Sei Friedensbringer!
Seit 1996 engagieren sich deutsche Jugendliche jeden Sommer für den Wiederaufbau in Bosnien. 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkrieges war das jährliche Sommercamp in Sarajevo dieses Jahr „eine Begegnung der besonderen Art“ und für viele „der Beginn einer neuen Zeit“.
„Dobro jutro“, „Good morning“ und „Guten Morgen“ – So begrüßten sich von Mitte Juli an jeden Morgen etwa 70 junge Menschen aus Bosnien, Slowenien, den Vereinigten Staaten und Deutschland im „Friedenscamp“ in Sarajevo. Zwei Wochen ihrer Ferien verbrachten sie hier und packten zunächst eine Woche lang dort an, wo sonst niemand hingeht: Mit der bosnischen Caritas hatten die Organisatoren im Vorfeld Personen ausfindig gemacht, die dringend Hilfe brauchten. Ihre Häuser zeigten noch immer Kriegsschäden und den Bewohnern fehlten – auch aufgrund der traumatischen Kriegserlebnisse – die Kräfte, selbst anzupacken. Nach einer Woche tatkräftigen Einsatzes hatten die Wohnungen einen neuen Anstrich, neue Fliesen oder ordentlich verlegte Stromkabel. Aber die Bewohner konnten sich nicht nur über eine schöne neue Wohnatmosphäre freuen, viele nahmen außerdem einen Funken neuer Hoffnung und Zuversicht mit, den die fleißigen Handwerker versprüht hatten – ganz nach dem Motto ihres Camps: „Don’t stop giving – Hör nicht auf zu geben.“
Das Friedenscamp geht auf eine lange Tradition zurück: Meinolf Wacker, Priester und damals Jugendseelsorger im Erzbistum Paderborn, machte sich 1996 zum ersten Mal mit Freiwilligen auf den Weg nach Bosnien, um beim Wiederaufbau zu helfen. Da die Not groß war, Hilfe stets dankbar angenommen wurde und sich immer wieder Helfer für diese Aufgabe fanden, wiederholten sie den Einsatz jeden Sommer. 19 Jahre lang. Kontakte wuchsen und festigten sich. Mit Unterstützung der Deutschen entstand in Sarajevo sogar ein Jugendhaus für bosnische Jugendliche. (s. Kasten)
Jedes Mal war am Ende der Camps aber nicht nur den Bosniern geholfen. Auch die deutschen Jugendlichen nahmen viel mit: Sie lernten eine ihnen unbekannte, vom Krieg erschütterte Wirklichkeit kennen und erlebten, wie bedeutend Frieden ist. Die Dankbarkeit der Menschen, die konkrete Arbeit und das Leben während der Wochen berührten und prägten sie: Im Camp fassen die Teilnehmer jeden Morgen das Tagesevangelium in ein griffiges Motto – in diesem Jahr etwa „Don’t stop giving“ (Hör nicht auf zu geben), „Jump into the present moment“ (Sei ganz im Augenblick) oder „Go down“ (Mach dich klein für andere). Bei einer Austauschrunde am Abend kann jeder von Situationen berichten, in denen er das Motto konkret umgesetzt oder ein anderer es für ihn gelebt hat. Und weil diese Impulse eines gemeinsam haben – sie zielen auf einen respekt- und liebevollen Umgang untereinander – prägen sie die Atmosphäre der Camps.
Und was bringt die jungen Menschen dazu, in ihren Sommerferien Häuser in Bosnien zu renovieren? Nico aus Deutschland ist sich sicher: „Ein Strandurlaub wäre zu langweilig.“ Er wollte Bosnien, seine Kultur und Geschichte, vor allem aber seine Menschen kennenlernen. Und: Er wollte denen, die nicht so viel Glück im Leben hatten, etwas geben. Monica aus Slowenien fügt hinzu: „Ich möchte mich für die Bosnier einsetzen, die noch heute unter den Folgen des Kriegs leiden. Um die Teilnahmekosten am Camp zu senken, haben wir Slowenen auf der Straße gesungen, Geld gesammelt und die Passanten über das Friedenscamp informiert. Das hat unsere Vorfreude auf diese Begegnung noch gesteigert!“
Vor hundert Jahren brach genau hier, am Ort der Friedenscamps, der 1. Weltkrieg aus. Klar, dass das Camp in diesem Jahr anders gestaltet sein musste. So reisten zu Beginn der zweiten Woche weitere 110 Jugendliche aus 13 Nationen an. Ganz Europa war vertreten: von Schweden bis Italien, von Mazedonien, Serbien, Kosovo, Albanien, Kroatien bis Polen und Deutschland. Gemeinsam wollten diese Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 23 Jahren ein Zeichen für den Frieden setzen. „Go4Peace – Setz dich ein für den Frieden“ und „Be bearers of Peace – Sei Friedensbringer!“ hatten sie die Woche überschrieben, in der sie – jetzt 180 Jugendliche aus 17 Ländern – gemeinsam mit der aus Italien angereisten internationalen Band Gen Rosso ein Musical mit einer starken Friedensbotschaft einüben und am Ende aufführen wollten: „Streetlight“, die Geschichte von Charles Moats, einem afro-amerikanischen jungen Mann, der sich mit Jugendlichen außerhalb seiner Gang anfreundet und umkommt, weil er Brücken zu Menschen anderer Herkunft und sozialer Schichten baute und zwischenmenschliche Barrieren überwand. Eine Story, die auf einer wahren Begebenheit von 1969 in Chicago basiert – und, wie die Jugendlichen feststellten, gar nicht so weit weg war von der Erfahrung des Camps und der bosnischen Geschichte.
