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“Ihr seid rein …”: Es geht nicht um Sex …

Als Theologiestudent bekomme ich zwangsläufig auch einen Einblick in verschiedene Frömmigkeitskulturen. Diese Frömmigkeitstypen lassen sich daran erkennen, wie sie mit bestimmten Begriffen und Inhalten aus der Lehre der Kirche umgehen.
Das Wort Reinheit ist zu einer Art „Kampfbegriff“ geworden, der häufig zu Auseinandersetzungen führt. Zumindest in meiner (Studenten-)Welt werden daraus immer Streitgespräche zu Promiskuität, also des häufigen Partnerwechsels, oder sexueller Enthaltsamkeit. Es scheint fast so, als gäbe es gar keine andere Bedeutung als eine sexuelle.
In der Heimat Jesu, in Palästina, bedeutete Reinheit Normalität oder Ganzheit, und Unreinheit entsprechend Un-Normalität, Nicht-Ganzheit. Die gemeinsame Religion und ihre Richtlinien halfen dem Menschen, Mensch zu sein, normal, rein.
Für diese Gesellschaft sind die Kategorien rein bzw. unrein die wichtigsten gesellschaftlichen Kategorien und wer unrein wurde, wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Durch den Vollzug bestimmter Rituale konnte man sich reinigen und wieder aufgenommen werden. 1
Wenn Jesus im Johannesevangelium sagt: „Ihr seid schon rein, Kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe“ (Johannes 15,3), dann greift er seine religiöse und gesellschaftliche Tradition auf und weitet sie. Es geht ihm – wie immer – um den Menschen und sein Ganz-sein, Heil-sein, also um umfassende Reinheit, nicht um moralische Perfektion.
Reinheit ist für Jesus letztlich ein Beziehungsgeschehen. In der Begegnung mit Jesus wird man rein. Sein Wort macht rein. Reinheit ist hier keine Qualität, die man „machen“ kann. Sie ist geschenkt. Und die Frucht der Reinheit ist die Beziehung mit Gott. Gott selbst schenkt also die Reinheit und damit die Beziehung zu ihm selbst.
Glaube ich, dass das Wort Gottes wirkmächtig ist und mich tatsächlich verwandelt in einen echten, liebenswerten Menschen? Ich jedenfalls möchte es diesen Monat besonders versuchen.
Johann Schmitz,
Theologiestudent in Tübingen und Pastoraler Mitarbeiter in Dillingen/Donau

1 Vgl. M. Frenschkowski, S. Kreuzer, Art. Heilig / rein. καϑαρός κτλ.: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament 1, 1997, 898-907.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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