2. Februar 2021

Es geht um uns

Von nst5

Wenn wir uns in dieser Ausgabe dem Thema „Geistlicher Missbrauch“ widmen, dann betrifft das nicht nur andere. Ein Eingeständnis und eine Zusage.

„Du weißt schon, dass wir als Täter dahinfahren?“ Es war kurz vor Köln, als mein Freund ganz unvermittelt diese Aussage tätigte. Wir waren auf dem Weg nach Solingen, wo wir 20 Jahre zuvor in einer Wohngemeinschaft gelebt hatten.
Eingeladen hatten die Gen, die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung im nordwestdeutschen Raum. Eingeladen waren ihre „Vorgänger“, also diejenigen, die zwischen 1985 und 1995 in dieser Region zu den Gen gehört hatten. Das Anliegen war ganz einfach: Begegnung und Austausch unter zwei „Gen-Generationen“. Das war 2005.
Wo also war die Brisanz, die meinen Freund diesen Satz sagen ließ?
Die 1980-er Jahre waren eine Blütezeit der Gen-Bewegung in Nordwestdeutschland (und nicht nur dort). Deutlich mehr als 200 junge Männer und Frauen zwischen 17 und 25 Jahren trafen sich wöchentlich in kleinen Gruppen, um das Evangelium zu vertiefen, die Spiritualität der Fokolare kennenzulernen, über ihr Leben zu sprechen und Initiativen zu planen. Beinahe monatlich kamen wir alle – geschlechtergetrennt – zu einem Schulungswochenende zusammen. Begeisterung, Großzügigkeit und Selbstbewusstsein kennzeichneten diese Jahre. Aber auch das ist wahr: Es gab eine straffe Organisation, eine klare, auch überprüfte Erwartung, sich vorbehaltlos zur Verfügung zu stellen, und eindeutige Vorgaben für die Lebensführung. Die Gemeinschaft war oft wichtiger als die Einzelnen. Mein Freund und ich gehörten zu denen, die das Ganze leiteten, prägten und auch kontrollierten.
Hatten wir uns damals des geistlichen Missbrauchs schuldig gemacht? Waren wir also Täter? Es ist schwer, sich selbst das Urteil zu sprechen, aber wahrscheinlich hatte mein Freund nicht ganz unrecht. Wir wollten Jesus radikal und gemeinsam folgen, hatten dabei aber nicht ausreichend die radikale Freiheit im Blick, die Jesus jedem Menschen gibt. So haben einige prägende und stärkende Erfahrungen in der Nachfolge gemacht, andere jedoch wurden in ihrer Beziehung zu Gott und den Menschen bleibend beeinträchtigt.
Im Interview beschreibt Katharina Fuchs geistlichen Missbrauch so: “Wenn jemand kontrollierenden, manipulierenden oder einschüchternden Einfluss auf eine Person oder Gruppe ausübt, die er begleitet oder für die er Verantwortung hat, können wir von ‚Geistigem Missbrauch‘ sprechen. Er kann überall vorkommen, wo jemand Macht über andere hat. … ‚Geistlicher Missbrauch‘ unterscheidet sich insbesondere dadurch davon, dass er in einem religiösen Zusammenhang geschieht und damit auch geistlich-spirituelle Inhalte betrifft.“
Geistlicher Missbrauch – auch spiritueller oder emotionaler Missbrauch genannt – ist kein neues Thema, aber erst vor relativ kurzer Zeit in den Fokus gerückt. Die Diözesen Graz (2019) und Dresden (2020) haben aufschlussreiche Tagungen dazu angeboten. Häufig richtet sich der Blick vor allem auf die Geistlichen Gemeinschaften. Sie seien besonders anfällig – besonders in ihrer Anfangszeit. Das ist zwar etwas einseitig, aber eben auch nicht ganz falsch.
Wenn wir uns in dieser Ausgabe ausführlich diesem Thema widmen, geht es also nicht um etwas, das weit weg ist oder nur andere betrifft. Es geht um uns! Es geht zumindest auch um uns in der Fokolar-Bewegung, der Herausgeberin dieser Zeitschrift.
