Seine Meinung einbringen und Andersdenkende respektieren
Am 18. September stimmen die Menschen in Schottland über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Soll sich das Land vom Vereinigten Königreich lösen? Darüber diskutieren Gegner und Befürworter heftig. Edward Duncan (44) – an der Universität Sterling, Schottland, in der medizinischen Forschung tätig – hat sich in öffentlichen Debatten, Gesprächen und sozialen Netzwerken zu Wort gemeldet. Er plädiert in unserer britischen Schwesterzeitschrift „New City“ dafür, das Referendum als Chance zum Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Ansichten zu begreifen.
Das Vereinigte Königreich (UK) ist ein politischer Zusammenschluss getrennter Nationen. Nach über dreihundert Jahren sollen die Schotten 1) nun sagen, ob sie Teil dieser Union bleiben wollen oder nicht. Wir können uns freuen, dass dem Referendum ein friedlicher, demokratischer Weg vorausging und man nicht wie in vielen Ländern, die ihre Unabhängigkeit erreichen wollten, zu Gewalt gegriffen hat. Dennoch: Aufgeheizte Gemüter sind in sozialen Netzwerken mit Pöbeleien über Andersdenkende hergezogen; Unabhängigkeitsgegner haben gedroht: Gewinnen die Befürworter, kaufen wir den Strom in Frankreich und nicht mehr in Schottland, auch wenn das teurer und schwieriger ist.
Der 18. September 2014 ist ein entscheidender Tag in der Geschichte Schottlands. So ist es nicht verwunderlich, dass klare Positionen bezogen werden, auch darüber, wie man am besten wählen sollte. Die einen glauben, die schottische Unabhängigkeit hätte negative Auswirkungen, würde das Vereinigte Königreich schwächen. Andere meinen, die aus der Unabhängigkeit gewonnene Freiheit würde Schottland guttun, eine tatsächliche Gleichstellung der verschiedenen Nationen innerhalb des UK zur Folge haben und so zu mehr – nicht weniger! – Geschwisterlichkeit in Großbritannien und darüber hinaus beitragen. Welche Meinung man auch vertritt, die Volksabstimmung bietet den Schotten die einzigartige Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Das ist außergewöhnlich und eine große Verantwortung.
Während der Ausgang der Abstimmung völlig offen ist, ist eines sicher: Am 19. September wird es viele Enttäuschte geben. Dann ist erst recht jeder gefordert, die Zukunft gemeinsam und konstruktiv zu gestalten. Das hat auch der kürzlich neu bestimmte Moderator der presbyterianischen „Kirche Schottlands“ betont: Die Kirche werde als Instrument der Heilung und Versöhnung „im Schottland nach dem Referendum“ gebraucht.
Debatten darüber, wie man abstimmen soll, gibt es derzeit reichlich. Auch das sollte gefeiert werden. Denn wie der Rest Großbritanniens war Schottland in politische Apathie verfallen, was auch die bedrückend niedrige Wahlbeteiligung der letzten Jahrzehnte zeigt. Das Referendum hat nun das Engagement vieler Menschen für die Gesellschaft neu entfacht. Leider auch in Form von Effekthascherei von Politikern aller Parteien und von vielen Medien. Aber das wohl bedeutendste Engagement kam durch eine breite gesellschaftliche Bewegung, die von lokalen und nationalen Organisationen, einigen Universitäten, lokalen Kirchen und Schlüsselpersonen ausging. Sie haben versucht, sachlich über Fragen und Inhalte des Referendums zu informieren und sie so offen und weit wie möglich zu diskutieren. Dabei haben sich das Internet und die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter zu einem – zuweilen umstrittenen – Zentrum der Debatte entwickelt: eine moderne „Speaker´s Corner“ 2).
Die Herausforderung sehe ich darin, diese Debatten und Dialoge konstruktiv zu führen und dabei den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben. Ich selbst glaube leidenschaftlich daran, dass Schottland unabhängig sein kann und sollte, und habe meines Erachtens die Pflicht, das zu sagen. Das Gleiche gilt aber auch für den, der möchte, dass Schottland bei Großbritannien bleibt. Nun wäre es oft einfacher, schwierige Gespräche und Meinungsverschiedenheiten zu meiden, und das kann manchmal auch der richtige Weg sein. Aber er bremst das politische Engagement mehr, anstatt es zu fördern, und nimmt die Chance, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen.
Bei einem Referendum gibt es wenig Raum für Kompromisse: Man kann nur dafür oder dagegen sein. Wie kann man da zu einem konstruktiven politischen Dialog kommen, der Beziehungen und Geschwisterlichkeit aufbaut? Igino Giordani, Mitbegründer der Fokolar-Bewegung, war ein bekannter italienischer Politiker. Er hat Politik einmal beschrieben als: „Nächstenliebe in Aktion, als Diener, nicht Herr“. Diese Worte beschreiben für mich prägnant und brillant die Möglichkeiten der Politik und wie man sie ausüben sollte. Ich habe versucht, in dieser Haltung an den Debatten teilzunehmen.
Vor Kurzem haben Personen aus der Unterhaltungsindustrie dazu aufgerufen, mit „Nein“ abzustimmen. Menschen aus dem „Ja“-Lager haben diese daraufhin angeprangert und verspottet, manchmal unnötig heftig. Deshalb habe ich, wo es möglich war, darauf hingewiesen, dass beide Seiten Prominente für sich eingesetzt haben; Kampagnen und ihre Befürworter könnten nicht allein deshalb verunglimpft werden, weil man ihre Botschaft nicht teilt. In anderen Momenten habe ich die Chance genutzt, prominenten „Nein“-Befürwortern meinen Respekt zu zeigen.
Das mögen kleine Schritte sein, aber ich hoffe, sie zeigen jene Mäßigung, die den Dialog unterstützt und ihn nicht in reine Konfrontation abrutschen lässt.
Vor dem schottischen Parlament ist folgende Passage aus dem 1. Korintherbrief in Steinplatten eingraviert: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle …“ Dies ist eine Haltung, um die sich jeder, der an der Debatte über die Volksabstimmung teilnimmt, bemühen sollte. Dann werden wir auch nach dem Referendum gut aufgestellt sein, um weiter an jenem Schottland und jener Welt zu bauen, die wir alle haben wollen.
Edward Duncan
1) Wahlberechtigt sind auch Engländer, Iren, Europäer – alle, die in Schottland einen festen Wohnsitz haben.
2) Die „Ecke der Redner“ ist ein Versammlungsplatz am nordöstlichen Ende des Londoner Hyde Parks. Hier darf jeder ohne Anmeldung einen Vortrag zu einem beliebigen Thema halten.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2014)
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