Was ich nicht tue, fehlt!
Noch lange werden die Flutopfer in Pakistan auf Hilfe von außen angewiesen sein. Aber auch innerhalb des Landes hat die Not der von den Überschwemmungen betroffenen Menschen eine beeindruckende Welle der Solidarität ausgelöst. In der Redaktion erreichten uns Nachrichten von Freunden der Fokolar-Bewegung aus Karachi und Risalpur. Wir veröffentlichen Auszüge.
Aus Karachi, einer Stadt mit 16 Millionen Einwohnern im Süden des Landes, schreibt eine kleine Gruppe von Frauen und Männern: Angesichts der riesigen Probleme könnte man den Mut verlieren, doch die Menschen geben nicht auf! Und auch wenn wir selbst nicht viel haben, konnten wir nicht einfach nur tatenlos zusehen. Deshalb haben wir das Wenige, was wir hatten, zusammengelegt.
Im September fuhren wir in eine Schule, in der Obdachlose Unterschlupf gefunden hatten. Freiwillige Helfer der Regierung hatten dort bereits umsichtig gearbeitet. Trotzdem: Es fehlte teilweise noch am Nötigsten. Eine von uns erzählte in ihrer Arbeit von diesem Besuch. Ihr muslimischer Chef gab ihr daraufhin viele Medikamente, andere Kollegen legten spontan Geld zusammen oder brachten Kleidung mit. Auch einige unserer Nachbarn haben sich mit Spenden beteiligt. Trotz unserer beschränkten Möglichkeiten haben wir auf diese Weise 20 000 Rupien zusammengebracht (etwa 165 Euro oder 230 CHF); für uns eine unvorstellbare Summe! Aber angesichts der Familien mit über 200 Kindern, die auf unsere Hilfe warteten, war es nichts!
Irgendwie hatte der Ortsbischof von der Initiative erfahren. Er ermutigte uns sehr weiterzumachen.
Kurz darauf erreicht uns die Unterstützung von Freunden aus aller Welt. Jetzt konnten wir so vieles einkaufen, dass wir drei Tage lang zu tun hatten, alles rechtzeitig zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan in kleine Pakete zu packen.
Unterwegs zu den Flüchtlingslagern traf uns die harte Realität: Viele warteten am Straßenrand auf Hilfe. Oft liefen sie aus Verzweiflung sogar hinter den Autos her. Aber wir konnten unmöglich anhalten: Die Gefahr der Plünderung war zu groß! Viele Hilfslieferungen waren deshalb nicht angekommen.
Ein kleiner Junge rannte fast einen Kilometer hinter uns her. Erst dann war die Lage einigermaßen sicher, und wir konnten riskieren anzuhalten und ihm etwas zu geben.
Bei der Ankunft im Lager dann ein noch größerer Schock: Anstelle von 70 Familien waren dort 105, die Klassenzimmer hoffnungslos überfüllt; Männer und Frauen, darunter auch Schwangere, viele Neugeborene und unzählige Kinder. Alle trugen noch die Kleider, die sie anhatten, als die Überschwemmungen sie überraschten, und sie alles hinter sich lassen mussten. Ihre Felder waren überflutet, die Anpflanzungen weggespült und auch ihre Tiere hatten sie in den Fluten verloren.
Wir haben verteilt, was wir hatten – 70 Päckchen und ein wenig Kleidung. Es schien uns wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wir waren gerührt, wie dankbar alle diese Zeichen der Verbundenheit aufnahmen.
Eine Woche später fuhren wir erneut in das Lager; dieses Mal hatten wir neben Kleidung auch Geschirr dabei. Darum hatten sie uns beim letzten Mal gebeten und uns erzählt, dass zwar Nahrungsmittel und Essenslieferungen ankämen, sie aber kein Geschirr hätten, um es in Empfang zu nehmen.
Weil wir das Geld, das unsere Freunde aus aller Welt geschickt hatten, gut nützen wollten, waren wir in den Tagen zuvor auf mehrere Bazars gegangen, um alles zum günstigsten Preis zu kaufen. Die Lage in Karachi ist schwierig: Es gibt viel Gewalt auf den Straßen, und viele hatten uns geraten, zuhause zu bleiben. Aber die Menschen brauchten dringend unsere Hilfe!
Ein anderes Lager: Hier treffen wir auf 800 Flüchtlinge, die in einer Schule eingepfercht waren. Wir haben verteilt, was wir mitgebracht haben. Mit etwas Geld konnten wir einer Mutter helfen, die im Lager durch einen Kaiserschnitt entbunden hatte. Außer ihrem gab es sieben Neugeborene dort.
An diesem Tag erlebten wir, dass es wichtig war, konkrete Hilfe zu leisten. Aber noch viel wichtiger war es, die Menschen durch unser Zuhören, durch unser Dasein spüren zu lassen, dass sie Brüder und Schwestern haben, dass Gott sie liebt. Und dass uns das über alle Religionen verbindet.
