Die Tor’ macht weit

Der Sensenmann im langen Kapuzengewand klopft an die Tür, um die Seele eines Menschen abzuholen – ein bekanntes Symbol aus dem Mittelalter für den nahenden Tod. Klopft oder klingelt es an meiner Haustür, kann ich entscheiden, ob mir das gerade recht ist und ich aufmachen möchte oder nicht. Diese Wahl bleibt mir nicht, wenn der Tod „anklopft“: Er kommt auch, wenn ich ihn nicht einlassen will! Sei es, dass er mich plötzlich, von jetzt auf gleich, aus dem Leben reißt. Oder dass er mit Ansage auftaucht, im fortgeschrittenen Alter oder bei einer längeren, tödlichen Krankheit.

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an“, heißt es im „Wort des Lebens“ für November. Es ist Jesus, der Sohn Gottes, der da seine Ankunft schon im Voraus ankündigt. Wahrscheinlich, weil ich sein Klopfen oft gar nicht bemerke. Denn zum einen „tarnt“ er sich, verbirgt sich in anderer Gestalt: Er kann die Nachbarin sein, die Lehrerin, der Ehemann und die Tochter – ein Mensch, der mich braucht, der etwas von mir will, das mir vielleicht gerade gar nicht passt. Zum anderen muss sein Klopfen kein Geräusch sein, das mit den Ohren wahrnehmbar ist. Eher ist es ein Anklopfen im Inneren, an der Tür meines Herzens gleichsam. Das muss ich auch wahrnehmen wollen; ich darf mich ihm nicht verschließen. Und: Um es zu „hören“, darf ich mich nicht ablenken lassen, brauche ich feine Antennen.

„Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir.“ So das Versprechen, das beim „Wort des Lebens“ auf die Ankündigung vom Klopfen folgt. Die Aussicht also auf das Erleben einer tiefen Gemeinschaft mit Jesus, mit Gott! – Wer das erstrebenswert findet, für den lohnt es sich demnach, die inneren Ohren ständig gespitzt zu halten und bereit zu sein, die Tore seines Herzens im entscheidenden Moment weit aufzusperren. Was zum Beispiel bedeutet, die Person, die da gerade etwas braucht oder etwas von mir verlangt, mit offenen Armen aufzunehmen und für sie da zu sein.

Mich auf diese Weise immer wieder neu in Empfangsbereitschaft zu versetzen und als Türöffner meines eigenen Herzens zu betätigen: Das scheint mir auch geeignet zu sein als Vorbereitung auf den großen Moment, wenn mein letztes Stündlein schlägt.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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