Jetzt ist Sommer!
„Bald ist Sommer!“ Diesen Satz habe ich in den letzten Wochen oft gehört und vielleicht fast ebenso oft selbst gedacht oder laut gesagt. Dabei bezog er sich keineswegs nur auf das Wetter. Sicher, die ersten Sonnenstrahlen nach den Regenwochen hatten etwas ganz Besonderes. Aber meist war das einfache „Bald ist Sommer!“ voller Erwartungen, Wünsche und Sehnsüchte: ausruhen, ein gemütlicher Stadtbummel, rumtrödeln, Zeit für Freunde und die vielen beiseite gelegten Bücher, raus aus dem Alltagstrott, …
Eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir das so bunt ausgemalt, dass ich innerlich schon fast beim Kofferpacken war. Und wenn daraus nichts wird?, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Das war ein echter Aufrüttler. Auch wenn ich es schon lange weiß und immer wieder neu probiere: Ich habe nur das Hier und Jetzt! Natürlich ist es schön, sich auf etwas zu freuen, aber wenn es mir den Blick trübt, auf das, was ansteht, ist etwas aus dem Ruder gelaufen. An jenem Morgen habe ich mir einen Rettungsanker gesucht; und er kam mir – auch wenn ich nicht gerade musikalisch bin – aus einem Lied: „Hier bin ich!“, summte ich plötzlich vor mich hin.
Dieses „Hier bin ich!“ galt an diesem Tag vor allem dem Schreibtisch, den Artikeln und den Mails. Nach und nach entdeckte ich, dass es auch auf viele andere Situationen passte: beim Telefonanruf, der die Pläne eines ganzen Tages über den Haufen warf; als die Dame in der Werkstatt ungeduldig war und mich anfauchte, als ich den Abholschein nicht zur Hand hatte; wenn mich jemand um einen Rat fragte, meine Unterstützung brauchte. Dieses „Hier bin ich!“ bewirkte, dass ich mich einer Situation, einem Menschen, einer Fragestellung oder einem Anliegen bewusst öffnete und zuwendete – auch wenn es mir nicht so gelegen kam. Und dass ich vieles bewusster erlebte: selbst die Gesänge der Vögel und die Farben der Blumen.
Vielleicht weil ich selbst in dieser Haltung war, habe ich sie auch in anderen mehr als sonst wahrgenommen: überwältigend in den zahllosen Menschen, die in den Hochwasserregionen tatkräftig anpackten. „Ich hatte frei; was soll ich zuhause rum sitzen?“, sagte ein junger Mann in einer Nachrichtensendung – und ich hörte das ungesagte „Hier bin ich!“ Oder als Barbara Wulf sich auf einen Anruf hin sofort zu einem Einblick in ihr Leben bereit erklärte; ihr „Ja, wann?“ klang ganz eindeutig wie „Hier bin ich!“ Die 200 000 Menschen aus geistlichen Gemeinschaften, die an Pfingsten auf Einladung von Papst Franziskus nach Rom gekommen waren, sagten es durch ihr buntes Da-Sein .
Und jetzt? Jetzt ist Sommer! Gepackt habe ich noch nicht, aber vorbereitet fühle ich mich: Dieses „Hier bin ich!“ möchte ich keinesfalls missen. Nach den Erfahrungen der letzten Tage bin ich sicher, dass es mir auch die Ferienzeit zu etwas Besonderem machen kann, helfen kann, die inneren und äußeren Antennen auszufahren und – überraschende Momente zu erleben.
Auch Ihnen in diesem Sinn einen erholsamen und erfüllten Sommer!
Ihre
Gabi Ballweg
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2013)
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