10. Juni 2013

Eine Tasse trinken, zwei zahlen

Von nst1

Von Neapel aus verbreitet sich die Idee, in Bars für den „Nächsten“ anonym eine Tasse Kaffee zu spendieren.

Wer Neapel hört, denkt eher an Mafia und Müllberge, an Verkehrschaos und Vetternwirtschaft als an Altruismus. Dabei hat dort die Solidarität mit ärmeren Mitmenschen eine gewisse Tradition. Zumindest auf das Tässchen „Caffè“, den Espresso, soll niemand verzichten müssen: Wer einen erfolgreichen Tag hinter sich hat, einen Grund zum Feiern oder ohnehin nicht jede Münze umdrehen muss, trinkt seinen „Caffè“ in der Bar, zahlt aber zwei. Der zweite bleibt für jemanden reserviert, der sich sonst keinen leisten könnte: Obdachlose, Arbeitslose, sozial Bedürftige, heutzutage auch „Extracomunitari“, also Migranten aus außereuropäischen Ländern, können nach einem „Caffè sospeso“ fragen, der für sie anonym spendiert und sozusagen „aufgehoben, bereit gestellt“ wurde.

Überraschend, dass ausgerechnet jetzt in Zeiten großer Arbeitslosigkeit und sozialer Not dieser Brauch in Italien eine neue Renaissance erlebt. Eine Initiative von sieben Kultur- und Filmfestivals hat ihn aufgegriffen und auf das Kulturschaffen übertragen: Mit der gleichen Solidarität, die hinter den spendierten Kaffees steckt, unterstützen sie Dokumentarfilm-, Theater-, Literatur- und Musik-Projekte, um ihnen größere Chancen zu geben. Denn viele kulturelle Ausdrucksformen leiden darunter, dass die Fördermittel gestrichen werden. Auf der Internetseite dieser Initiative sind italienweit über fünfzig Bars und Lokale aufgelistet, in denen man einen Kaffee spendieren beziehungsweise kostenlos genießen kann. 1) Rund dreißig Cafés im norditalienischen Cuneo haben das Konzept leicht abgewandelt: Dort können Kunden den entsprechenden Betrag in eine Spendendose werfen. So sind schon über 3.700 Euro für ein soziales Projekt zusammen gekommen.

Viele Kaffeehäuser begrüßen die Zielgruppe für „aufgehobene“ Kaffees nur ungern als ihre Gäste. Sie sind besorgt, dass sich deren Besuch abschreckend auf das übliche Publikum auswirkt. Skeptiker befürchten, die auf Vertrauen basierende Spende werde ausgenutzt – schließlich könnten die Wirte nicht kontrollieren, ob die Kunden tatsächlich bedürftig sind. Den Bedenken zum Trotz zieht die Idee über Italien hinaus Kreise, nicht zuletzt dank Facebook und anderer sozialer Medien: In Wien kann man im Kulturcafé Tachles einen „Caffè sospeso“ bekommen; in Bulgarien, einem der ärmsten Länder der EU, sollen bereits 150 Cafés plus weitere Bäckereien den neapolitanischen Brauch eingeführt haben; in Großbritannien will die „Starbucks“-Kette nachziehen; sogar in Australien sollen die Gratis-Kaffees Einzug halten. – Nutze eins, zahle zwei: Wenn das Prinzip vielerorts mit Kaffee funktioniert, kann es dann nicht genauso gut mit anderen Gütern klappen?
Clemens Behr

1) www.retedelcaffesospeso.com

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2013)
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