21. Oktober 2013

Ich bin, weil wir sind.

Von nst1

Für Afrikaner ist der Mensch kein Einzelkämpfer. Vielmehr ist er Teil einer Gemeinschaft, aus der er seine Lebenskraft schöpft und zu deren Gelingen er beitragen muss. Das wurde sichtbar auf der zehnten „Schule für Inkulturation“ der Fokolar-Bewegung in Afrika.

Sind wir hier auf der falschen Veranstaltung? Eine „Schule“ stellt man sich anders vor! Dieser Saal bebt zum Tamtam der Trommeln, der Brustkorb vibriert mit. Vielstimmiger Gesang dringt in die Ritzen des Gebäudes und durch die Poren der Haut. Jede und jeder geht mit Singen, Tanzen und Klatschen völlig im Rhythmus dieser spontanen Sinfonie auf. Die bunten Kleider verwandeln die Halle in ein bebendes Mosaik freudiger Farben.
Doch nicht alles ist Tanz und Musik auf der „Schule für Inkulturation“. Der Drang, einander zu begegnen und voneinander zu lernen, hat rund 280 Personen in der Fokolar-Siedlung „Mariapoli Piero“ bei Nairobi in Kenia zusammengebracht. Sie kommen aus fast allen der etwa fünfzig Länder südlich der Sahara, aber auch aus Europa, Lateinamerika, Asien, Ozeanien. Es sind Intellektuelle und Grundschulabgänger, Angestellte, Hausfrauen, Unternehmer, Studenten und Priester. 280 Menschen, die für fast ebenso viele verschiedene Kulturen stehen.
Seit zwanzig Jahren bieten die Fokolare in Afrika alle zwei Jahre Kurse über Inkulturation an. Jedes Mal wird dabei ein Thema aus drei Blickwinkeln betrachtet: aus dem der afrikanischen Kulturen, des Christentums und der Spiritualität der Fokolare. Die hinterher veröffentlichten Beiträge bilden eine beachtliche Textsammlung zum Gottesverständnis; zum Begriff des Heiligen; zu Leiden, Krankheit und Tod; Erziehung; Versöhnung; Eigentum und Arbeit.

Die Schule der Inkulturation 2013 dreht sich darum, wie die afrikanischen Traditionen die menschliche Person verstehen. Einleitend blicken zwei Rednerinnen auf die Geschichte der Kurse zurück, die 88-jährige Bruna Tomasi, Gefährtin der Fokolar-Gründerin Chiara Lubich und langjährige Beauftragte für Afrika, sowie die italienische Theologin Maria Magnolfi. 1992 traf Chiara Lubich den damaligen Pro-Nuntius in Kenia, Clemente Faccani. Beide beschäftigte, wie man das Evangelium in den verschiedenen Kulturen vermitteln kann – die Frage der „Inkulturation“ eben. Die Missionare hätten einen gleichsam „eingefärbten“ Glauben nach Afrika gebracht, sagt Tomasi: gefärbt von der antiken griechisch-römischen Kultur. Doch viele Afrikaner fühlten sich in den großen Kirchen nicht zu Hause und wechselten zu anderen Glaubensgemeinschaften.
Afrikaner nähern sich der Wirklichkeit nicht so sehr mit Logik und Überlegungen, sondern umkreisen sie durch Erzählungen, Lieder und Sprichwörter. In all dem, so der Nuntius, fänden sich jene „Samen des Wortes“, von denen das Zweite Vatikanische Konzil sprach, Elemente also, die im Einklang mit dem Evangelium stehen.

Lubich gewann bei dieser Unterredung die Überzeugung, dass ihre Spiritualität hier etwas beizutragen hat. Weil sie sich eng am Evangelium ausrichtet, sei sie wie „weißes Licht“: Es hat keine Färbung, kann daher alle Kulturen erleuchten und deren „Farbe“ zur Geltung bringen. Die Spiritualität lehre den Menschen, sich „eins zu machen“, also sich die Freuden und Schmerzen des Gegenübers zu eigen zu machen. Das sei eine hervorragende Methode auch für die Inkulturation; man könne sogar von so etwas wie einem „fokolarinischen Stil der Inkulturation“ sprechen.
„Chiara“, fasst Maria Magnolfi zusammen, „lud damals alle Mitglieder der Bewegung in Afrika ein, sich untereinander ‚eins zu machen’, in einen Prozess der gegenseitigen Inkulturation einzutreten, ohne Angst davor, die eigene Identität zu verlieren.“ Sie drängte sie, Geschichten und Sprichwörter aus Afrika, die tiefe Wahrheiten ausdrücken, zu sammeln und zu verbreiten.

Das Ziel: einander besser kennenlernen, um einander mehr lieben zu können.

Remy Beller, französischer Arzt und Anthropologe, hält das Grundsatzreferat: „In einer Kultur ohne religiösen Bezug wird die Person bloß gesehen als Kombination von Biologie, Psychologie und Verstand“. In den afrikanischen Traditionen hingegen sei die geistliche und religiöse Dimension nicht eine Randerscheinung, sondern in die Natur des Menschen selbst eingeprägt.
Danach legen Afrikanerinnen und Afrikaner selbst vor, was sie zu Hause mit anderen erarbeitet haben: Eine Kongolesin erklärt, wie das Wort „Herz“ in ihrer Kultur der treffendste Ausdruck für das Wesen des Menschen ist. Ein Redner aus Benin hebt anhand der Praktiken vom Volk der Idaatcha hervor, dass eine Person in Afrika immer auf die Gemeinschaft bezogen und von ihr abhängig ist. Vertreter der Elfenbeinküste sprechen von der Person im Gefüge des Dorfes.
Aus Burkina Faso wird von Initiationsriten erzählt, die den Menschen gleichsam erst zur Person machen. Kameruner, Nigerianer und Kongolesen sprechen von der Beziehung des Menschen zur spirituellen Welt und zu den Ahnen.

