2. Oktober 2025

Mutig und treu

Von nst5

Maria Voce, “Emmaus”,

war die erste Präsidentin der Fokolar-Bewegung nach Chiara Lubich. Wie sie diese Übergangszeit prägte und was sie auf den Weg brachte.

„Tief bewegt und mit großer Trauer schreibe ich euch, um euch mitzuteilen, dass Gott heute, unsere Emmaus, Maria Voce, die erste Präsidentin der Fokolar-Bewegung nach Chiara Lubich, zu sich gerufen hat.“ Die Nachricht von Präsidentin Margaret Karram machte am 20. Juni schnell die Runde – in der Fokolar-Bewegung und über sie hinaus. Als Echo kamen Betroffenheit, Trauer und große Dankbarkeit zurück, durchdrungen von tiefem Respekt für die Italienerin, eine „große kleine Frau“, die zwölf Jahre an der Spitze der geistlichen Gemeinschaft gestanden hatte. Was kennzeichnete sie und ihren Dienst im Übergang von der Gründer- zu Nachgründerzeit?
Häufig spricht man von „Charisma“, wenn man eine natürliche Fähigkeit einer Person kennzeichnen möchte. In christlicher Perspektive ist ein Charisma jedoch mehr. Es bezeichnet eine Gabe Gottes für einen Menschen, die dieser in den Dienst aller stellen und zum Geschenk werden lassen soll. Mit der Gabe – bei Chiara Lubich das Charisma der Einheit – ist also auch ein Auftrag verbunden.

Foto: (c) CSCmedia

Mit dem Tod der Gründerin am 14. März 2008 ging diese Gabe – aber auch der Auftrag – auf die ganze Fokolar-Bewegung über. Als am 1. Juli 2008 die Generalversammlung erstmals ohne sie zusammentrat, lagen Trauer, Unsicherheit, wie es weitergehen sollte, aber auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, in der Luft. Diejenigen, die Kontinuität zur Gründerzeit sichern wollten, sahen eine der noch lebenden ersten Gefährtinnen Lubichs als neue Präsidentin. Andere wollten den Übergang in die „Nachgründerphase“ bewusst in der Wahl einer Person aus der nächsten Generation ausgedrückt wissen. Intensive Beratungen, mehrere Wahlgänge ohne eindeutiges Ergebnis, ein Bedenktag: Dann wurde Maria Voce gewählt.
Schon als sie die Wahl annahm, beeindruckte sie viele durch ihre Gelassenheit, Freude, natürliche Art und das Vertrauen auf Gott und seine Führung. Eigenschaften, die viele in den folgenden Jahren auch in direkten Begegnungen erlebt haben. Maria Voce hatte keine Berührungsängste und ein gesundes Selbstbewusstsein, ungeachtet ihrer Körpergröße, die sie zu fast allen aufschauen ließ. Verantwortliche wie Maria Magerl, zunächst Delegierte der Fokolar-Bewegung in Österreich und dann für Deutschland, Österreich, Schweiz und Lichtenstein, haben sie als „große Schwester“ erfahren, „die sich auch über noch so komplexen Situationen nicht erschreckte“, sondern „unaufgeregt, mit positivem Blick“ die jeweilige Lage wahrnahm. „Trotz der großen Verantwortung strahlte sie Leichtigkeit aus.“ Maria Voce war interessiert, wollte die Menschen kennenlernen, „suchte die persönliche Beziehung, kannte jeden Namen und hat Zusammenhänge sehr schnell erfasst.“ Auch Jesús Morán, in der zweiten Amtszeit mit Maria Voce ihr Kopräsident, unterstreicht „ihre Fähigkeit, sich in die kompliziertesten Situationen hineinzuversetzen“ und bewunderte dabei „ihre Urteilsfähigkeit“.
Ihre Herzlichkeit gepaart mit echtem Interesse an dem, was ihr begegnete, baute Brücken. Mit intelligenter Feinfühligkeit stellte sie ihre menschlichen Eigenschaften in den Dienst ihrer Aufgabe als Präsidentin.
Vom ersten Moment an machte Emmaus Maria Voce deutlich, dass sie in Kontinuität und Aufbruch keine Gegensätze sah, sondern beides für die Zukunft als unabdingbar erachtete. So sagte sie im ersten Interview nach ihrer Wahl: „Ich war in diesen Tagen oft bei Chiara, an ihrem Grab. … Und ich sagte zu ihr: ‚Chiara, was möchtest du jetzt? Sag mir nicht, was du vor sechs Monaten oder vor einem Jahr wolltest.’ Mir schien, als würde sie mir sagen: ‚Ich habe dir immer nur eines vor Augen gestellt: Jesus in seiner Verlassenheit.’ Was blieb mir also anderes, als mein Ja zu ihm zu wiederholen?“ In dieser Antwort spiegelt sich eine Grundhaltung wider, in die sie in den folgenden Jahren die Angehörigen der Fokolar-Bewegung hineinnahm – nicht zuletzt bei der Vertiefung der Grundpfeiler der Spiritualität. Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, drückte das im Vorwort des Buches, das diese Referate bündelt, so aus: „Maria Voce wollte nicht einfach Bekanntes wiederholen, sondern neue Aspekte zutage fördern. Sie begriff Chiara Lubichs Botschaft und Charisma neu – in einer Kirche und in einer Welt, die sich verändert haben. Denn spirituelle Bewegungen wachsen in der tiefen Spannung zwischen Treue zum Ursprung und zum Charisma, dann aber auch in der Deutung des Lebens und der Geschichte von morgen.“

