Miteinander für Europa – Unterwegs zu einer „Kultur der Gemeinschaft“
Christliche Bewegungen und Gemeinschaften haben am 12. Mai für eine neue Kultur der Solidarität in Europa mobil gemacht. In über 140 Städten erteilten sie der Europa-Verdrossenheit eine Absage und präsentierten ihr Miteinander als Beispiel für eine Gemeinschaft, die Vielfalt als Reichtum erachtet: allen voran in Brüssel.
Die Stimmung in der Brüsseler Gold Hall passte nicht zum Bild, das das politische Europa gerade vermittelt: Das Bild eines alten Kontinents, der sich nach außen abschirmt, um seine Interessen zu wahren, deren innerer Zusammenhalt aber verloren zu gehen droht. Diese Krise hatten die tausend Teilnehmer der zentralen Veranstaltung der Initiative „Miteinander für Europa“ durchaus vor Augen. Und dennoch waren die Vertreter unterschiedlicher geistlicher Gemeinschaften, Konfessionen und Länder in Feierlaune, froh und hoffnungsvoll.
Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio und italienischer Minister für Internationale Zusammenarbeit und Integration, sah die Einsamkeit vieler Europäer als Wurzel der Krise: „Eine gänzlich individualistische Lebensauffassung kann auch Momente des Glücks und der Befriedigung bringen, doch das Fehlen des Gemeinschaftsgefühls schafft ein Klima des Pessimismus.“
Die europäischen Länder drohten in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, wenn sie versuchen, die weltweiten Herausforderungen allein zu bewältigen. „Dann werden sich unsere Werte im Strom der Globalisierung verlieren,“ befürchtete Riccardi, „was einen Verlust an Freiheit und Humanismus für den Planeten bedeutet.“
Das größte Elend Europas sei der Mangel an Hoffnung. Die Christen, die geistlichen Bewegungen, seien das Volk der Einheit und der Hoffnung, das sich der Untergangsstimmung mit ihrem „Rette sich, wer kann!“ nicht anschließen könne, sagte Riccardi. „Auch in einer nicht religiösen Einheit findet sich immer unser Geist“, zitierte er Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung und Mitinitiatorin des „Miteinander für Europa“. „In der Einheit ist ein christlicher Geist enthalten, der sehr menschlich ist.“ Um etwas zu verändern, rief Riccardi seine Zuhörer auf, Männer und Frauen der Einheit zu sein, aus der Hoffnung zu leben und sie anderen weiterzugeben, ein Klima der Sympathie und der Solidarität zu fördern, das Zusammengehörigkeitsgefühl wiederzuentdecken und das soziale Netz neu zu knüpfen. „Auf diese Weise kann die Kultur der gelebten, wohlbedachten und weitergeschenkten Einheit unserem Europa, unserem Zusammenleben wieder eine Seele geben.“
Das Miteinander der mittlerweile rund dreihundert christlichen Gemeinschaften entstand nicht am grünen Tisch. Alles, was sie zusammen unternehmen, sei Frucht von Beziehung, Übereinkunft und dem Wunsch, gemeinsame Ziele zu erreichen. Daran erinnerte Maria Voce, aktuelle Präsidentin der Fokolar-Bewegung, in ihrer Ansprache. Sie skizzierte den Weg, auf dem die unterschiedlichen Bewegungen immer mehr zusammenwuchsen und ein Bündnis christlicher Liebe schlossen: „Diese tiefe, frohe Einheit in der Vielfalt, die wir unter uns erfuhren, weckte in vielen einen Wunsch nach Einheit auf unserem Kontinent: Europa als gemeinsames Haus der europäischen Völker und Minderheiten.“
Bei allem Bedürfnis, die eigene Identität zur Geltung zu bringen und die eigene Kultur zu retten, erfahre man heute mehr denn je die gegenseitige Abhängigkeit voneinander. Um persönlich, als Gruppe und Nation vom Individualismus wegzukommen, empfahl Voce, auf den anderen zuzugehen. „Es gilt, die Beziehung mit jedem Menschen, der uns begegnet, vom Evangelium her zu intensivieren und persönlich wie gemeinsam zum Wohl, zur Gesundung jenes Teils der Menschheit beizutragen, zu dem wir gehören.“
Maria Voce erläuterte, dass sich die Mitglieder der geistlichen Gemeinschaften für das Gemeinwohl einsetzen, indem sie die christliche Liebe leben und bereit sind, dafür Opfer zu bringen. Sie brächten ihre beruflichen, familiären und kulturellen Kompetenzen ein und böten Lösungsvorschläge für die Herausforderungen unserer Zeit. Die Initiative „Miteinander für Europa“ verwirkliche bereits im Kleinen eine „Kultur der Gemeinschaft“. Diese Kultur werde immer notwendiger und bereite den Boden, „damit Einzelne und Völker offen aufeinander zugehen, einander kennen lernen und sich versöhnen können; damit sie lernen, einander zu achten und gegenseitig zu unterstützen.“
Beispiele wurden vorgestellt, wie diese Vision für Europa vor Ort schon in die Tat umgesetzt wird: In Slowenien arbeiteten geistliche Gemeinschaften zwei Jahre lang mit Verbänden zusammen, um ein Referendum gegen ein neues Gesetz zu erwirken. Damit waren sie nicht einverstanden, weil es die Familie im Widerspruch zur christlichen Ethik definierte. Sie sammelten Unterschriften und organisierten Kundgebungen, bis das Verfassungsgericht das Referendum zuließ: Ende März erreichte es mit 55 Prozent der Stimmen eine Aufhebung des Gesetzes.
