23. Juni 2012

Miteinander für Europa – Videobotschaft von Herman Van Rompuy, Präsident des Europarats

Von nst_xy

Liebe Freunde von Miteinander für Europa, liebe christliche Bewegungen und Gemeinschaften,

ich möchte Ihnen am Ende dieser Begegnung eine Botschaft weitergeben, die zwar kurz, aber – so meine ich – deshalb nicht weniger wichtig ist.

Es ist die Botschaft der Alterität, der Verschiedenheit, und dabei denke ich auch an unser schönes europäisches Motto: „Einheit in der Verschiedenheit.“ Es geht auch um die Solidarität, die Geschwisterlichkeit, die Tag für Tag unter den Europäern aufgebaut und verstärkt werden muss. Doch diese Botschaft möchte, wie gesagt, den Akzent auf die Alterität legen, auf den anderen, auf die Menschen, die wir „unsere Nächsten“ nennen.

Was wäre denn eine europäische Gesellschaft, ein europäisches Haus, wenn es als Fundament nicht den „anderen“ hätte?

Der andere macht den Bau erst möglich, denn dieser basiert ja auf den Rechten und Pflichten der Bürgerinnen und Bürger – eines jeden von ihnen, ohne jede Diskriminierung – und auf der Achtung und Integrität der Person.

Ganz bewusst sage ich „Person”. Denn im Gegensatz zum Individuum, das sich in der Abgrenzung zu dem gestaltet, was es nicht ist, ist die Person zutiefst und grundlegend ein Beziehungswesen, ein Wesen in Beziehung, ein solidarisches Wesen.

Der deutsche Philosoph FICHTE sagt ja: „Der Mensch ist nur Mensch unter den Menschen. Die Liebe zum Nächsten ist unser innerstes Schicksal.“

Von dieser Philosophie der Beziehung, der Begegnung her möchte ich das Schicksal Europas betrachten. Und ich weiß, dass auch Sie, ganz gleich, welcher christlichen Konfession Sie angehören, sensibel sind für die Philosophie der Begegnung. Für diese Philosophie des anderen, die mit Martin Buber sagt: „Wenn uns auf einem Weg ein anderer Mensch begegnet, der auf uns zukommt, kennen wir nur unseren Teil des Weges. Den seinen lernen wir nur kennen, wenn wir uns begegnen.“

Europa ist nicht nur das Europa der Bürgerinnen und Bürger, es ist das Europa der Menschen, der Männer und Frauen. Auf diesen Wert ist es gegründet. Europa ist ein Projekt, aber auch die Summe von Begegnungen.

Eine Einheit in der Verschiedenheit also und durch die Alterität.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2012)
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