21. Juli 2014

Bewegend anders

Von nst1

Offener Brief an Angelina Jolie, Filmschauspielerin

Sehr geehrte Angelina Jolie,

Sie sind anders als viele andere weltbekannte Kinogrößen: erstaunlich anders. Wohltuend anders! Zumindest nach dem, was neben den Promi-Nachrichten der Klatschpresse noch so durchdringt. Wer von Ihren Hollywood-Kolleginnen zieht zum Beispiel sechs Kinder auf?

Im Juni haben Sie mit dem britischen Außenminister William Hague in London eine viertägige Konferenz über sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten geleitet: Höhepunkt einer zweijährigen Kampagne, mit der Sie anprangern, dass sexuelle Gewalt zunehmend systematisch als Kriegstaktik eingesetzt wird: Vergewaltigung als Waffe! 1 200 Regierungsvertreter, Anwälte, Aktivisten und Opfer aus 120 Ländern haben diskutiert, wie den Gewaltverbrechen vorgebeugt und den Opfern geholfen werden kann.

Besonders heftig ist, dass die Verantwortlichen – obwohl die Frauen ihr Leben lang unter den Gewalttaten leiden – nur in wenigen Fällen zur Rechenschaft gezogen werden! Damit Täter und Hintermänner künftig nicht mehr straflos davonkommen, haben Sie in London Richtlinien vorgelegt, wie sexuelle Gewalt in Konfliktregionen besser erkannt, erfasst und verfolgt werden kann. Dass Sie sich so intensiv mit diesem unliebsamen Thema auseinandersetzen und den Opfern Ihre prominente Stimme geben, finde ich bemerkenswert!

VIPs schmücken sich gern mit der Schirmherrschaft eines humanitären Projekts. Sie lassen sich in Flüchtlingscamps oder mit Waisenkindern fotografieren und polieren damit ihr Image auf oder beruhigen ihr Gewissen. Ihr Einsatz hingegen ist weder Selbstbeweihräucherung noch Eintagsfliege.

Während der Dreharbeiten im Jahr 2000 für den Film „Tomb Raider“ kamen Sie mit dem Elend in verminten Regionen Kambodschas in Berührung. Sie wollten die Zusammenhänge kennenlernen, wandten sich an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und wurden 2001 dessen Sonderbotschafterin. Für das Hilfswerk haben Sie zahllose Krisengebiete und Flüchtlingscamps besucht. Mit Ihrem Mann unterstützen Sie SOS-Kinderdörfer, schießen Hilfsorganisationen große Spenden zu. Sie versuchen Politiker zu bewegen, die Entwicklungshilfe für Kinder zu verbessern. Sie helfen, den Bedarf an caritativer Hilfe in die Medien zu bringen. 2006 haben Sie die Jolie-Pitt Foundation gegründet, eine Stiftung, die Dorfbewohnern in Kambodscha den Zugang zu Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und Bildung erleichtert. Sie haben Frauen getroffen, die im Bosnienkrieg und im Ostkongo von Soldaten vergewaltigt wurden. Auch der Film „Liebe in Zeiten des Krieges“, Ihr Regiedebüt 2011, befasst sich mit dem Schicksal der in Bosnien vergewaltigten Frauen.

Die Dauer, die Vielseitigkeit, die öffentliche Aufmerksamkeit, die Sie humanitären Themen verschaffen, und nicht zuletzt Ihr privates Leben – Sie haben drei Waisenkinder aus Kambodscha, Äthiopien und Vietnam adoptiert – machen Ihr Engagement so überzeugend. Wir wünschen Ihnen, dass Sie damit vieles zum Wohl von Flüchtlingen und Vergewaltigungsopfern bewegen und künftiges Leid mindern! Und wir wünschen Ihnen die Kraft, diese „Andersartigkeit“ unter den Leinwandstars weiter zu pflegen.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT

Unser offener Brief wendet sich an Angelina Jolie, 39, US-amerikanische Filmschauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. International bekannt ist sie seit dem Film „Tomb Raider“ (2001), in dem sie Lara Croft, Heldin aus einem Videospiel, verkörperte. Nach zwei Ehen ist sie mit Filmschauspieler Brad Pitt liiert. Die beiden haben drei adoptierte und drei leibliche Kinder. Jolie unterstützt in vielen Teilen der Erde humanitäre Projekte und ist Sondergesandte des UN-Flüchtlingshochkommissars.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2014)
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