Noch schöner als der Plan
Ein Umbau kostet Zeit und Kraft. Erst recht, wenn dafür viele verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen. In Wien hat eine Kindergarten-Umgestaltung überraschende Ergebnisse gebracht, weil die Beteiligten sich aufeinander eingelassen haben.
Entwürfe schauen immer sehr gut aus.” Der Wiener Architekt Günther Trimmel hält ein wenig inne. „Aber danach geht es dann abwärts! Bei der Umsetzung tauchen alle möglichen Hürden auf, und die gebaute Realität bleibt dann oft hinter dem Entwurf zurück.” Ein wenig staunend fährt er fort: „Hier ist das genaue Gegenteil passiert: Die gebaute Realität ist viel interessanter als der Plan! Im Vergleich dazu ist das Schaubild trivial!”
Mit „hier” meint Günther Trimmel den Umbau im Kindergarten Rodaun in Wien. Dort hat sein Büro im letzten Jahr den Eingangsbereich neu gestaltet. „Begonnen hat alles damit, dass wir eine Gegensprechanlage brauchten”, erklärt die Leiterin des Kindergartens, Alexandra Kondor. Das in den 1950er-Jahren erbaute Gebäude, das etwa 75 Kindern Platz bietet, liegt auf einem großen Grundstück mit vielen Tannen, einem Spielplatz und großer Rasenfläche. Trägerinnen des Kindergartens sind Barmherzige Schwestern vom Heiligen Karl Borromäus, die den Kindergarten aufgebaut und bis vor neun Jahren auch geleitet haben; sie leben nun in ihrem Konvent auf dem Gelände, in Sichtweite zum Kindergarten.
Begonnen hat das Abenteuer im November 2010; und ein Abenteuer war die Umgestaltung schon: Nutzer, Künstler, Architekten, Ausführende, Erhalter – all diese „Player”, wie Trimmel sie nennt, musste man auf einen Nenner bringen. „Und jeder hat ja seine berechtigten Anliegen”, erklärt Annemarie Baumgarten, die als Künstlerin hinzugezogen wurde. Da waren das Kindergartenteam, das einen funktionalen, praktischen Eingang wollte; schön und kindgerecht sollte er sein. Den Schwestern lag daran, dass das charakteristisch Christliche des Hauses erhalten blieb. Der Architekt mit seinen Mitarbeitern wollte etwas Modernes und Vorzeigbares. Und die Verwaltung des Hauses schließlich hatte eine Kostenobergrenze fest im Blick.
Schnell stellte sich heraus, dass es da viel und intensives Zuhören brauchte. „Als es im März an die Umsetzung ging, mussten wir uns entscheiden zwischen einer reinen Glasvariante und einer Holzvariante”, erinnert sich Alexandra Kondor. Die Tendenz ging schnell zum Glas. „Das war aber auch die teurere”, erklärt sie. Braucht es das, und wer putzt es dann? Diese und andere Fragen tauchten auf.
Ilse Fehr arbeitet als Kindergartenpädagogin im Haus. Sie erinnert sich noch gut an die Anfänge des Prozesses, in den die Leiterin alle einbezogen hat:
„Ich dachte immer, Holz hätte doch viel besser hierher gepasst.
Als die Entscheidung in eine ganz andere Richtung ging, spürte ich, dass ich mich innerlich auf dieses Spiel einlassen muss.” Vom Ergebnis ist sie nun aber begeistert: „Wie das Licht durchs Glas fällt! Man ist selbst vom Licht umfangen und das Glas leuchtet in immer neuen Farbspielen. Wenn man von innen hinausgeht, sieht man sogar die Natur noch mal anders; sie leuchtet. Das hätte besser nicht sein können!”
Für die Farbauswahl waren alle zusammen in ein Glasstudio gegangen. Auch eine der Schwestern war mit dabei; die unterschiedlichen Vorstellungen trafen sich nicht. Deshalb schlug Alexandra Kondor ein weiteres Treffen vor, bei dem Annemarie Baumgarten ihre Idee nochmals erklären konnte. „Bis zu dem Zeitpunkt war nicht klar, ob sich die Schwestern für den Entwurf entscheiden, weil alles schon so weit fortgeschritten war, oder ob sie sich doch mit dem Konzept anfreunden konnten”, erklärt die Künstlerin, die schon einige Projekte in Glas realisiert hatte. Deshalb wollte sie „ganz losgelöst sein, damit sie sich frei entscheiden können. Gleichzeitig musste ich sie auf das aufmerksam machen, was passieren kann, wenn wir uns auf eine billigere Lösung einlassen.” Alexandra Kondor ergänzt sofort: „Und genau das war entscheidend: dass alle noch einmal frei waren, ihre Bedenken aussprechen konnten und angehört wurden.” Die Schwestern verstanden dabei, dass es wichtig war, die schönste
Lösung zu wählen, weil man auch damit etwas transportieren kann von dem, was im Kindergarten vermittelt wird.