Maria Voce bei einem Besuch in der Siedlung der Fokolar-Bewegung bei Nairobi in Kenia – Foto: (c) CSCmedia/Ernst Ulz

Mit „kreativer Treue“ zum Charisma der Einheit begleitete Emmaus sorgfältig den Übergang in die „Nach-Chiara-Zeit“. Gusti Oggenfuss, derzeit in einer Fokolargemeinschaft in Innsbruck, kam während der ersten Präsidentschaft von Emmaus Maria Voce ans internationale Zentrum, wo er als „Zentraler Berater“ eng mit ihr zusammenarbeitete. „Mich hat beeindruckt, mit welcher Rücksicht und Aufmerksamkeit sie auf die noch lebenden ersten Gefährtinnen und Gefährten von Chiara Lubich einging.“ Diese hatten mit ihr die Verbreitung „bis an die Enden der Erde“ erlebt und waren in vielem die verlängerten Arme der Gründerin gewesen. „Es war sicher nicht leicht für sie, nun zurückzutreten und den Platz den nächsten Generationen zu überlassen. Emmaus hat sich oft mit ihnen getroffen, ihnen von den Entwicklungen und Entscheidungen berichtet, sie auf dem Laufenden gehalten.“
Man kann nur erahnen, wie häufig auch Maria Voce in diesen ersten Jahren den Satz hörte: „Aber Chiara hat es so gemacht. Warum macht man es nicht mehr so?“ Trotzdem blieb sie „standfest“ in den Dingen, die sie im Hören auf alle Beteiligten verstanden hatte, und ließ sich im einmal Entschiedenen nicht mehr beirren. Jesús Morán bezeichnete es als „geistliche Resilienz“ und Gusti Oggenfuss meint: „Sie hatte ein Ziel vor Augen.“
Maria Voce hat nie versucht, Chiara Lubichs Platz einzunehmen. Dass etwa Menschen diese nach einer intensiven Erfahrung oder beim Übergang in eine neue Lebensphase nach einem Satz aus dem Evangelium fragten, der diesen geistlichen Schritt besiegeln sollte, sah Emmaus als besondere, einer Gründerpersönlichkeit vorbehaltene Aufgabe – und lehnte entsprechende Anfragen ab.

Foto: (c) CSCmedia

Eine charismatische Gründerpersönlichkeit prägt das Leben einer entstehenden Bewegung – und gibt Sicherheit in geistlichen wie auch in konkreten Fragen. So waren diese aus den verschiedenen Regionen und Realitäten der Fokolar-Bewegung oft direkt bei Chiara Lubich gelandet. Emmaus machte deutlich, dass das Wissen, die Kenntnis über Details und Zusammenhänge nicht bei ihr lagen: „Schaut vor Ort, tauscht euch aus, wägt ab, hört einander an. Dann werdet ihr mit Jesus in eurer Mitte zu einem Vorschlag kommen.“ Damit unterstrich sie eindrücklich, dass das Charisma der Einheit nicht auf eine Person, sondern auf die Gemeinschaft derer übergegangen war, die im Namen Jesu unterwegs waren. Sie forderte so die Mitverantwortung aller ein; und sie hielt aus, dass damit die Antwort auf manche Fragen länger brauchte.
Der Name Emmaus – den sie in Anlehnung an die Episode aus dem Evangelium als Lebensprogramm von Chiara Lubich erhalten hatte – stand gleichsam für ihr „Regierungsprogramm“: gemeinsam unterwegs sein und in allen Fragen und Überraschungen, die auftauchen können, auf die Gegenwart Gottes unter den Seinen vertrauen.
„Das geht nicht von oben nach unten“, unterstreicht Joachim Schwind, aktuell Berater am internationalen Zentrum. „Dieser Stil erfordert es, die Perspektive zu wechseln: nicht mehr deduktiv – von allgemeinen Aussagen und Annahmen auf einzelne Situationen schließen, sondern induktiv – also hinhören, alle hören und daraus allgemeine Aussagen verstehen.“

