Öffne deine Tür
Lebendige Adventskalender
Er zieht sich durch den Ort, ist begehbar und lässt Menschen einander begegnen, die sich vorher fremd waren: Lebendige Adventskalender sind voller Überraschungen, eine originelle Möglichkeit, sich auf Weihnachten vorzubreiten, und eher nichts für Leute, die sich gern allein hinter dem Ofen verkriechen.
Jeden Tag im Dezember öffnet jemand anderes seine Tür, gekennzeichnet durch die jeweilige Zahl von 1 bis 24 und zumeist schmuckvoll gestaltet. Gastgeber können Privatpersonen sein, die ihr Wohnzimmer öffnen, Kindertagesstätten, Seniorenheime, Vereinshäuser, Theater oder Pfarreien, auch Firmen können miteinbezogen werden.
In Görlitz, wo es von 2002 bis 2011 einen lebendigen Adventskalender gab, eröffnete jeweils ein „Lichtel“ (Wichtel mit einem Licht) mit einem Spruch den Abend – ein Mädchen oder Junge mit Umhang, roter Zipfelmütze und einer Laterne: „Kommt nur herbei, ihr lieben Leut, macht Augen auf und Ohren. Zu führen in die Weihnachtszeit, hat man mich auserkoren. Als Lichtel zeig ich euch den Weg zu 24 Pforten: Dann öffne ich für euch die Tür an 24 Orten.“
Was sich hinter den Türen verbirgt? Ein kleiner Chor, der Adventslieder singt und die Gäste mit einbezieht; eine Musikgruppe; ein Handwerker, der Krippenfiguren schnitzt; eine Familie, die zum Plätzchen backen einlädt; ein Großvater, der passende Geschichten vorliest; Ministranten, die eine Heiligengeschichte darstellen; eine Kindergartengruppe, mit der die Gäste Sterne basteln oder Kerzen gießen können; am 24. ist der Treffpunkt häufig in einer Kirche: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Diese Art von Kalender schafft neue Bekanntschaften und ist eine Bereicherung, die weit über die Adventszeit hinausreicht. Die Görlitzer hatten sogar das zu Fuß erreichbare polnische Zgorzelec einbezogen. Die Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung machte mit und gab täglich Tipps, wo das nächste Türchen wohl zu suchen sei. Nicht nur für Kinder eine aufregende Sache: „Ich dachte, ich kenne meine Stadt, hab aber ein ganz neues Gesicht entdeckt“, äußerten erwachsene Teilnehmer, oder: „Das Spannende ist, dass man vorher nicht weiß, was einen hinter dem Türchen erwartet.“
Mehr kommerziellen Charakter mit dem Ziel, das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln, haben Veranstaltungen, wenn sie von Werbevereinen organisiert sind. Ansonsten ist auch der Begriff „Begehbarer Adventskalender“ geläufig; in der Schweiz hat sich der Name „Adventskalender im Quartier“ etabliert.
Ideen, wie man in seiner Gemeinde, seinem Ort oder Wohnviertel so eine Initiative ins Leben rufen und wie man sein „Türchen“ gestalten und mit Inhalt füllen kann, sind auf www.lebendiger-adventskalender.de zu finden.
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2012)
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