3. Februar 2021

Die Welt in Schwarz und Weiß

Von nst5

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Warum blühen diese abenteuerlich wirkenden Vermutungen gerade jetzt auf und was steckt dahinter?

Was ich in den vergangenen Monaten über Verschwörungstheorien mitbekam, hat unterschiedlichste Empfindungen in mir hervorgerufen. Da war zunächst Verständnislosigkeit: Kann jemand allen Ernstes glauben, dass Frau Merkel zu „Reptiloiden“ gehört, menschenähnlichen intelligenten Wesen also, die die Erde unterwandert haben? Manchmal war da auch einfach Entsetzen: Wenn etwa aufgewühlt berichtet wurde, dass ein global agierender Pädophilenring Kinder in seine Gewalt brächte, um aus diesen eine Superdroge zu gewinnen, die dann den Mächtigen als Verjüngungskur dienen solle. Schließlich auch Fassungslosigkeit: Als man mir sagte, mit dem Corona-Virus plane der Multimilliardär Bill Gates einen Massenmord an der Weltbevölkerung.
Okay, geheime Absprachen zur Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels kommen im realen Leben vor. „Klüngel“, „Seilschaften“ oder „Netzwerke“, Preisabsprachen zu Lasten von Verbrauchern oder Pläne von Terroristen für einen Anschlag. Aber diese mythischen Erzählungen? Das war mir zu abstrus.
Sie tauchten jedoch immer wieder auf. Etwa als eine Freundin entnervt erzählte, wie sie stundenlang einem Nachbarn zugehört und ihm Fakten präsentiert hatte, aber alles wie an einer Wand abgeprallt sei. In einer Mail nahm ich merkwürdige Zwischentöne und Anfragen wahr. Ein ansonsten recht nüchterner Nachbar erzählte mir Hypothesen im Blick auf staatliche Corona-Verordnungen. Kleinigkeiten. Und dann die Ausschreitungen in Leipzig am 8. November. Kritiker der Corona-Maßnahmen und Anhänger von Verschwörungstheorien hatten gemeinsam mobil gemacht. In ihrem Windschatten traten auch Rechtsextreme und Radikale auf. Leider wohl kein Einzelfall. Experten beobachten, dass die Szene der Verschwörungstheoretiker sich zunehmend radikalisiert. Und wächst. Umfragen belegten schon im Frühjahr 2020, dass über ein Drittel aller Deutschen – jede 3. Person! – an geheime Verschwörungen glaubt. Was fasziniert Menschen daran und warum gerade jetzt?

Mythen geheimer Mächte
Unsere Welt ist undurchsichtig geworden, Daten- und Geldflüsse etwa sind schwer zu durchschauen. Manches läuft tatsächlich schlecht und oft ist es dann schwer, einen Verantwortlichen auszumachen. Da kann der Eindruck entstehen, dass Einzelne wenig Einfluss haben, ausgeliefert sind. Und: Dass es Menschen und Institutionen gibt, die große Macht ausüben und die Strippen ziehen. Verschwörungstheorien ranken sich genau um diese geheime Macht. In der Regel sind es keine wissenschaftlichen Hypothesen, sondern große Erzählungen vom Kampf geheimer Mächte, die fast mythischen Charakter haben. Die Welt wird demzufolge von herrschenden Eliten – Politikern, Regierungen, Unternehmen – ständig belogen und betrogen, überwacht und manipuliert.
Wissenschaftliche, vernünftige Erklärungsversuche haben bei überzeugten Anhängern kaum eine Chance, schon gar nicht, wenn sie von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten kommen. Nun macht eine kritische Grundhaltung, die Fakten und Argumente hinterfragt, ja mündige Bürger aus und beugt Machtmissbrauch vor. Irgendwie skurril aber, dass diese Skepsis bei den Verschwörungstheoretikern so extrem kippt – in ein nahezu unerschütterliches Vertrauen in wildeste Gerüchte und alternative Fakten.