Annemarie Baumgarten hatte die Spannung gespürt: zwischen dem Wunsch der Schwestern, auch mit der Neugestaltung einen christlichen Kindergarten zu bezeugen, und der Chance, ein Signal nach draußen zu setzen und auch die anzusprechen, die nicht religiös orientiert sind. Beides wollte sie verbinden. Das Team der Pädagoginnen wünschte sich darüber hinaus freie Flächen, welche die Kinder gestalten konnten.
„Was sich täglich wiederholt”, erklärt die Künstlerin, „ist Tag und Nacht, Licht und Dunkel.
Das ist für Kinder einfach zu verstehen und gleichzeitig stecken tiefe Wahrheiten darin: die Schöpfung; Leben entsteht durch Licht; aber auch die Nacht ist da, auch sie hat ihre Bedeutung fürs Leben.” Ein weiteres Element, das sich aus dem Motiv der Schöpfung ergab, war „oben und unten” und damit Tiere, die fliegen und kriechen. Und Baumgarten fährt fort: „Gestalterisch sollte es schlicht sein, so dass auch Kinder daran andocken konnten. Aber es sollte natürlich auch meinen künstlerischen Ansprächen genügen.” Ihr kam deshalb die Idee, in Anlehnung an Paul Klee, der vom künstlerischen Denken spricht, mit Strichen, Punkten und einigen Farben zu arbeiten. Ein Igel und Vögel, Bäume, Sonne und Mond sind nun auf den Glasflächen des Eingangs zu sehen. Orangegelbe Farben stehen für das Sonnenlicht, blauviolette charakterisieren die Nachtmotive.
Das gegenseitige Hinhören brauchte Zeit, damit sich die Dinge setzen und klären konnten. Zeit war aber auch der begrenzende Faktor. „Wir mussten den Umbau unbedingt im Juli und August über die Bühne bringen”, erklärt die Kindergartenleiterin. „Denn Ende August kommen die neuen Kindergartenkinder und da musste alles schon wieder in geregelten Bahnen laufen.” In der Umbauphase mussten die Kinder mit ihren Eltern nämlich einen provisorischen Eingang auf der Rückseite des Gebäudes hinnehmen. Trotz einiger Engpässe und Hindernisse, wie sie beim Bauen vorkommen können, hat dann alles geklappt. Das vor allem deshalb, weil das Team auch, die beteiligten Firmen und Handwerker einbezogen hat. So erzählen sie von einem Schlosser, der die tragenden Strukturen machen sollte. Zunächst war er mehr als skeptisch, wie man das umsetzen könnte.
Erst als er spürte, dass die Künstlerin sich wirklich bemühte, eine Lösung zu finden, die auch er als machbar empfand, und „da nicht einfach nur Ideen einer Künstlerin ein Rolle spielen”, kippte seine Skepsis: „Das wird wirklich schön!”
Auch Cornelia Klien arbeitet in Trimmels Büro. Zusammen mit Bauleiter Lukas Stuiber hat sie viel in dieses erste Projekt, das sie von Anfang an mitbetreute, investiert. „Was mich am meisten beeindruckt hat, ist wohl das Ringen mit Hürden, Zweifel und Skepsis im Laufe der Umsetzung. Und gleichzeitig die große Motivation”, erklärt die Jungarchitektin, „das, was uns faszinierte, so umzusetzen, dass andere teilhaben können an den Geschichten, die der Raum erzählen kann. Die Licht- und Farbeindrücke, die wir uns in der Theorie vorgestellt hatten, sind aufgrund des Facettenreichtums, den farbigen Schatten und Reflexen bei weitem übertroffen worden.
Es entstand ein Raum, den man erleben kann, der sich verändert, einen empfängt und verabschiedet.”
Ganz offensichtlich haben das auch die Kinder erlebt. Ein Junge beispielsweise hat seiner Mutter, die aufgrund einer Krankheit nur noch mit Mühe gehen kann, in den ersten Tagen so begeistert von seinem „ganz neuen Kindergarten” erzählt, dass die sich sofort auf den Weg machte und selbst alles sehen wollte.
Die Kinder entdecken immer wieder Neues. Nicht zuletzt deshalb, weil das Kindergartenteam nach Abschluss der Umgestaltung zusammen mit Annemarie Baumgarten einen zweitägigen Workshop mit ihnen gemacht hat. Im ersten Teil ging es darum, Farben und Formen und das, was sie aussagen, zu entdecken – „mehr der Theorieteil”, erklärt Baumgarten. Am zweiten Tag durften die Kinder dann selbst ran: In verschiedenen Gruppen konnten sie die Techniken ausprobieren und Bilder gestalten, die jetzt im Treppenhaus hängen, oder die freien Fensterflächen im Eingang schmücken. „Es ist enorm, was da herauskam”, staunen die Pädagoginnen, denen die neue Gestaltung offensichtlich fast so viel Freude macht wie den Kindern.
Dass es stimmig ist für alle, die mit dem Haus zu tun haben, so lautete eine Maxime des Umbauteams. Die gegenseitige Achtsamkeit und die Bereitschaft zurückzustecken hat daraus, wie Architekt Trimmel es wohl für alle auf den Punkt bringt, ein Projekt gemacht, „wie man es selten findet.”
Gabi Ballweg
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2012)
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