Epische Filmwelten

TV-Serien verändern das Filmgeschäft.

TV-Serien werden seit den 1980er-Jahren zu Dutzenden ausgestrahlt. Das Konzept ist einfach: Mit einer Rahmenhandlung können endlos viele Episoden mit schlechten Schauspielern zu geringen Kosten gedreht werden.

Heutige Serien hingegen können durchaus als ebenbürtige Ergänzung zum klassischen Kinofilm bestehen. Immer öfter entstehen sie auch als Eigenproduktion spezialisierter Internetanbieter. Über sie können komplette Staffeln zu jedem Zeitpunkt und in jeder Menge abgerufen werden. Dies verändert dramatisch die Sehgewohnheiten, aber auch die Produktionsbedingungen. Für die Herstellung werden riesige Budgets aufgewendet und es ist ein Nutzerkreis entstanden, der auch anspruchsvolle Stoffe will.

Zugleich eröffnet das Format neue Erzählmöglichkeiten: Während ein Kinofilm in der Regel einer Zeitbegrenzung unterliegt, können in einer Serie mühelos Geschichten über zehn Stunden und länger erzählt werden. Nicht immer wird dieser Zeitvorteil sinnvoll genutzt, doch oft gelingt dies durch einen besonderen Umstand: Die Drehbücher verfasst mittlerweile meist ein Autorenteam gemeinschaftlich. Dies erlaubt eine umfänglichere Konzeption von Charakteren, Erzählperspektiven und Handlungssträngen.

Serien sind damit prädestiniert für die Verfilmung von Romanen. George R. R. Martin ist ein äußerst erfolgreicher Autor von Fantasy-Romanen. Sein „Lied von Eis und Feuer“ umfasst mittlerweile fünf voluminöse Bände; alle sind bereits in einer der derzeit erfolgreichsten Serien (Game of Thrones) verfilmt. Das Geflecht von Charakteren und Handlungssträngen ist jedoch derart komplex, dass es für jemanden, der die Bücher nicht gelesen hat, nur schwer nachvollziehbar ist. Zudem ist die Darstellung von Gewalt und Erotik recht explizit, weshalb wir keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen möchten.

Zum Einstieg in die Welt der Serien eignet sich hingegen „The Night Manager“. Die oscarprämierte Regisseurin Susanne Bier hat diese Verfilmung eines Spionageromans von John le Carré inszeniert. Es geht um skrupellosen Waffenhandel und dessen Verstrickung in Gesellschaft und Politik. Die Produktion nutzt den Zeitvorteil geschickt: Es gibt keine stereotypen Klischees und Schwarz-weiß-Schemata, die Charaktere sind mit hervorragenden Schauspielern behutsam und vielschichtig angelegt, Le Carré selbst war an der Produktion beteiligt. Herausgekommen ist ein packender Thriller – James Bond in Überlänge.

Auf die Serie „The Man in the High Castle“ trifft ähnliches zu: aufwendige visuelle Produktion und sehr gute Schauspielleistung. Phillip K. Dick entwarf 1962 in der Romanvorlage „Das Orakel vom Berge“ eine verwegene Vision: Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Wie sähe die Welt 20 Jahre später aus? Daraus entwickelt das Buch wie die Serie ein Plädoyer für die Freiheit: Es lohnt sich für sie zu kämpfen, auch wenn man machtlos ist und die Aussichten schlecht sind.
Markus Thiel

Die beiden Empfehlungen (verfügbar auf Deutsch über Amazon Prime) können Interesse wecken für die Welt der Serien. Je nach Zuspruch können wir ab und zu weitere Serien vorstellen. Schreiben Sie der Redaktion, ob Ihnen der Vorschlag gefällt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2016)
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