Illustration: (c) Anton Porkin (iStock)

Tatsächlich ist es ein Kennzeichen dieses Denkens, dass es unterscheidet zwischen denen, die alles durchschauen – sich also aus den Fängen der Lüge befreit haben – und denen, die (noch) im Lügengeflecht der geheimen Strippenzieher festsitzen. – Wissen ist Macht, sagen wir nicht zu Unrecht. Und Situationen, in denen wir auch im alltäglichen Leben mit dieser Macht spielen, kennt wohl jeder. Etwas zu wissen und zu durchschauen, gibt einem ein gutes Gefühl. Das geht wohl auch denen so, die auf diese Theorien ansprechen – sie fühlen sich dadurch wichtig, bedeutungsvoll.

Die „gefühlte Wahrheit“
Häufig sind Menschen anfällig, die sich abgehängt oder an den Rand gedrängt fühlen. Auch weil die Verschwörungsmythen diffusen Ängsten ein Gesicht geben und ein Feindbild zeichnen. Die scharfe Einteilung in Gut und Böse sät jedoch enorm viel Zwietracht. Das geht so weit, ganz bestimmte Gruppen gleichsam zu dämonisieren – sehr häufig sind das leider auch heute noch die Juden. Und weil man das Böse bekämpfen muss – so die Anhänger – ist es nur ein kleiner Schritt hin zur Gewalt. Zusätzlich brisant ist, dass politische Gruppierungen diese Feindbilder sehr geschickt für ihre eigenen Ziele nutzen.
Die heute verfügbare Fülle an Informationen und die damit einhergehende Orientierungslosigkeit scheint ein weiterer Grund für das Aufblühen von Verschwörungsdenken: Es bietet ein wunderbares Schubladen-System, um mit der Überfülle umzugehen. Expertenwissen hat kaum noch Gewicht. Die eigene „gefühlte Wahrheit“ wird zum Maß der Dinge. Und im weltweiten Netz kann jeder seine kundtun – und Aufmerksamkeit erlangen. Das Vertrauen in sichere Wahrheitsgehalte, wie es Kirchen und auch Medien in der Vergangenheit zugestanden wurde, bröckelt. Damit eröffnet sich ein großes Feld – auf dem Verschwörungsgedanken scheinbar gedeihlichen Boden finden. Und neben mystischen Elementen finden sich darin auch zunehmend spirituelle. Manche sprechen von „säkularisierten Versionen religiöser Erklärungen des Weltgeschehens“. Ihren Wahrheitsanspruch zeigen sie auch dadurch, dass sie sich prinzipiell nicht widerlegen lassen. Zirkelschlüsse bilden den Mechanismus, der sie gegen Kritik immunisiert. Rationale Argumente empfinden hartgesottene Anhänger geradezu als Bestätigung. Tatsächlich – so Experten – sind sie nur noch schwer erreichbar. So besteht die Gefahr, dass sich Parallelwelten bilden, in denen man sich kaum noch darüber verständigen kann, was real ist und kaum eine Basis für Kompromisse vorhanden ist, die jedoch grundlegend für demokratische Prozesse sind.
Andere – und ihre Zahl scheint durch die anhaltende Corona-Pandemie zu steigen – sind zwar anfällig für das Gedankengut, aber wohl noch erreichbar. Bei ihnen scheint mir eine große Sehnsucht nach Zugehörigkeit aufzublitzen, danach, zu einer verlässlichen Gemeinschaft zu gehören, in der jeder mit seinen Gaben und Einsichten Gehör und Aufmerksamkeit findet. Wäre es deshalb nicht extrem wichtig, diesen Menschen Möglichkeiten der Zugehörigkeit zu bieten: Nähe zu suchen und Freundschaften zu halten und dabei eine Gemeinschaft zu bezeugen, die sich selbst und ihr Weltbild immer wieder infrage stellt und stellen lässt?
Solche verschworene Gemeinschaft – so scheint mir – kann keine und keiner allein anbieten. Sie braucht einen langen Atem, echtes Interesse am anderen, Zeit zum Zuhören und Nachfragen – und die Bereitschaft, Position zu beziehen und Fragen und Zweifel wohlwollend ins Spiel zu bringen, denn: Schweigen wird viel zu oft als Zustimmung gewertet.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2021)
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