Eine Südafrikanerin beschreibt das Verhältnis des Menschen zu Gott und zur Gemeinschaft bei den Tswana.
Um „Ubuntu“ geht es im Beitrag der Ostafrikaner, ein Modell, mit dem afrikanische Denker ihr Konzept des Menschseins ausdrücken. „Umuntu Ngumuntu Ngabantu“ lautet ein Sprichwort der Zulu in Südafrika: Eine Person ist Person durch die anderen Personen. Sie definiert sich nicht als einzelne, sondern durch ihre Beziehung zu anderen und zur Gemeinschaft. Anders formuliert: „Ich bin, weil wir sind.“
Nicht für alle ist es einfach, den Beiträgen zu folgen. Viele müssen über Kopfhörer die Übersetzung in eine der sechs Konferenzsprachen aufnehmen. Die eine oder der andere nickt gelegentlich weg. „Ich habe vieles nicht mitbekommen“, sagen viele, „aber das macht gar nichts.“ Denn das Interesse der afrikanischen Teilnehmer liegt woanders. „Hier ist das Lernen nicht eindimensional wie bei uns“, sagt Friederike Koller aus Deutschland, die seit drei Jahren in Nigeria lebt: „Hier lernt man durch Beziehung, durch das, was hier und jetzt zwischen dir und mir passiert, was sich gerade im Saal entwickelt.“
Vielleicht ist gerade dies die Art von Inkulturation, die Chiara Lubich vorschwebte: sich vorurteilslos aufeinander einzulassen und das Wertvolle an der Kultur des anderen zur Geltung zu bringen. Wie das im täglichen Leben aussehen kann, zeigt sich nur wenige Tage später. Kaum sind die Rhythmen verklungen, feiern am gleichen Ort rund 400 Vertreter aus dem ganzen Kontinent Geburtstag: 50 Jahre Fokolar-Bewegung in Afrika. Was 1963 im Dschungel des Kamerun begann, hat heute alle Nationen Afrikas erreicht und das Leben vieler Menschen auf dem Kontinent verändert. Eine Frau aus Burundi erzählt zum Beispiel, wie sie dem vergeben hat, der zwölf Mitglieder ihrer Familie umgebracht hat. Ein Ugander legt dar, wie er „Menschen und nicht Tiere ins Zentrum“ seines Tourismusbetriebs stellt. Leute aus dem Kongo stellen ihre Schule „Petite Flamme“ für 2400 Kinder vor, Bewohner der Elfenbeinküste ihre Klinik. Eine Politikerin aus Kenia hat bei einer Wahlkampfveranstaltung ihren politischen Gegner ins Mikrofon sprechen lassen. Diese Beispiele belegen, wie sehr die Botschaft des Evangeliums von Afrikanern verschiedenster Kulturen aufgenommen wird und sie von innen her umwandelt.

Wer sich am Ende der „Schule für Inkulturation“ eine Abhandlung über afrikanische Anthropologie erwartet hat oder gar eine Anleitung für gelingende Inkulturation, bleibt enttäuscht.

Trotzdem hat sich eine gemeinsame Überzeugung herausgeschält: Afrika hat nicht eine Kultur, sondern Tausende verschiedene. Afrika ist nicht perfekt und seine Kulturen sind es auch nicht. Aber es hat der heutigen Welt etwas anzubieten: das Bewusstsein, dass eine Person keine einsame Insel ist. Sie ist Teil eines Gefüges, einer Gemeinschaft, aus der heraus sie gewachsen ist, aus der sie ihre Lebenskraft schöpft und zu deren Gelingen sie mit allen Kräften beitragen muss. Der Mensch ist mehr als nur Körper, Psyche und Verstand; er hängt von Gott ab und lebt auf Gott hin. Auf diese Sichtweisen kann auch das Christentum aufbauen.
„Aber das Christentum muss unsere Kulturen auch korrigieren“, sagen viele Teilnehmer, etwa wenn es um den Wert und die Verantwortung des Einzelnen geht, die Unantastbarkeit der Würde eines jeden, auch des jungen, des schwachen, des fremden, des behinderten Menschen.
Die zehnte Schule für Inkulturation endet mit einer katholischen Messe im römischen Ritus. Der Saal vibriert mit dem Gesang, Tanzen, Klatschen und den Trommeln des Chors aus dem Kongo. Und er verstummt in stiller Rührung beim melodiösen Hymnus des Grüppchens aus Madagaskar. Auf die Frage, wie Inkulturation geht, gibt es keine endgültigen Antworten. Alle Teilnehmer, von der Dozentin bis zum Arbeiter, bleiben Lernende. Doch für sie ist schon der Weg das Ziel: „Wenn du schnell gehen willst, geh allein“, sagt ein afrikanisches Sprichwort, „aber wenn du weit kommen willst, gehe gemeinsam mit anderen.“
Ernst Ulz

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München