Die Einheit – mit diesem Wort lässt sich das Charisma der Fokolare beschreiben – ist ein faszinierendes Ideal. Jesus möchte, dass wir eins sein können mit Gott und als Menschen untereinander. Er hat sein Leben dafür gegeben, um uns die Einheit neu zu schenken. Einheit ist das Geschenk eines Gottes, der die Vielfalt liebt, weil er selbst Vielfalt ist. Einheit machen zu wollen oder gar einzufordern („Mach mir Einheit!“), ist jedoch ohne Zweifel missbräuchlich.
In diesen Wochen ist auch die sexualisierte Gewalt in den Kirchen weiter Thema. So zeigen kürzlich veröffentlichte Studien der Bistümer Aachen und Münster, dass die Kirchenleitung in der Regel das Wohl der Kirche vor das Wohl der Opfer gestellt hat. Sexualisierte Gewalt ist auch ein Thema für die Fokolar-Bewegung, wie kürzlich in Frankreich deutlich wurde.
Wir möchten von diesem schmerzhaften Thema nicht ablenken. Zweifelsohne besteht ein Zusammenhang. Häufig führt Geistlicher Missbrauch auch zu sexualisierter Gewalt. Und doch scheint uns der geistliche Missbrauch ein Thema, dass eine eigene Vertiefung braucht.
Die Beiträge möchten Mut machen: Mut machen anzuerkennen, dass es geistlichen Missbrauch gibt und dass gerade charismatisch begabte Menschen gefährdet sind; Mut machen, genau hinzuschauen und zu handeln, wenn man missbräuchliches Verhalten wahrnimmt; Mut machen, Menschen, die sich äußern, nicht als „Nestbeschmutzer“ zu verurteilen; den Opfern Mut machen, sich zu öffnen, ohne Angst haben zu müssen, noch einmal verletzt zu werden; Mut machen, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen – als Einzelne und als Gemeinschaft.
Was diese Seiten nicht möchten, ist Urteile über Menschen zu fällen. Jeder Missbrauch ist zu verurteilen, aber nicht jeder Missbrauch geschieht böswillig. Sie möchten auch kein Misstrauen schüren. Menschen auf ihrem Weg mit Gott zu begleiten, ist ein bleibend wichtiger Dienst. Viele Menschen nehmen diese Aufgabe so wahr, wie sie Bernhard Deister in seinem Beitrag beschreibt: „Diener der Freude“ für die begleitete Person zu sein. Und auch Leitung ist ein notwendiger Dienst. Keine Gemeinschaft kommt ohne sie aus. Leitung wahrzunehmen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn nicht alle einverstanden sind, ist nicht automatisch Missbrauch.
Schließlich möchte diese Ausgabe ein Zeichen setzen: Wir haben als Fokolar-Bewegung die Bedeutung dieses Themas erkannt, wir stellen uns ihm und wir handeln. Im Frühjahr 2021 werden die Verantwortlichen der Fokolar-Gemeinschaften zum Thema des geistlichen Missbrauchs geschult und ebenfalls im Frühjahr wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils eine unabhängige Beschwerdestelle (Kontaktstelle) eingerichtet, an die sich Menschen wenden können, die in der Fokolar-Bewegung geistlichen, Macht- oder Autoritätsmissbrauch erfahren haben, dies melden wollen und weitere klärende Maßnahmen wünschen.
Bei der Erstellung dieser Ausgabe hat dieses Thema in uns selbst und in vielen Gesprächen sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen von Abwehr („Bei uns doch nicht!“) über Dankbarkeit („Gut, dass ihr dieses Thema aufgreift“) bis hin zu Empörung („Es ist noch viel schlimmer!“). Wir sind gespannt auf Ihre Reaktionen.
Peter Forst

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2021)
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