Ich wollte sie nicht abwimmeln.
Erfahrungsberichte
Im Herbst vergangenen Jahres wurde ich als Klassenelternsprecherin gewählt. Ihre Aufgabe ist es, zwischen Schule und Eltern zu vermitteln. Ende des Jahres ist ein Problem aufgetaucht, das nicht nur unsere Klassenstufe betraf. Unter Kindern und Jugendlichen werden zurzeit elektronische Zigaretten geraucht, sogenannte „Shishas to go“. Sie sehen aus wie ein Stift mit runder Kappe und funktionieren wie tragbare Wasserpfeifen. Da sie kein Nikotin enthalten, fallen sie nicht unter das Jugendschutzgesetz und können sogar von Kindern benutzt werden. So sind sie für viele ein erster Einstieg zum Rauchen. Außerdem enthalten diese „Zigaretten“ verschiedene chemische Substanzen, die gesundheitsgefährdend sein können.
Eine besorgte Mutter rief mich als Klassenelternsprecherin an und bat mich, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Eigentlich fühlte ich mich damit überfordert; ich hatte selbst sehr viel zu tun und war unsicher, ob ich auch noch die Kraft hätte, mich für ihr Anliegen einzusetzen, das ja weit über unsere Klassenstufe hinausging. Aber ich wollte die Mutter auch nicht einfach nur abwimmeln.
So überlegte ich, was man tun könnte, und mir kam die Idee, ihr vorzuschlagen, einen Leserbrief an die Zeitung zu schreiben, damit auch andere Eltern informiert würden. Die Mutter meinte aber, dass ich das übernehmen müsste, weil sie dazu nicht in der Lage sei. So setzte ich mich hin und schrieb einen Leserbrief. Außerdem bat ich die Redaktion um einen Artikel, damit dieses Thema einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird. Eine Kopie des Briefes schickte ich an besagte Mutter und an unsere Schulleitung. Die Rektorin antwortete mir sofort, dass sie die Idee des Leserbriefes und eines Artikels gut fände.
Anscheinend sind wir auf eine wichtige Sache gestoßen, denn einige Tage später meldete sich die Zeitung und wollte meine Meinung zu dem Thema wissen; auch die andere Mutter wurde befragt. Wieder zwei Tage später erschien ein sehr guter, halbseitiger Artikel zur „Shisha to go“, in dem die Mutter namentlich genannt wurde.
Ich war froh, dass ich mich eingesetzt hatte, sonst wäre ihr Anliegen untergegangen.
B.G.
Sie hatten schon einen Tisch gefunden.
Ein älteres, krankes Ehepaar aus unserer Verwandtschaft musste einen Wohnzimmertisch ersetzen, da der alte kaputtgegangen war. Die Frau konnte nach mehreren Rückenoperationen jedoch nur noch mit Schmerzen gehen. Deshalb war ich sehr besorgt, als die beiden den Wunsch äußerten, einen günstigen Tisch bei einem großen und weitläufigen Möbelhaus zu kaufen und mich fragten, ob mein Mann und ich sie mit dem Auto dorthin fahren würden.
Ich sagte zwar sofort zu, und wir vereinbarten einen freien Samstag. Aber wie sollte das nur gutgehen? In dem riesengroßen Möbelhaus mit den vielen Menschen und der Frau, die große Schmerzen hatte? Wie sollten wir da die ganzen Strecken bewältigen? Aber ich spürte, dass ich ihr die Sache nicht ausreden konnte. So habe ich Gott alles anvertraut – und darum gebetet, dass alles gut gehen möge.
Am Donnerstag vor dem vereinbarten Termin erhielt ich abends einen Telefonanruf. Der Ehemann erzählte mir ganz begeistert, dass sie schon einen Tisch gefunden hätten, der ihnen sehr gut gefalle. Jemand hatte im Hauseingang einen gebrauchten, aber noch fast neuwertigen Wohnzimmertisch hingestellt mit der Bemerkung: Zum Mitnehmen!!!
Ich war total überrascht und freute mich riesig: Das schien mir wie ein direktes Eingreifen Gottes, noch dazu auf einem Weg, den ich nie für möglich gehalten hätte, wie ein Wunder!
O.F.
Ich hörte den Notarzt kommen.
Ich arbeite im Rettungsdienst. Vor Kurzem wurden wir zu einem Herrn mittleren Alters gerufen, der – in der Badewanne liegend – keinen Puls mehr hatte und am Kopf blutete. Seine Frau war sichtlich aufgelöst und reagierte hysterisch. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und rannte aufgeregt im Haus hin und her. Wir kümmerten uns zunächst um ihren Mann, denn die Lage war sehr ernst. Als meine Kollegen mit der Reanimation beschäftigt waren, kam mir immer neu die Frage, wie ich der Frau dieses Mannes helfen und ihr nahe sein konnte. So fragte ich meinen Vorgesetzten, ob ich mich um sie kümmern könne. Er willigte ein.
So bat ich die unter Schock stehende Frau, mit mir in ihre Küche zu gehen, und begann zu reden. Ich erklärte ihr genau, was wir gemacht haben und wofür das alles gut war. Dann hörte ich den Notarzt kommen und wie die Entscheidung fiel, den Schwerkranken mit in die Klinik zu nehmen. Weil ich nicht von den Kollegen gebraucht wurde, blieb ich bei der Frau und ließ sie wissen, dass die Entscheidung für die Klinik ein echtes Hoffnungszeichen sei, da der Arzt nicht aufgegeben habe.
Dann musste ich in den Rettungswagen. Ich sagte der Frau aber noch, wohin wir ihren Mann bringen würden und ermutigte sie, bald nachzukommen, denn im Krankenhaus würde sie mehr über den weiteren Fortgang der Behandlung erfahren. Durch mein Gespräch mit ihr war sie ruhiger geworden und verstand nun, was für sie die nächsten Schritte sein konnten. Als ich aus dem Haus ging, sagte sie leise zu mir: „Danke!“
M.H.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2014)
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