25. November 2013

Wort des Lebens November 2013

Von nst1

Die Glut neu entfachen

Unsere Beziehungen auffrischen, damit sie nicht von der Asche der Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit und Selbstbezogenheit zugedeckt werden – so die Einladung des Wortes in diesem Monat.

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“ (Epheser 4,32)

Dies ist ein ganz praktisches und zugleich grundlegendes Lebensprogramm. Es allein würde genügen, um eine Gesellschaft in Richtung Geschwisterlichkeit und Solidarität umzugestalten. Es stammt aus einem umfassenden Entwurf, der den Christen in Kleinasien vorgestellt wurde. In den dortigen Gemeinden hatte man einen gewissen Frieden zwischen Juden und Heiden erreicht, den beiden Volksgruppen, die eine bis dahin gespaltene Menschheit verkörperten.
Doch die Einheit, die Christus geschenkt hat, muss immer wieder aufgefrischt werden und sich in konkreten Umgangsformen niederschlagen, die sich umfassend an der gegenseitigen Liebe orientieren. Deshalb brauchen auch wir Anregungen, wie wir unsere Beziehungen gestalten sollen: 

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“

Güte bedeutet, den anderen Gutes wollen, sich mit ihnen „einsmachen“, sich ihnen nähern in einer Haltung, in der wir frei sind von uns selbst, von unseren eigenen Anliegen, den vielen vorgefertigten Meinungen, die unseren Blick trüben, damit wir so ihre Lasten auf uns nehmen können, uns ihre Bedürfnisse, Leiden und Freuden zu eigen machen können. In einer solchen Haltung können wir dann „in die anderen eintreten“ und von innen her ihre Mentalität, ihre Kultur, ihre Traditionen verstehen und sie uns gewissermaßen aneignen. Auf diese Weise können wir wirklich verstehen, was die anderen brauchen, und all jene Werte erfassen, die Gott in das Herz eines jeden Menschen hineingelegt hat. Gütig sein bedeutet mit einem Wort: für die Menschen da sein, mit denen wir zu tun haben. 

Barmherzigkeit heißt, die anderen annehmen, wie sie sind, nicht so, wie wir sie gerne hätten: also mit einem anderen Charakter, mit unseren eigenen politischen Vorstellungen, mit unseren religiösen Überzeugungen und ohne all die Fehler und Verhaltensweisen, an denen wir uns ständig stoßen. Nein! Wir sollen unser Herz weit machen und fähig werden, die anderen in ihrer Andersartigkeit anzunehmen, mit all ihren Grenzen und Armseligkeiten. 

Vergebung bedeutet, den anderen immer wieder mit neuen Augen sehen. Auch im schönsten und gelungensten Miteinander – in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit – kommt es hier und da zu Spannungen, Meinungsverschiedenheiten, Zusammenstößen. Man fällt sich ins Wort, geht sich aus dem Weg, ganz zu schweigen von echtem Hass, der sich aufbaut gegenüber jemandem, der anderer Meinung ist als wir. Es ist mühsam und anstrengend, der Schwester, dem Bruder täglich so zu begegnen, als sehe man sie zum ersten Mal, ganz neu, ohne an all die Verletzungen zu denken, die sie mir zugefügt haben, ja sogar mit dem Bemühen, all das mit Liebe zuzudecken und es von ganzem Herzen zu vergessen – wie Gott, der vergibt und vergisst.
Wenn Güte, Barmherzigkeit und Vergebung schließlich nicht nur von einzelnen Personen gelebt werden, sondern gemeinsam, in echter Gegenseitigkeit, dann kommt es zum wahren Frieden und zur Einheit.
Wie man bei einem Kaminfeuer ab und zu in die Glut stoßen muss, damit sie nicht von der Asche zugedeckt wird, so müssen auch wir von Zeit zu Zeit bewusst die gegenseitige Liebe erneuern, unsere Beziehungen auffrischen, damit sie nicht von der Asche der Gleichgültigkeit, der Teilnahmslosigkeit, der Selbstbezogenheit zugedeckt werden. 

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“

Diese Haltungen wollen umgesetzt werden in Taten, in konkrete Handlungen.
Was Liebe ist, hat Jesus uns gezeigt, als er die Kranken geheilt, die Menschenmenge gespeist, die Toten auferweckt und den Jüngern die Füße gewaschen hat. Taten, Taten: Darin zeigt sich die Liebe.
Ich erinnere mich an die Geschichte einer afrikanischen Mutter, deren Tochter, Rosangela, ein Auge verloren hatte. Schuld daran war ein aggressiver Nachbarsjunge, der sie mit einer Rute verletzt hatte und sich auch noch nach dem Unfall über sie lustig machte. Die Eltern des Jungen hatten es nicht für nötig befunden, um Entschuldigung zu bitten. Dieses Schweigen und die Beziehungskälte vonseiten der Nachbarn lagen Rosangelas Mutter schwer auf der Seele. „Sei doch froh“, meinte eines Tages Rosangela, die vergeben hatte. „Immerhin kann ich noch mit dem anderen Auge sehen.“

„Eines Morgens“, so berichtete Rosangelas Mutter, „wurde ich von eben jener Nachbarin gerufen, weil es ihr nicht gut ging. Meine erste Reaktion war: Sieh an! Jetzt braucht sie mich! Unter allen Nachbarn ruft sie ausgerechnet mich, nach all dem, was ihr Sohn uns angetan hat. Doch dann kam mir der Gedanke, dass die Liebe keine Grenzen kennt. Ich lief zu ihrem Haus, wo sie mir gerade noch die Tür öffnen konnte und dann in meinen Armen ohnmächtig wurde. Ich begleitete sie ins Krankenhaus und blieb bei ihr, bis die Ärzte sich um sie kümmern konnten. Eine Woche später wurde sie wieder entlassen und besuchte mich. Ich konnte sie herzlich empfangen, weil es mir gelungen war, ihr zu vergeben. Inzwischen ist die Beziehung unter uns wiederhergestellt, ja sogar ganz neu geworden.“
Auch unser Tagesablauf kann voll sein von konkreten Diensten in Demut und Klugheit, in denen sich unsere Liebe ausdrückt. Und wir werden sehen, wie um uns herum Geschwisterlichkeit und Friede wachsen.
Chiara Lubich

Erstmals veröffentlicht in: Neue Stadt 7+8/2006

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2013)
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