Regisseur der Vielfalt
Steven Soderbergh hat in 25 Jahren fast 30 Kinofilme gemacht.
Eine unerschrockene Frau aus einfachen Verhältnissen erfährt durch Zufall von den Machenschaften eines korrupten Konzerns in Kalifornien. Die Bewohner einer Kleinstadt werden von schweren Krankheiten heimgesucht und Erin Brockowich enthüllt nach und nach einen gigantischen Umweltskandal, der die verantwortliche Firma zur bis dahin höchsten Schadenersatzzahlung der Geschichte zwang. Diese wahre Begebenheit hat der US-Amerikaner Steven Soderbergh im Jahr 2000 verfilmt und mich damit in seinen Bann gezogen: Ich wollte unbedingt seine weiteren Filme kennenlernen. Inzwischen habe ich fast alle seiner beinahe 30 Kinofilme gesehen. Nicht jeder hat die Qualität von „Erin Brockowich“, doch eines fasziniert am Gesamtwerk Soderberghs: die unglaubliche Bandbreite der Themen und Genres.
Bereits mit seinem ersten großen Film „Sex, Lügen und Video“ gewann er 1989 die Goldene Palme von Cannes. Die Dreiecksgeschichte zeichnet sich durch kluge Dialoge und eine damals innovative Kameraführung aus. Gleich danach folgte „Kafka“ (1991), ein experimentelles Biopic in Schwarz-Weiß, das Elemente aus Kafkas Romanen, biografische Bezüge und Soderberghs Fabulierlust zu einem postmodernen Potpourri zusammenmixt. Nach einigen Independentfilmen folgt mit „Traffic – Macht des Kartells“ (2000) ein intelligent strukturiertes Drogendrama, für das er den Oscar erhält. Auf drei parallelen Erzählebenen werden die Machenschaften von Politik und Mafia mit Einzelschicksalen zu einem überzeugenden Porträt der Drogenwelt verwoben.
Mit „Ocean’s Eleven“ (2001) beginnt Soderbergh eine Serie von drei erfolgreichen Gauner-Komödien (2004, 2007), die mit absoluter Starbesetzung aufwarten: Kaum ein anderer Regisseur hat es geschafft, derart viele Hollywoodgrößen gemeinsam vor die Kamera zu holen. „Solaris“ (2002) hingegen ist eine Verfilmung von Stanislaw Lems gleichnamigem Sciencefiction-Roman: eine exzellente Kameraarbeit mit ätherischen Weltraumbildern, die den Plot allerdings etwas vernachlässigt.
In „The Good German – In den Ruinen von Berlin“ (2007) wendet sich Soderbergh dem politischen Film zu, dem eine zweiteilige Biografie über Che Guevara („Che“ 2008/2009) folgt. Mit „The Girlfriend Experience“ (2009) und „Magic Mike“ (2012) legt Soderbergh Milieustudien vor, die aus zunächst anrüchigen Themen (Prostitution und Striptease) berührende Einzelschicksale herausarbeiten und die Komplexität des Lebens mit großer Menschlichkeit darstellen. Im gleichen Jahr kündigt er an, sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. In den Hollywood-Studios habe man inzwischen zu wenig Mut, sich auf Ungewohntes und Gewagtes einzulassen.
Ein Jahr später überrascht Soderbergh mit „Behind the Candelabra“ (dt.: „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“, 2013), einer Fernsehproduktion (HBO) im Kinoformat. Das Drama um einen berühmten Entertainer, der heimlich eine gleichgeschlechtliche Beziehung hat, zeigt wiederum Soderberghs Mut, unbequeme Themen anzupacken und mit künstlerischem Gespür auf die Leinwand zu bringen. Man darf hoffen, dass die Fernsehgesellschaften ihm genügend Freiraum für sein künftiges Schaffen geben.
Markus Thiel
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2014)
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