In Workshops wie Licht- und Tontechnik, Tanzen, Singen und Schauspielen bereiteten die jungen Leute zusammen mit je einem Bandmitglied die Aufführung vor. Ide aus dem Kongo etwa leitete den Workshop „Strong Moves“, in dem eine Akrobatikeinheit zur Eröffnung der Show und ein Tanz einstudiert wurden. Dabei ging es jedoch nicht nur um Tanzschritte. Immer wieder sprachen die Teilnehmer über Beziehungen oder die Gefahr, eigene Erwartungen auf das Gegenüber zu projizieren. Eine junge Slowenin etwa erzählte hinterher: „Ich selber bin dafür verantwortlich, wie ich auf andere Menschen schaue und über sie denke. Der Friede will in jedem Augenblick in mir entstehen; dann kann ich ihn weitergeben. Ich werde versuchen, stärker über meine Gedanken und Worte zu wachen und so Friedensbringer zu sein!“ Ein anderer: „Ich habe kapiert, dass ich meine Freunde nur so sehe, wie ich sie sehen will. Ich hab noch gar nicht entdeckt, wie sie wirklich sind. So entsteht kein echtes Fundament, das trägt.“
Harte, schweißtreibende Übungstage, viel Konzentration, großes Durchhaltevermögen, aber auch ganz viel Freude kennzeichneten die Woche. Und dann der große Tag: Die Aufführung am 31. Juli war in allen Zeitungen Sarajevos und auf verschiedenen Fernsehkanälen angekündigt worden. Botschafter verschiedenster Länder, Bischöfe und Politiker waren gekommen. Und sie erlebten junge Leute aus Ländern, die teilweise vor noch gar nicht allzu langer Zeit im Krieg miteinander waren und die gemeinsam von Brücken, Miteinander und Frieden sangen.
Zu einem weiteren Abend brachten Busse 800 Jugendliche aus ganz Bosnien-Herzegowina; viele aus dem Norden, der vor wenigen Monaten von einer Flutkatastrophe betroffen war. Nicht nur für sie war es ein unvergesslicher Abend! Und ein erster Kontakt zu „ihrem“ Jugendhaus in Sarajevo, in dem das Konzert stattfand.
Ein wenig erahnten die Besucher der Konzerte sicher auch, was alle Teilnehmer des Friedenscamps in dieser Zeit entdeckt hatten: „Ganz gleich, aus welcher Nation wir stammen, wir alle sind Teil einer Menschheit!“ Und: Eigentlich „ticken“ doch alle gleich, haben die gleichen Wünsche für die Zukunft: Frieden, Toleranz und Akzeptanz untereinander. Das Gefühl der Verbundenheit, das sich innerhalb von zwei Wochen unter ihnen, Menschen aus 17 Ländern, einstellte, empfanden sie als „Geschenk Gottes“. Miteinander bekamen sie „eine Ahnung davon, wie segensreich ein friedliches und respektvolles Zusammenleben ist“.
Und was nehmen sie nun mit? „Wie erfüllend das Da-Sein und das Sich-verschenken für den anderen ist.“ Dabei sind sie sich durchaus bewusst, dass in einer Umgebung, in der Slogans wie „Geiz ist geil“ oder „Du bist es dir wert“ die Werbelandschaft beherrschen und einem vorgegaukelt wird, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ohne Rücksichtnahme auf andere glücklich macht, die Botschaft des Evangeliums einen ganz anderen Ansatz hat: „Sie sagt, dass man eine echte und tiefe Freude nur dann empfindet, wenn man sich für andere hingibt.“ Und das prägte das Camp und die Teilnehmer nachhaltig. Und weil sie spürten, dass sie mit dieser Lebensweise im Alltag bestimmt das eine oder andere Mal anecken werden, „verbündeten“ sie sich automatisch miteinander: Bei Facebook überschlugen sich die gegenseitigen Freundschaftsanfragen, Mailadressen wurden ausgetauscht. Und über einen Monatsbrief 1) von Meinolf Wacker mit einem Impuls für den Alltag können alle, die das wollen, in einer lebendigen Verbindung bleiben – ganz wie im Camp und frei nach dem Motto „Don’t stop giving!“
C. K.
1 ) onword.de
Bosnischer Friedensweg
Weihnachten 1995 regt Kardinal Karl Lehmann an, dass deutsche Jugendliche sich am Wiederaufbau in Bosnien beteiligen.
Im Juli 1996 startet Jugendseelsorger Meinolf Wacker (Paderborn) mit 29 Jugendlichen nach Vidovice im Norden Bosniens. Dort legen sie das Fundament für einen Friedenskindergarten und das Engagement der folgenden Jahre.
Jeden Sommer fahren seitdem etwa 70 junge Menschen nach Bosnien, seit Juli 2000 auch nach Sarajevo; sie arbeiten auf Baustellen und in Wohnungen hilfsbedürftiger Menschen. Mit der Zeit kommen Jugendliche aus anderen Ländern dazu. Einige Deutsche verbringen ihr soziales Jahr (sechs bis 18 Monate) in Bosnien, ab 2000 kommen Bosnier für ein Jahr nach Deutschland. 1999 zeichnet der Deutsche Bundestag den Friedensweg mit dem Förderpreis „Demokratie leben“ aus.
Im Rahmen des Weltjugendtages 2005 feiern 400 junge Leute aus Bosnien, Kroatien und Serbien im Jugendhaus Hardehausen ein Fest des Friedens.
Im November 2005 erwirbt die Erzdiözese Sarajevo mit Unterstützung aus Deutschland ein Gelände mit zwei Gebäuden: Das Jugendhaus „Haus Johannes Paul II.“ soll bosnischen Jugendlichen ein Zuhause geben, ihnen helfen, ihre eigene Identität zu finden und sie zum Dialog befähigen.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2014)
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