Bis zu den Wurzeln
Mit manchen religiösen Gruppen scheint ein ehrlicher Dialog unmöglich. Führt der Austausch sich gegenseitig ausschließender Glaubenswahrheiten nicht unausweichlich zu Uneinigkeit?
Sowohl Menschen, die sich als Atheisten verstehen, als auch Anhänger von Religionen, die wenig mit dem Christentum gemein haben, sind mir wertvolle Freunde geworden. Der Umgang miteinander kann auf unterschiedlichem Niveau stattfinden. Ich denke, man kann eine Beziehung pflegen, ohne in Streit zu geraten, selbst wenn ein Dialog offensichtlich nur schwer zu führen ist. Dann könnte man sich – zumindest anfangs – auf das Hören beschränken und sagen: „Ich würde gern besser verstehen, was oder wie du denkst.“
Wenn der andere später Fragen stellt, reicht es, sich beim Antworten von der Versuchung frei zu machen, um jeden Preis überzeugen zu wollen. Hingegen ist es hilfreich, zu den Wurzeln der eigenen Überzeugung vorzudringen. Denn oft bleibt der so genannte Dialog beim Austausch von Prinzipien stehen. Wenn man jedoch beiderseits bis auf den Grund seiner Überzeugungen vorstößt, kann man entdecken, dass die Unterschiede vielleicht weniger drastisch sind als zunächst angenommen.
Sie könnten einem Gespräch vorausschicken: „Wahrscheinlich werden wir nicht zu einer Übereinstimmung kommen, aber versuchen wir gegenseitig zu verstehen, was uns antreibt.“ Nicht übereinzustimmen, muss nicht unbedingt Zank und Streit bedeuten. Dialog kann jedoch unterschiedliche Tonarten anschlagen und unterschiedliche Qualitäten haben.
Mein Eindruck ist, dass viele Menschen sich vom Christentum abwenden, weil sie wenig Glaubwürdigkeit angetroffen haben. Daher scheint mir wichtig, wenn wir über unsere tiefsten Überzeugungen sprechen, dass sie von unserem Leben gedeckt sind.
Tonino Gandolfo
Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2013)
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