Da wir noch etwas Geschirr übrig hatten, sind wir noch zu einem anderen Lager aufgebrochen. Es war auf einem riesigen Gelände, das sonst als Reislager diente. Es gab keine Gebäude, 6000 Menschen lebten hier im Freien auf engstem Raum. Überall fehlte es an Wasser. Auch die Helfer im Lager waren verzweifelt.
Am meisten beeindruckt uns die Geduld der Menschen, sie haben alles verloren, aber sie danken Gott, dass sie am Leben sind.
Eine Frau aus Risalpur in Nord-Pakistan erzählt von ihren Besuchen bei den Überschwemmungsopfern:
Außer der konkreten Hilfe, die ich mitbringen konnte, war es eine Gelegenheit, den Schmerz der Menschen zu teilen. In einem Lager war ich die erste Besucherin, die in den Bereich durfte, wo die Frauen untergebracht waren.
Ich habe meine Päckchen verteilt, aber vor allem zugehört: Die Frauen hatten ein großes Bedürfnis zu erzählen, was ihnen zugestoßen war.
Einen Tag nach diesem Besuch erhielt ich einen Anruf von einem Verwandten, der in der Nähe des Lagers wohnt. Er erzählte, wie froh die Menschen waren, weil in den Päckchen viele Dinge waren, die bisher kein anderer gebracht hatte: Papier und Stifte, Milchpulver für die kleinen Kinder, Hygieneartikel und vieles mehr.
Zum Abschluss des Ramadan haben wir 681 Päckchen vorbereitet, und wollten sie in zwei Lager bringen, bei denen bisher wenig angekommen war.
Im ersten, das vom Militär geleitet wurde, waren wir schon vorher einmal gewesen. Die Militärs sagten uns: „Man spürt, dass ihr alles mit einer besonderen Feinfühligkeit und Liebe zu den Menschen tut. Wie schafft ihr es nur, allen mit gleichem Maß zu geben und alle froh zu machen?”
Heute wurde mir bewusst: Das Geld für das, was wir bringen, haben wir von anderen erhalten. Das alles war also nicht unser, nicht mein Verdienst. Trotzdem hatte auch ich etwas Wichtiges zu geben: die Zeit, den Aufwand und die Mühe, alles auf dem zentralen Markt in Rawalpindi (Anm. d. Red.: über 100 Kilometer entfernt) einzukaufen. Und das, obwohl die Straßen voll und oft verstopft waren, drückende Hitze herrschte, die Fahrt nicht ungefährlich war und man wegen der Armut immer damit rechnen musste, dass bewaffnete Menschen den Wagen anhalten und alles plündern. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was die direkt von der Überschwemmung betroffenen Menschen erleben – aber es ist mein Beitrag und wenn ich ihn nicht einbringe, fehlt er! Nur alle zusammen können wir die Not ein wenig lindern und den Weg bereiten, dass dann ein Anderer eingreift und noch Größeres tut!
Das Land
Pakistan ist eine Islamische Republik in Südasien und grenzt im Westen an Iran und Afghanistan, im Norden an China, im Osten an Indien. Das Land ist etwa zweimal so groß wie Deutschland und hat 166 Millionen Einwohner. Der Islam ist Staatsreligion: 96 Prozent der Bevölkerung gehören ihr an; in der Mehrzahl Sunniten, zwischen 10 und 20 Prozent Schiiten. Jeweils knapp zwei Prozent sind Christen und Hindus.
Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen (zu Marktpreisen) liegt bei 1046 US-Dollar. Die Landwirtschaft ist nach wie vor der wichtigste Sektor der pakistanischen Volkswirtschaft. Nach einer Phase wirtschaftlicher und finanzieller Krisen 2008 und 2009 zeigte die Wirtschaft Anfang 2010 Anzeichen leichter Erholung.
Die Überschwemmungen
Ende Juli begannen die bisher schlimmsten Monsunregen in Pakistan. Massive Überflutungen haben Millionen von Menschen obdachlos gemacht und ihre Lebensgrundlage zerstört. Während Anfang November im südlichen Distrikt Sindh und in Teilen von Punjab noch immer einzelne Regionen überschwemmt sind, ist im Nordwesten des Landes das Wasser inzwischen abgeflossen.
Die Überschwemmungen haben entlang des Indus, der ganz Pakistan von Nord nach Süd durchfließt, schwere Verwüstungen angerichtet. Straßen, Brücken und Gebäude wurden mitgerissen, die Strom- und Trinkwasserleitungen sind fast vollständig zerstört. Viele Wasserquellen enthalten nach wie vor nur schlammiges Wasser.
Große Teile der landwirtschaftlich genutzten Flächen standen bei Beginn der Regenfälle kurz vor der Ernte. Insgesamt wurden etwa 3,6 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche weggespült. Auch neues Saatgut ist Mangelware, und so droht Pakistan in den nächsten Monaten eine Hungerkatastrophe, deren Auswirkungen nach offiziellen Schätzungen bis ins Jahr 2012 reichen können.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2010)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München