Nur ein Anfang!

Seit 1996 findet jährlich die „ Woche für die geeinte Welt“ statt. Darin bündeln die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung ihr Engagement für Frieden und Geschwisterlichkeit. Die 20. Auflage vom 1. bis 10. Mai stand unter dem Thema „ Kulturen verbinden – ein Weg zum Frieden“.

Sich weltweit für den Frieden, für mehr Geschwisterlichkeit verbünden, dem Mühen, Hoffen und Sehnen Einzelner und ganzer Gemeinschaften Ausdruck verleihen, sich gegenseitig stärken und ermutigen und so ein Zeichen der Hoffnung setzen – gegen oft verspürte Mutlosigkeit, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Dieses Ziel verfolgt die „Woche für eine geeinte Welt“, die von den Jugendlichen der Fokolar-Bewegung jährlich in der ersten Maiwoche durchgeführt wird und in diesem Jahr ihre 20. Auflage erlebte.

"Kulturen verbinden - ein Weg zum Frieden" - Foto: (c) United World Project

“Kulturen verbinden – ein Weg zum Frieden” – Foto: (c) United World Project

Ein Friedenskonzert in Medan, Indonesien; Besuche in einem Altersheim in Neuseeland  aus Anlass der Debatte über die Legalisierung der Euthanasie; eine Sozialaktion in einem Kindergarten in Lahore, Pakistan; eine Umweltaktion im Libanon; eine Radtour für den Frieden in Kroatien; ein interkulturelles Benefiz-Fußballturnier in Wien; das Festival Amani in Goma in der Demokratischen Republik Kongo – weltweit ergibt das eine bunte Palette an Initiativen. Und auch wenn die Aktionen in der Regel Antworten auf lokale Fragen und Probleme in den Mittelpunkt stellen, ihr Horizont ist die ganze Welt. Um das zu unterstreichen, knüpfen die Jugendlichen durch die sozialen Netzwerke Kontakte über Länder- und Kontinentsgrenzen hinweg. In Facebook, auf eigens gestalteten Internetseiten und per Videobotschaften treten sie miteinander in Kontakt. So freuten sich dieses Jahr die Jugendlichen in  Argentinien über einen Videogruß ihrer Altersgenossen aus Aleppo, in dem diese erzählen, wie sie in Syrien leben.

Das Bemühen, Brücken zu bauen und sich für mehr Miteinander einzusetzen, beschränkt sich jedoch nicht nur auf diese eine Woche im Jahr und ist nicht nur den Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Fokolare zu eigen. Wie sollte das auch anders sein bei einer weltweit verbreiteten Bewegung, die die Geschwisterlichkeit zum Ziel hat und wo jede Nachricht einer Naturkatastrophe, eines neu aufbrechenden Konflikts oder auch eines langjährigen Kriegszustands immer auch die eigenen Leute direkt oder indirekt trifft, betrifft und herausfordert?

Künstlerische Beiträge wechseln ab mit persönlichen und gemeinschaftlichen Zeugnissen. - Foto: (c) United World Project

Künstlerische Beiträge wechseln ab mit persönlichen und gemeinschaftlichen Zeugnissen. – Foto: (c) United World Project

Weil angesichts so vieler bedrängender Situationen weltweit auch ein „Mehr“ an Einsatz gefragt schien, hatte man in diesem Jahr noch entschiedener versucht, die vielfältigen Engagements zu bündeln. Der weltweite Staffellauf für den Frieden – Run4Unity – den die Kinder und Jugendlichen im Alter von neun bis 17 Jahren („Teens4Unity“) schon seit Jahren durchführen, bildete vielerorts am 8. Mai den Abschluss der Aktivitäten. In jeder Zeitzone der Welt setzten sich von 11 bis 12 Uhr Ortszeit Jugendliche für den Frieden in Bewegung – zu Fuß, mit dem Roller, dem Fahrrad, im Boot; um 12 Uhr dann ein Schweigemoment, ein Gebet, ein Augenblick des Innehaltens für den Frieden – „das Time-out“.

So hatten etwa die „Teens4Unity“ in Mexiko zu einer Aktion in Mexicali eingeladen, einer Stadt 3500 Kilometer von Mexiko City entfernt an der Grenze zu den USA. Dort liefen sie entlang der Mauer, die beide Länder voneinander trennt, und erinnerten so an all diejenigen, die versucht hatten, die andere Seite zu erreichen und dabei ihr Leben verloren.

Die ungarischen Jugendlichen liefen am 1. Mai in Sopron, an der Grenze zu Österreich und der Slowakei. Die Stadt war im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geraten, weil Flüchtlinge verzweifelt versucht hatten, in einem Zug von Budapest nach Österreich zu gelangen. An einem Teil der Stafette nahmen auch afghanische Jugendliche aus einem Flüchtlingscamp in Österreich teil.

Brücken bauen und sich für ein besseres Miteinander einsetzen. - Foto: (c) United World Project

Brücken bauen und sich für ein besseres Miteinander einsetzen. – Foto: (c) United World Project

In Heidelberg hatten sich schon im Februar Jugendliche, Flüchtlinge und Menschen aus verschiedenen Projekten der Stadt gemeinsam bei einem „ethnischen“ Abendessen an die Vorbereitung einer gemeinsamen Aktion gemacht. Gut 100 Menschen haben sich dann am 8. Mai an einem multikulturellen Flashmob in der Innenstadt beteiligt. Gemeinsam brachten sie damit Einheimische und „Neubürger“ zum Tanzen. Auf der Alten Brücke bildeten sie anschließend eine lange Menschenkette als Symbol für die Geschwisterlichkeit.

