zur FYROM-Grenze 1 zu schleusen.
Wir müssen dem Geschäft der Menschenhändler widerstehen und der Gefahr, selbst Schlepper zu werden. Wir müssen jedoch so clever und effizient sein wie sie.

Begleiten

Es gilt, der Dramatisierung und Desinformation zu widerstehen, um den Flüchtlingen zu helfen, unabhängig zu bleiben und sich vor Ausbeutung und falschen Anreizen zu schützen. Viele Bilder mögen die Welt zwar emotional bewegen, sagen aber zu wenig über die Komplexität und die Hintergründe des Leids auf dem Meer und an den griechischen und türkischen Küsten.
Es gilt, unsere Türen, Herz und Verstand zu öffnen, um „Philoxenia“ – Gastfreundlichkeit zu entwickeln mit allen Konsequenzen in Bezug auf Zeit, Geld, Energie, Geduld. Auch wenn es nicht leicht ist, sein Verhalten am barmherzigen Samariter auszurichten.
Es gilt, uns auf eine körperliche Erfahrung einzulassen: begegnen, fühlen, riechen. Viele Flüchtende konnten sich seit Tagen nicht duschen oder ihre Kleidung waschen.
Wir Flüchtlingshelfer brauchen Gelegenheiten, unsere Gefühle und Erlebnisse mit Scharen von Menschen auf einem furchtbaren Exodus ausdrücken und mitteilen zu können – durch Beten, Schreiben, Zeugnis geben, Dichten: Tränen und das Gefühl der Verlassenheit wollen ins Wort gebracht werden wie auch Überraschungen, Staunen und Lob über die Schönheit und Würde der Ärmsten auf der Pilgerschaft ihres Lebens.
Es gilt, über das Drama und Massenereignis Flucht insgesamt nachzudenken, andererseits aber jede Person, jedes Kind für sich zu sehen: In diesem Spannungsfeld zu leben, alle Arten von Burn-out auf sich zu nehmen und zugleich zu vermeiden.

Dienen

Dienen bedeutet für uns beim JRS: zu Personen oder Gruppen gehen, sprechen, sie einladen; uns und ihnen – trotz der Sprachhindernisse – vertrauen. Helfen, Zeit und logistische Unterstützung geben, Nahrung, Kleidung, Schuhe, Seife, Shampoo, aber auch Unterkunft, Zelte oder Transportmöglichkeiten. Zuhören und Anerkennung schenken. Dienen mit Informationen, auch über Wegstrecken, Kosten und Preise, damit Schlepper sie nicht wieder ausbeuten.
Mit den in Griechenland Gestrandeten müssen wir über ihre und die Zukunft ihrer Kinder nachdenken. So schnell wie möglich Schulunterricht organisieren: Das würde den Kindern, vor allem den unbegleiteten Minderjährigen, auch mehr Schutz bieten. Mit den Flüchtlingen und nicht nur für sie in Ausbildung investieren bedeutet, ihnen eine Zukunft eröffnen, zusammen auf ein besseres Leben hoffen und dafür arbeiten. Dabei ermutigt uns das weltweite JRS-Bildungsprogramm, das bis 2020 rund 220 000 Menschen erreichen will.

Unterstützen und Anwaltschaft übernehmen

Wir möchten über die Flüchtlinge informieren, aber wir möchten auch die Flüchtlinge informieren. Sie haben ein Recht darauf, anstatt über SMS, Telefonanrufe oder Internet fehlinformiert zu werden.
Wir tauschen uns in den Organisationen aus, was gut und erfolgreich läuft, um bei allem Schatten vor allem das Lichtvolle zu teilen. Das ist für einen langfristigen Einsatz dringend nötig. Zu viele humanitäre Helfer haben ihre Arbeit aufgrund von Erschöpfung oder Entmutigung aufgegeben! Wir sollten auch auf uns und unsere Rechte achten, so wie wir es mit den Flüchtlingen tun.
Statt Schleuser sollten wir Hirten sein, die der stillen Entschlossenheit der Flüchtenden auf der Suche nach Freiheit, Land, Aufnahme und Zukunft – auch dem Wunsch nach einem bestimmten Zielort – zuhören. Wir müssen hinter ihnen statt ihnen im Weg stehen. Wir müssen Leben und Hoffnung vermitteln, indem wir ihre Talente und Ressourcen wachrufen.
Anders gesagt, müssen wir unseren Einsatz unter den Flüchtlingen überdenken. Wie Etty Hillesum in ihrem Tagebuch „Ein abgeschnittenes Leben“ schrieb, können wir die denkenden Herzen in den Baracken, Camps und an den Grenzzäunen sein.
Anwaltschaft könnte in diesem Sinn heißen: beten, weinen, flehen, sich im Mitleiden versammeln, in Zeiten ernster Ungerechtigkeiten und großen Leids Zeichen setzen. Anwaltschaft kann auch heißen, ohne Naivität darüber nachdenken, was geopolitisch im Nahen Osten, in Afghanistan, Syrien, der Türkei vor sich geht. Heute sind Flüchtlinge Geiseln von Manipulationen, Desinformation und Ausbeutung, für die politische, wirtschaftliche, soziale und religiöse Entscheidungen verantwortlich sind.

Nein also zu Vorurteilen und zum Verurteilen, Ja aber zu einem scharfsinnigeren Beurteilen, wie wir besser begleiten, dienen und unterstützen können!
Maurice Joyeux SJ

1) FYROM: Former Yugoslav Republic of Macedonia, frühere Jugoslawische Republik Mazedonien

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2016)
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