Foto: (c) CSCmedia

„Kommt es aus der Einheit?“, „Dient es der Einheit?“ und nach einiger Zeit dann: „Hat es die Früchte gebracht, die wir erwartet haben?“ – Diese drei Fragen, so erinnert sich Maria Magerl, hatte Maria Voce einmal als Kriterien für Entscheidungen angegeben. Das ergänzt einen Eindruck von Joachim Schwind: „Emmaus war in der Lage, zu innerer Gewissheit zu kommen. Sie hat dann kurz innegehalten, in sich hineingehört und dem vertraut, was sie dort vom Charisma wahrnahm.“
In ihrer ersten Amtszeit hat Maria Voce nahezu die ganze Welt bereist. Sie wollte den Fokolar-Gemeinschaften zeigen: „Wir sind eine Familie, wir sind gemeinsam unterwegs“ und sie in ihrem Leben der Einheit bestärken. „Aber“, so vermutet Joachim Schwind, „vielleicht war es auch klug, weil sie so der Wucht der Fragen am Zentrum entging – wo viele so lange eng mit Chiara Lubich zusammengearbeitet hatten und sich nun mit Veränderungen schwertaten.“
Schon in der ersten Amtszeit, mehr aber noch in der zweiten, drängten Fragen, die sich auf die aus der Gründerzeit stammenden Organisationsstrukturen bezogen. Zahlen gingen zurück, Gemeinschaften wurden älter, manche Einrichtungen und Formen zeigten sich als nicht mehr angemessen oder finanzierbar. Auch aus personellen Gründen waren mutige Entscheidungen nötig: wie die Zusammenlegung von Gebietseinheiten mit dem Ziel, Strukturen abzubauen und Kräfte freizusetzen. Ein Prozess, der notwendig und aufwendig war und den Maria Voce mit großem Engagement verfolgte, der aber auch Widerstände hervorrief und keineswegs schmerzfrei ablief.
Ein nicht unwichtiger Aspekt ihres Dienstes war ihr Bemühen um lebendige Beziehungen zu den Verantwortlichen der Kirche. So wuchs gegenseitiges Vertrauen. Mit ihrer Herzlichkeit hat Maria Voce viele für sich gewonnen – nicht zuletzt die Päpste. Insbesondere Papst Franziskus schätzte sie sehr und hat dies auch bei der einen oder anderen Gelegenheit öffentlich zum Ausdruck gebracht.
Dass Maria Voce als Juristin viele Jahre mit Chiara Lubich selbst am Allgemeinen Statut gearbeitet hatte, war in dieser Phase nicht unbedeutend. Das Wissen darum, dass „sie sich auskennt“, gab nicht nur nach innen, sondern wahrscheinlich auch nach außen – vor allem in die römisch-katholische Welt hinein – Sicherheit. Trotzdem hat sie – ganz Juristin – Recht nicht einengend gesehen, sondern die Spielräume ausgenutzt, die es eröffnete.

Foto: (c) CSCmedia/Ernst Ulz

Obwohl Maria Voce sich mit Zuversicht auch ihrer zweiten Amtszeit stellte, hat sie sich dabei noch bewusster zurückgenommen. „Es war ein begleitendes Leiten“, beobachtete Joachim Schwind. „Sie hat delegiert und Beraterinnen und Beratern viel Spielraum gelassen.“ Sicher haben gegen Ende dieser Amtszeit auch die Kräfte der dann über 80-Jährigen nachgelassen, aber – so Maria Magerl – „es hat ja auch Größe, wenn jemand Verantwortung vertrauensvoll abgibt, weil er oder sie bemerkt: Ich schaffe es nicht selbst.“ Trotzdem war Emmaus da – „mit unglaublicher intellektueller Präsenz, ihrer Schnelligkeit im Denken und der Klarheit im Leben des Charismas.“ Die Kultur des Vertrauens, die sie zu Beginn ihrer Präsidentschaft allen ans Herz gelegt hatte, hat sie auch da selbst gelebt.
Dass sie sich der Unzulänglichkeit mancher Prozesse bewusst war, zeigt eine Einschätzung am Ende ihres zweiten Mandats: „Wir sind in dieser Zeit demütiger geworden, denn wir wissen auch um die Fehler, die wir gemacht haben … Ich bin Gott dankbar für die schönen Dinge, aber auch für die Schmerzen, ob durch mich oder andere verursacht … Sie haben es mir ermöglicht, Jesus den Verlassenen zu lieben, den ich erwählt habe.“ Nicht nur deshalb hätte ihr wohl gefallen, was Margaret Karram bei ihrer Beerdigung sagte: „Es geht nicht darum, Lobreden zu halten, sondern darum, Gott zu danken für diese Fokolarin, die eine treue Zeugin der Einheit war.“
Gabi Ballweg


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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