Wie viele Heranwachsende sich am „Run4Unity“ beteiligt haben, lässt sich genauso wie für die ganze „Woche für die geeinte Welt“ nur schwer sagen. Von den Inseln im Pazifischen Ozean bis nach Kairo, von Zeitzone zu Zeitzone, ging es dabei nicht nur ums Laufen. Auf der Fahne, die sie an vielen Orten dabei hatten, steht ihr Motto – die „Goldene Regel“: „Behandele andere so, wie du selbst von ihnen behandelt werden möchtest“. Ein ethisches Verhaltensprinzip, so die Jugendlichen auf Nachfrage, das fast alle Religionen und Kulturen kennen.

Wie in den vorhergehenden Jahren hatte auch diese „Woche für die geeinte Welt“ einen zentralen Veranstaltungsort. Nach Ecuador kamen stellvertretend Jugendliche aus verschiedenen Ländern der Welt. Gemeinsam mit den Jugendlichen und Erwachsenen der Bewegung dort wollten sie unterschiedliche Kulturen zusammenbringen: frei nach dem weltweiten Motto „Kulturen verbinden – ein Weg zum Frieden“. Mit einem Friedensfestival in Quito schlossen sie nach mehreren Etappen eine Begegnungsreise durch das Land ab. 1200 Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren kamen zusammen. Der Ort war symbolisch: In „La Mitad del Mundo“ (dt.: die Mitte der Welt), einem Ort am Äquator, etwa 20 Kilometer südlich von Quito, wollten sie eine Kultur der Geschwisterlichkeit zum Ausdruck bringen, in der sich unterschiedlichste Völker wiederfinden.

Neue, bunte Perspektiven! - Foto: (c) Unitd World Project

Neue, bunte Perspektiven! – Foto: (c) Unitd World Project

Neben Gesang und Tanz mit traditionellen und modernen Instrumenten bezeugten junge Menschen aus Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika ihre Hoffnung und ihren Einsatz für Geschwisterlichkeit. „Und den haben wir hier in Ecuador nach dem verheerenden Erdbeben in den letzten Wochen durch eine Welle der Großzügigkeit und Solidarität aus der ganzen Welt auch ganz konkret erlebt“, unterstreicht Juan Carlos bewegt auf der Bühne. „Tausende haben sich für uns und unser Land eingesetzt.“

In Quito wechselten künstlerische Beiträge mit konkreten Zeugnissen von persönlichem und gemeinschaftlichem Einsatz. Wie das von Melany: „Als ich begann, im Uni-Chor zu singen, in dem die Plätze begrenzt waren, bemerkte ich bald, dass viele nicht davor zurückschreckten, andere zu beleidigen und zu beschimpfen, um sich selbst einen Platz zu sichern. Das war nicht mein Stil! Eines Tages habe ich beschlossen, die Noten der Lieder, die ich geschrieben hatte, mit anderen zu teilen. Es war ein erster Schritt, Schmerz in Liebe zu verwandeln. Oft machten sie sich über mich lustig. Nach und nach haben aber auch andere begonnen zu teilen. Verborgene Talente kamen ans Licht, die Angst, sie zu zeigen, nahm ab! Die Beziehungen sind viel besser geworden; und andere, die zum Chor stießen, fühlten sich wie in einer Familie.“

Sich gegenseitig stärken und ermutigen: ein Zeichen der Hoffnung setzen - Foto: (c) United World Project

Sich gegenseitig stärken und ermutigen: ein Zeichen der Hoffnung setzen – Foto: (c) United World Project

George und Lara aus dem Libanon erzählten von der aktuellen Situation in ihrem Land: „Durch den Krieg in Syrien sind mehr als 6,5 Millionen Menschen im Land auf der Flucht, drei Millionen sind aus ihrer Heimat in die Nachbarländer geflüchtet. Außerdem wurden im ganzen Nahen Osten Hunderte von Veranstaltungen organisiert, um Geld und Güter aller Art zu sammeln. Konzerte, Festivals, Gebetswachen haben Angst in Hoffnung verwandelt, Hass in Vergebung. Viele Familien haben trotz geringer eigener Mittel Flüchtlinge aufgenommen.“

Die Kinder und Jugendlichen wollen so wie alle Angehörigen der Fokolar-Bewegung Brücken bauen und das nicht nur bei großen Events, sondern auch im Alltag, jeder an dem Platz, wo er steht; zwischen Generationen, Gruppen, Völkern; zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten, Religionen und Weltanschauungen; im Großen wie im Kleinen. „Es gibt ein großes, weitgehend unsichtbares Netzwerk von Jugendlichen und Erwachsenen, die täglich andere annehmen, verzeihen, sich an die Seite ihrer Mitmenschen stellen, sie als Brüder und Schwestern betrachten statt als Feinde“, so Francesco vom internationalen Zentrum der „Jugendlichen für eine geeinte Welt“. Im „United World Project“ wollen sie all diese Initiativen und den Einsatz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bündeln, einen „Atlas der Geschwisterlichkeit“ erstellen. Und so gilt nicht nur in Quito, sondern auch für alle anderen beteiligten Orte: „Es war kein Abschluss, sondern nur der Anfang!“
Gabi Ballweg

www.run4unity.net
www.unitedworldproject.org

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2016)
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