Auch Jugendliche erzählten, wie sie sich für ein menschlicheres Europa einsetzen. Wie sie zum Beispiel mit der Aktion „Run4Unity“ Zeugnis davon geben, dass nur die Liebe eine Zukunft in Frieden und Geschwisterlichkeit schaffen kann. Lisa berichtete von den „Socialdays“ in Österreich: In mehreren Städten überwinden Jugendliche ihre Vorurteile und setzen sich für Menschen ein, die die Gesellschaft an den Rand drängt: Sie besuchen Obdachlose, Asylanten, Senioren und Behinderte und verbringen gemeinsam mit ihnen ihre Freizeit.
Nicola ist zusammen mit anderen jungen Leuten in Sizilien in Flüchtlingscamps gegangen. Dort luden sie die muslimischen und christlichen Jugendlichen zu einem dreitägigen Treffen über Sport und Umweltschutz ein. Dabei lernten sie die Entbehrungen und das Leid, das die Flüchtlinge durchmachen, hautnah kennen. „So konnten wir uns darin üben, Raum zu schaffen für Leute aus anderen Ländern und im Kleinen eine multikulturelle Gesellschaft aufbauen.“
Zwischen den Redebeiträgen lockerte Judy Bailey mit ihrer Band das dreistündige Programm in Brüssel auf. Mit Songs wie Get up – „Steh auf“ oder Time for change – „Zeit für Veränderung“ brachte sie Bewegung in den Saal. Auch Vertreter der Kirchen, aus Politik und Gesellschaft waren zum dritten internationalen Event des Netzwerks „Miteinander für Europa“ in die belgische Hauptstadt gekommen. Darunter Jacques Barrot, Mitglied des französischen Verfassungsrates, der belgische Staatsminister Mark Eyskens und John Dalli aus Malta, Europäischer Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz.
Romano Prodi, ehemals Präsident der EU-Kommission und italienischer Ministerpräsident, bemerkte, es gebe durchaus Möglichkeiten, um Europa zu retten, es fehle aber der Wille, eine größere politische Einheit zu erreichen. Mit Blick auf die internationalen Finanzspekulationen sagte Prodi: „Um unsere nationale Souveränität zu bewahren, müssen wir sie paradoxerweise verlieren und mit den anderen europäischen Staaten teilen. Nur gemeinsam werden wir stark.“
Thomas Römer, geistlicher Leiter beim CVJM München, verdeutlichte das Fundament des Miteinanders der Gemeinschaften: Sie orientierten sich an Jesus Christus. „Er hat keinen nach seiner Herkunft oder Abstammung beurteilt. Auch Menschen, die schuldig geworden sind, hat er nicht abgeschrieben.“ Weil Jesus Vergebung und Versöhnung brachte, fänden Christen in ihm Freiheit. Er habe sich um die Schwachen, Armen, Kranken und Kinder gekümmert: „Wir wollen, dass Barmherzigkeit unsere Kultur und unser Zusammenleben bestimmt, auch die europäische Politik und Wirtschaft. Dann dreht sich die Gesellschaft nicht um das Geld, sondern hat den Mitmenschen im Blick.“
Jesus habe mit seinen Taten eine konkrete Liebe gelebt, die mehr als ein Gefühl ist, betonte Römer. Diese Liebe habe mit der Auferstehung sogar den Tod überwunden. „Die Kultur des Lebens soll uns bestimmen; Freiheit, Barmherzigkeit und Liebe unser Leben in Europa prägen.“
Den Blick von Brüssel auf Europa weiteten zwölf Foto-Präsentationen aus verschiedenen Städten von Belfast bis Lissabon, Stockholm bis Tirana. Denn zeitgleich hatten sich in 144 Städten Mitglieder verschiedener Bewegungen und Gemeinschaften zusammengetan, um vor Ort mit verschiedenartigsten Aktionen ihre Verbundenheit und ihr Engagement zu demonstrieren.
In Brüssel fassten die Verantwortlichen der Bewegungen und Gemeinschaften ihre Zukunftsvision und ihre Leidenschaft für Europa in einem abschließenden Manifest zusammen
„Hätte mein Kontinent Amerika eine derartige Einheit erlebt,“ so die Reaktion von Lydia Madero, Vertreterin Mexikos beim Europarat, „wären die Beziehungen zwischen den USA und meinem Land anders und nicht nur vom Handel – auch dem illegalen von Waffen und Drogen – geprägt.“
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2012)
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